«Schach ist ein Kampf»

War­um ist das kom­ple­xe Brett­spiel plötz­lich an­ge­sagt? Der 22-jäh­ri­ge Ber­ner Schach­pro­fi No­ël Stu­der weiss wie­so

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT - Ti­na Huber

«Ca­rua­na will es jetzt wis­sen: Mit 21. c5 greift er an. Ris­kant.» – «Zieht er sei­ne Da­me von c4 weg, so ga­belt Schwarz sei­ner­seits auf d3 mit töd­li­cher Wir­kung!» – «Carl­sen macht Zü­ge, die we­nig Ge­gen­chan­cen zu­las­sen, der so­ge­nann­te ‹Boa Con­stric­tor Style›: Schwarz lang­sam er­wür­gen.» Die­se hoch­dra­ma­ti­schen Zei­len la­sen wir die­se Wo­che in Li­ve­ti­ckern nicht et­wa zur ei­ner ja­pa­ni­schen Kampf­sport­art, nein, son­dern: zur Schach-wm. Vi­el­leicht noch er­staun­li­cher: Die Ti­cker wur­den re­ge ge­klickt. Schach er­le­be ei­nen Auf­schwung, sagt No­ël Stu­der, Ber­ner Schach­pro­fi und jüngs­ter Gross­meis­ter der Schweiz.

Schach-li­ve­ti­cker sind be­liebt. Über­rascht Sie das?

Nein. Schach ist wie­der im Kom­men, auch un­ter Jun­gen. Ge­ra­de Schnell­schach ist at­trak­tiv. Da pas­siert was, man sieht Ges­tik und Mi­mik. Ich ha­be meh­re­re Kol­le­gen, die sich für Schach in­ter­es­sie­ren. Gut, die müs­sen ja fast.

Fuss­ball schau­en vie­le in Pu­b­lic Viewings. Wie ha­ben Sie die Schach-wm ver­folgt?

Schön wärs, gä­be es für Schach Pu­b­lic Viewings. Ich ha­be mir das Fi­na­le al­lein zu Hau­se an­ge­schaut. Auf pri­va­ten Web­sites kom­men­tie­ren Top-20-spie­ler die Par­ti­en. Das ist, wie wenn der FC Bar­ce­lo­na ge­gen Re­al Ma­drid spie­len und Ney­mar kom­men­tie­ren wür­de.

Wie re­agie­ren Gleich­alt­ri­ge, wenn Sie sa­gen, dass Sie Pro­fi­schach­spie­ler sind?

Frü­her, zu Gy­mi­zei­ten, ha­be ich mich da­für eher ge­schämt. Man wächst halt auf mit dem Ste­reo­typ, dass Schach­spie­ler Nerds sind. Heu­te bin ich stolz dar­auf, ich füh­le mich als ech­ter Pro­fi­sport­ler. Jetzt lacht auch nie­mand mehr. Die meis­ten fin­den es cool. Oder sie hal­ten es für ei­nen Witz – eben weil ich nicht dem Kli­schee des Schach­spie­lers ent­spre­che.

War­um in­ter­es­sie­ren sich Jun­ge in Zei­ten von Snap­chat und Youtube für et­was Ent­schleu­nig­tes wie Schach?

Wahr­schein­lich ge­ra­de dar­um. Heu­te kann man im­mer al­les so­fort ha­ben. Beim Schach musst du run­ter­fah­ren. Sel­ber den­ken, dich für et­was ent­schei­den und mit der Kon­se­quenz klar­kom­men. Das ist der per­fek­te Ge­gen­pol zum schnel­len Kon­sum. Und klar: Tschüt­te­ler sind auch nicht nur aus Freu­de am Fuss­ball im Club, son­dern weil sie gern mal ein Bier trin­ken da­nach. Das ist bei uns nicht an­ders.

In man­chen Län­dern ist Schach schon lan­ge Schul­fach.

Ich wür­de es sehr be­grüs­sen, wenn Schach an Schwei­zer Schu­len mehr ge­för­dert wür­de. Die­ser Sport ist sehr gut für die Ent­wick­lung ei­nes jun­gen Men­schen. An­statt im­mer nur auf die Tas­ta­tur zu hau­en, müs­sen die Ju­gend­li­chen an sich ar­bei­ten.

