Ein Gen­tle­man, der Wei­chen stell­te

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - New York Mar­tin Su­ter

Am Frei­tag starb Ge­or­ge H. W. Bush 94-jäh­rig. Der ehe­ma­li­ge Us-prä­si­dent wird für sein Pflicht­be­wusst­sein und sein aus­sen­po­li­ti­sches Ge­spür ge­lobt

In der Nacht auf ges­tern ver­lor Ame­ri­ka Ge­or­ge Her­bert Wal­ker Bush, den letz­ten Prä­si­den­ten, der zur «gröss­ten Ge­ne­ra­ti­on» der Welt­kriegs­ve­te­ra­nen zähl­te. Der 41. Us-prä­si­dent starb im Al­ter von 94 Jah­ren in sei­nem Haus in Hous­ton, Te­xas, wo­mög­lich an Kom­pli­ka­tio­nen ei­ner Par­kin­son-er­kran­kung.

Sei­ne Nach­fol­ger zoll­ten ihm al­le­samt Re­spekt. Bill Cl­in­ton, mit dem ihn in sei­nen spä­ten Jah­ren ei­ne en­ge Freund­schaft ver­band, nann­te ihn ei­nen «eh­ren­haf­ten, gü­ti­gen und an­stän­di­gen Mann, der an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten glaub­te». Für Ba­rack Oba­ma war Bush Se­ni­or ein «Pa­tri­ot und be­schei­de­ner Die­ner». Do­nald und Me­la­nia Trump stimm­ten in das Lob ein, prie­sen Bushs «Echt­heit, ent­waff­nen­den Witz und un­be­irr­ba­res En­ga­ge­ment für Glau­ben, Fa­mi­lie und Hei­mat».

Bis zur für Mitt­woch in Wa­shing­ton ge­plan­ten Ab­dan­kungs­fei­er und dar­über hin­aus wer­den Po­li­ti­ker und Me­di­en die ame­ri­ka­ni­sche Öf­fent­lich­keit mit Lob­re­den über Bush über­schüt­ten. Wie nach dem Tod von Se­na­tor John Mc­cain geht es da­bei vie­len dar­um, den cha­rak­ter­li­chen Ge­gen­satz des Gen­tle­man Bush zum ak­tu­el­len Prä­si­den­ten zu be­to­nen.

An­ders als der Quer­ein­stei­ger aus Queens sah sich der mit den Pri­vi­le­gi­en des Geld­adels von Neu­eng­land auf­ge­wach­se­ne Ge­or­ge Bush früh be­ru­fen, sei­nem Land et­was zu­rück­zu­ge­ben. Mit 18 ver­schob er das Stu­di­um an der Ya­le-uni­ver­si­tät und trat mit­ten im Welt­krieg der US Na­vy bei. Am 2. Sep­tem­ber 1944 wur­de sein Tor­pe­do­bom­ber von der ja­pa­ni­schen Luft­ab­wehr über dem West­pa­zi­fik ab­ge­schos­sen, doch er über­leb­te.

Ei­ne lan­ge po­li­ti­sche Kar­rie­re bis zur Prä­si­dent­schaft

Nach dem Krieg hei­ra­te­te er Bar­ba­ra Pier­ce, die vor ihm kei­nen Mann ge­küsst hat­te. Die har­mo­ni­sche Ehe, der sechs Kin­der ent­spran­gen, währ­te bis zu Bar­ba­ra Bushs Tod im April die­ses Jah­res ins­ge­samt 73 Jah­re – län­ger als bei al­len an­de­ren Us-prä­si­den­ten.

Die ers­te Sta­ti­on der jun­gen Fa­mi­lie war Te­xas, wo sich Bush im Öl­ge­schäft ver­such­te. Dort be­gann in den 1960er-jah­ren auch sei­ne lan­ge po­li­ti­sche Kar­rie­re, die 1989 in der Prä­si­dent­schaft gip­fel­te.

Nie sei je­mand mit gleich um­fas­sen­der Vor­bil­dung ins höchs­te Amt ge­tre­ten, sa­gen His­to­ri­ker. Bush sam­mel­te Er­fah­rung im Mi­li­tär und im Busi­ness. Da­nach war er Mit­glied des Us-re­prä­sen­tan­ten­hau­ses, Bot­schaf­ter an den Ver­ein­ten Na­tio­nen, Par­tei­vor­sit­zen­der, Bot­schaf­ter in Chi­na und Cia­di­rek­tor. Un­ter Ro­nald Rea­gan am­te­te er acht Jah­re lang als Vi­ze­prä­si­dent.

Mit sei­ner Welt­läu­fig­keit war Bush bes­tens auf die aus­sen­po­li­ti­schen Auf­ga­ben im Weis­sen Haus vor­be­rei­tet. Be­hut­sam or­ches­trier­te er die Neu­ord­nung Eu­ro­pas nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er im No­vem­ber 1989. Er sei «ei­ner der Vä­ter der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung», sag­te Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ges­tern. «Das wer­den wir nie ver­ges­sen.»

Die gröss­te Her­aus­for­de­rung kam, als sich der Macht­ha­ber des Irak, Sad­dam Hus­sein, 1990 Ku­wait ein­ver­leib­te. «Dies wird nicht be­ste­hen blei­ben», er­klär­te Bush, stell­te ei­ne Ko­ali­ti­on von 30 Län­dern zu­sam­men und be­frei­te das Emi­rat in ei­nem bloss 100 Stun­den dau­ern­den Feld­zug.

Der Sieg in der Ope­ra­ti­on «De­sert Storm» be­en­de­te Ame­ri­kas mi­li­tä­ri­schen Pes­si­mis­mus, das «Viet­nam­syn­drom», und be­scher­te Bush ei­ne Zu­stim­mungs­quo­te von 90 Pro­zent. Doch ein­ein­halb Jah­re spä­ter un­ter­stütz­ten ihn nur noch 29 Pro­zent, wes­halb er 1992 sei­ne Wie­der­wahl ge­gen Bill Cl­in­ton ver­lor.

Bush wur­de das Op­fer sei­nes Er­folgs: Mit dem En­de des Kal­ten Kriegs brauch­te Ame­ri­ka nie­man­den mehr wie ihn. Die Kon­junk­tur war ab­ge­stürzt, ge­fragt wa­ren Er­fol­ge in der Wirt­schaft. Hier ver­sag­te Bush. Gleich­zei­tig brach­te er vie­le Re­pu­bli­ka­ner ge­gen sich auf, weil er sein Wahl­ver­spre­chen ge­bro­chen und die Steu­ern er­höht hat­te. Oh­ne es zu wol­len, stiess er da­mit in sei­ner Par­tei ei­nen Rechts­rutsch an – des­sen Fol­gen bis heu­te nicht aus­ge­stan­den sind.

41. Us-prä­si­dent von 1989 bis 1993: Ge­or­ge Bush

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