Chats hel­fen aus der Kri­se

Te­enager ver­trau­en sich bei psy­chi­schen Pro­ble­men ver­mehrt On­lin­ebe­ra­tun­gen und Selbst­hil­fe-apps an

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT - Lu­cie Mach­ac

Die Pu­ber­tät ist ei­ne fie­se Pha­se. Man fühlt sich so un­si­cher wie nie zu­vor, muss aber so cool sein wie nur mög­lich. Und die Welt scheint sich so­wie­so ge­gen ei­nen ver­schwo­ren zu ha­ben. Doch statt sich zu ver­krie­chen und al­lein vor sich hin­zu­lei­den, ho­len sich Ju­gend­li­che heu­te zu­neh­mend Rat und Hil­fe via Han­dy.

In Grossbritannien wird das seit ei­ni­gen Jah­ren deut­lich: Die kos­ten­lo­se und an­ony­me Be­ra­tungs­stel­le kooth.com ver­zeich­ne­te 2015 noch rund 20 000 User, letz­tes Jahr be­reits 65 000. In die­sem Jahr geht man von 100 000 jun­gen Nut­zern aus, wie der «Guar­di­an» be­rich­tet. In der Schweiz gibt es bis­her kei­ne ver­läss­li­chen Zah­len, die dar­über Aus­kunft ge­ben könn­ten, wie oder wie oft sich Ju­gend­li­che in Kri­sen­si­tua­tio­nen on­li­ne Hil­fe su­chen.

Schwei­zer Ju­gend­li­che wer­den sich aber ver­mut­lich kaum von ih­ren eng­li­schen Gspäänd­li un­ter­schei­den: Di­gi­tal Na­ti­ves ver­trau­en sich, we­nig über­ra­schend, auf der Su­che nach Ant­wor­ten zu­erst ein­mal Goog­le an. Bin ich de­pres­siv? War­um ritzt man sich? Was ist ei­ne Ess­stö­rung? Längst kann man sich on­li­ne auf De­pres­sio­nen oder je­de Form von Per­sön­lich­keits­stö­rung selbst tes­ten. Kommt hin­zu, dass auf di­ver­sen Li­fe­style-chan­nels In­flu­en­cer nicht nur Schmin­ko­der Mo­de­tipps ge­ben, son­dern in­zwi­schen auch prak­ti­sche Le­bens­hil­fe. Ei­ne wach­sen­de Grup­pe von So­ci­al-me­dia-stars the­ma­ti­siert die ei­ge­nen Er­fah­run­gen mit De­pres­sio­nen, Selbst­ver­let­zun­gen oder Buli­mie. Ih­re Posts ma­chen Mut, dass selbst schein­bar aus­weg­lo­se Kri­sen über­wind­bar sind. Psy­chi­sche Pro­ble­me ver­lie­ren da­durch teil­wei­se ihr Stig­ma. Dank so­zia­len Me­di­en wis­sen jun­ge Men­schen näm­lich: Vie­len da draus­sen geht es nicht an­ders.

Di­gi­tal Na­ti­ves er­war­ten So­fort­hil­fe

In­ter­net­re­cher­chen und der Aus­tausch in On­line­com­mu­nities sind oft ein ers­ter Schritt, wenn sich Ju­gend­li­che mit Pro­ble­men und de­ren Sym­pto­men aus­ein­an­der­set­zen. «Das kann hilf­reich sein, gleich­zei­tig aber auch zu vor­schnel­len Selbst­dia­gno­sen füh­ren und Ängs­te aus­lö­sen», sagt Mau­ri­zia Fr­an­sci­ni, lei­ten­de Ärz­tin an der Kli­nik für Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie in Zü­rich. Bei ei­nem Erst­ge­spräch mit ei­ner Fach­per­son sei es da­her wich­tig, auf die­se Ein­schät­zun­gen ein­zu­ge­hen, «mit dem Ziel, die jun­gen Pa­ti­en­ten auf- zu­klä­ren und un­nö­ti­ge Ängs­te ab­zu­bau­en», so Fr­an­sci­ni.

Bei schwer­wie­gen­den oder scham­be­haf­te­ten The­men wie Ge­walt in der Fa­mi­lie, Pa­nik­at­ta­cken oder Sui­zid­ge­fähr­dung wer­den dann aber doch On­lin­ebe­ra­tun­gen wie 147.ch im­mer häu­fi­ger als ers­te An­lauf­stel­le ge­nutzt. Wo­bei die Ju­gend­li­chen nicht mehr zwin­gend an­ru­fen. Sie mai­len oder nut­zen den Sms-ser­vice. Und im­mer mehr von ih­nen chat­ten am liebs­ten. «Di­gi­tal Na­ti­ves sind es ge­wohnt, dass sie sich jeg­li­che In­for­ma­tio­nen so­fort be­schaf­fen kön­nen, des­halb er­war­ten sie auch schnel­le per­sön­li­che Hil­fe in Kri­sen­si­tua­tio­nen», sagt Tho­mas Brun­ner, der Lei­ter von Be­ra­tung und Hil­fe 147.