Als Brei­ten­sport wür­de es an Pres­ti­ge ver­lie­ren.

Ich ha­be kei­ne Angst, dass das Image lei­den wür­de. Klar, als Schach­spie­ler hat man ein ho­hes Re­nom­mee. Wir spie­len in An­zü­gen, kom­men klas­sisch da­her. Aber neh­men Sie Ar­me­ni­en als Bei­spiel: Schach ist dort Pflicht­fach an Schu­len, der ar­me­ni­sche Gross­meis­ter Le­won Aron­jan ist ein Na­tio­nal­held. In die­sem Land spie­len al­le Schach, und das An­se­hen ist da­durch nur noch grös­ser ge­wor­den.

Un­ter Fuss­bal­lern gibt es Tech­ni­ker und Künst­ler. Wel­cher Typ sind Sie?

Eher der in­tui­ti­ve Spie­ler. Des­halb bin ich ein gros­ser Fan von Welt­meis­ter Magnus Carl­sen, er hat ei­nen sehr star­ken In­stinkt. Ich spü­re das Spiel sehr gut. Mein Pro­blem ist manch­mal die tro­cke­ne Fleiss­ar­beit. Ich bin nicht der, der sich 15 Stun­den lang ver­schie­de­ne Va­ri­an­ten in den Kopf prü­gelt.

Wie viel trai­nie­ren Sie täg­lich?

Mo­men­tan be­rei­te ich mich auf die Schnell­schach-em vor. Das heisst: Auf­ste­hen um 7.30 Uhr, dann folgt ein vier­stün­di­ger Schach­block. Ich lö­se Auf­ga­ben, et­wa Schach­matt­set­zen in ein, zwei oder drei Zü­gen. Oder Er­öff­nungs­va­ri­an­ten ler­nen. Ich ha­be der­zeit vi­el­leicht knapp 250 Va­ri­an­ten im Re­per­toire.

Und die kör­per­li­che Fit­ness?

Die ist sehr wich­tig. Am Nach­mit­tag ge­he ich meist aufs Lauf­band oder in den Kraft­raum. Ein Schach­spie­ler ist über fünf, sechs Stun­den enorm an­ge­spannt. Du musst die Kon­zen­tra­ti­on rauf­fah­ren, run­ter­fah­ren, rauf­fah­ren. Das hält nur aus, wer kon­di­tio­nell pa­rat ist.

Was tun Schach­spie­ler, um sich vor ei­ner Par­tie auf­zu­wär­men?

Ei­ni­ge lö­sen ein­fa­che Schach­auf­ga­ben. Ich be­tä­ti­ge mich lie­ber kör­per­lich, et­wa mit Lie­ge­stüt­zen. Fünf Mi­nu­ten vor dem Spiel bin ich nicht mehr an­sprech­bar. Dann bin ich im Tun­nel, wie ein Ski­fah­rer, der die Pis­te im Kopf ab­fährt. Ich ge­he mei­ne Stra­te­gie durch oder die Schwä­chen des Geg­ners.

Schach sei Krieg, hat Carl­sen ge­sagt. Stim­men Sie dem zu?

Ja. Schach ist für mich ein Kampf – vor al­lem ge­gen mich selbst. Ich darf mir kei­nen Feh­ler er­lau­ben. Und wenn ich ei­nen ma­che, nie zu­rück­schau­en. Ich ver­su­che stets, mich auf das rich­ti­ge Mind­set zu trim­men. Und es über Stun­den bei­zu­be­hal­ten. Schach hat mich vie­le Ba­sics ge­lehrt, et­wa mich zu kon­zen­trie­ren oder Wör­ter schnel­ler aus­wen­dig zu ler­nen. Schach ist für mich ei­ne Le­bens­schu­le.

Fo­to: Gae­tan Bal­ly/keysto­ne

«Beim Schach musst du run­ter­fah­ren»: No­ël Stu­der

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