Chat­ten mit Be­ra­te­rin­nen und Be­ra­tern ist po­pu­lär, weil der Aus­tausch in Echt­zeit statt­fin­det und man sich im Ge­gen­satz zu ei­nem Te­le­fon­ge­spräch auch in der Pau­se auf der Toi­let­te tip­pend aus­tau­schen kann, wenn man sich ge­ra­de schlecht fühlt. Aus­ser­dem kann es ge­ra­de nach se­xu­el­len Über­grif­fen viel ein­fa­cher sein, an­onym mit ei­ner Ver­trau­ens­per­son zu chat­ten, als sich in ei­ner psy­cho­lo­gi­schen Pra­xis zu ou­ten. Um die Hemm­schwel­le für Be­trof­fe­ne noch wei­ter zu sen­ken, bie­tet 147.ch seit die­sem Früh­ling des­halb ei­nen Peer-chat an, in dem Ju­gend­li­che, un­ter­stützt von Pro­fis, Gleich­alt­ri­ge be­ra­ten. Das An­ge­bot stösst laut Brun­ner auf re­ge Nach­fra­ge.

«Je grös­ser die Not, des­to di­rek­ter wol­len die Nut­ze­rin­nen und Nut­zer mit uns ver­bun­den wer­den», sagt Brun­ner. Der Te­le­fon­ka­nal sei des­halb nach wie vor wich­tig. Zu­mal sich der Fo­kus von Fra­gen rund um Se­xua­li­tät kon­ti­nu­ier­lich zu schwer­wie­gen­den Pro­ble­men ver­schiebt. Täg­lich stel­len zwei bis drei Ju­gend­li­che Fra­gen zum The­ma Sui­zid oder äus­sern kon­kre­te Sui­zid­ge­dan­ken.

Selbst­hil­fe­pro­gram­me er­for­dern viel Dis­zi­plin

Ak­tu­ell dre­hen sich fast 30 Pro­zent al­ler 147-Kon­tak­te um an­hal­ten­de de­pres­si­ve Stim­mun­gen, Rit­zen, Ess- und Schlaf­stö­run­gen oder Ängs­te. Brun­ner er­klärt die­se Ver­schie­bung ei­ner­seits mit dem zu­neh­men­den Leis­tungs­druck, sei dies in der Schu­le oder in den so­zia­len Me­di­en, an­de­rer­seits de­cke das In­ter­net die The­men Se­xua­li­tät und Lie­be be­reits sehr gut ab. Eben­falls sehr be­liebt sind Selbst­hil­fe-apps, de­ren An­lei­tun­gen hel­fen sol­len, ein be­stimm­tes Ver­hal­ten oder Ängs­te selbst zu ma­na­gen. Die Pa­let­te reicht von Acht­sam­keits­an­wen­dun­gen bis zu Apps ge­gen Sucht oder zur Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung (ADHS). Ob sie et­was nüt­zen, ist bei den meis­ten je­doch nicht wis­sen­schaft­lich un­ter­sucht.

Dass Ju­gend­li­che die ei­ne oder an­de­re Selbst­hil­fe-app aus­pro­bie­ren, hält Phil­ipp Ramming für un­pro­ble­ma­tisch. «Es ist nor­mal, dass Te­enager neue Din­ge aus­pro­bie­ren», fin­det der Prä­si­dent der Schwei­ze­ri­schen Ver­ei­ni­gung für Kin­der- und Ju­gend­psy­cho­lo­gie. Wer sich auf ein Selbst­hil­fe­pro­gramm ein­las­se, brau­che aber viel Dis­zi­plin und Durch­hal­te­ver­mö­gen. «Ju­gend­li­che sind zwar schnell für Trends zu be­geis­tern, doch genau­so schnell wird ih­nen ei­ne App ver­lei­den, wenn der Lei­dens­druck nicht gross ge­nug ist oder an­de­re Gspäänd­li die App blöd fin­den.»

Fo­to: Get­ty Images

Wenn Ju­gend­li­che sich schlecht füh­len, grei­fen sie zum Smart­pho­ne: Mit Be­ra­tern chat­ten ist auch in der Pau­se mög­lich

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