Frau­en­quo­te im Bun­des­rat ist vom Tisch

Die Par­tei­en weh­ren sich da­ge­gen, den Frau­en­an­teil künf­tig fix in die Zau­ber­for­mel auf­zu­neh­men

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - De­nis von Burg, Adri­an Schmid, Mi­scha Ae­bi

Die Bun­des­rats­par­tei­en wol­len die von Frau­en­ver­bän­den ge­for­der­te Kon­kor­danz der Ge­schlech­ter nicht ak­zep­tie­ren. «Der Frau­en­an­teil kann nicht Teil der Zau­ber­for­mel wer­den», sagt SVP-CHEF Al­bert Rös­ti. Man las­se sich nicht vor­schrei­ben, dass es in Zu­kunft im­mer drei oder vier Frau­en im Bun­des­rat ha­ben müs­se. «Wir kön­nen uns den Hand­lungs­spiel­raum bei Wah­len nicht noch durch ein Frau­en­kri­te­ri­um ein­engen las­sen», un­ter­stützt ihn Cvp­prä­si­dent Ger­hard Pfis­ter. Und für Fdp-frak­ti­ons­chef Beat Wal­ti ist klar: «Ich bin ve­he­ment da­ge­gen, dass man die Ge­schlech­ter­fra­ge im Bun­des­rat zu ei­nem Kon­kor­d­anz­kri­te­ri­um macht.» So­gar die Lin­ke will sich kei­ner Ge­schlech­ter­kon­kor­danz un­ter­wer­fen: «In be­stimm­ten Fäl­len muss es mög­lich sein, da­von ab­zu­wei­chen», sa­gen Spf­rak­ti­ons­chef Ro­ger Nord­mann und Grü­nen-prä­si­den­tin Re­gu­la Rytz.

Zu­min­dest für die Lin­ke gibt es auch ei­nen kon­kre­ten An­lass für das Nein zur Frau­en­quo­te: Beim Rück­tritt von Ue­li Mau­rer droht ih­nen die Kan­di­da­tur von Mag­da­le­na Mar­tul­lo-blo­cher. Und die­ser will man not­falls mit ei­ner Män­ner-al­ter­na­ti­ve aus­wei­chen kön­nen: «Die SP ist nicht be­reit, ir­gend­ei­ne Svp-ver­tre­te­rin in den Bun­des­rat zu wäh­len, nur da­mit der Ge­schlech­ter­pro­porz ein­ge­hal­ten wird», macht Nord­mann klar.

Adri­an Schmid, De­nis von Burg und Mi­scha Ae­bi

Frau­en in ro­ten T-shirts der Ak­ti­on «Hel­ve­tia ruft» und Fd­pf­rau­en mit blau­en Hals­tü­chern: Nach der Wahl der ach­ten und neun­ten Bun­des­rä­tin in der Ge­schich­te der Schweiz, Vio­la Am­herd und Ka­rin Kel­ler-sut­ter, gabs am Mitt­woch auf dem Ber­ner Bun­des­platz far­bi­ge State­ments. Drin­nen im Bun­des­haus wa­ren gros­se Wor­te zu hö­ren: Von ei­nem his­to­ri­schen Tag war die Re­de, weil das Par­la­ment erst­mals zwei neue Frau­en in die Lan­des­re­gie­rung ge­wählt hat­te. Die Idee ei­ner neu­en Kon­kor­danz der Ge­schlech­ter wur­de ge­bo­ren. Künf­tig sol­len nicht nur Her­kunft und Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit bei der Aus­wahl der Bun­des­rä­tin­nen und Bun­des­rä­te mass­ge­bend sein, son­dern auch das Ge­schlecht. Zu­dem wur­de ei­ne neue Zau­ber­for­mel ins Spiel ge­bracht: dass im­mer min­des­tens drei Frau­en und Män­ner im Bun­des­rat ver­tre­ten sind.

Doch jetzt, nur ein paar Ta­ge nach der Wahl, dämp­fen Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker aus al­len La­gern die neue Frau­en­eu­pho­rie be­reits wie­der. «Der Frau­en­teil kann nicht Teil der Kon­kor­danz oder der Zau­ber­for­mel wer­den», sagt Svp­prä­si­dent Al­bert Rös­ti. Der Hand­lungs­spiel­raum wer­de da­durch zu stark ein­ge­schränkt. Auch Fd­pf­rak­ti­ons­chef Beat Wal­ti ist «ve­he­ment da­ge­gen», dass die Ge­schlech­ter­fra­ge zu ei­nem Kon­kor­d­anz­kri­te­ri­um ge­macht wird. Das obers­te Ziel bei Bun­des­rats­wah­len müs­se sein, die für das Amt ge­eig­nets­te Per­son zu fin­den, sagt er. «Wenn wir noch mehr zwin­gen­de Kri­te­ri­en auf­stel­len, wird es noch schwie­ri­ger, die Fä­higs­ten für den Bun­des­rat zu fin­den.» Auch CVPCHEF Ger­hard Pfis­ter möch­te die Kan­di­die­ren­den­aus­wahl nicht noch durch ei­ne Ge­schlech­ter­quo­te ein­schrän­ken.

So­gar Lin­ke ge­ben sich über­ra­schend zu­rück­hal­tend. Sp-frak­ti­ons­chef Ro­ger Nord­mann will nichts von ei­ner neu­en Zau­ber­for­mel wis­sen. Er sagt le­dig­lich, dass ein Ge­schlech­ter­ver­hält­nis von vier zu drei im Bun­des­rat «meis­tens» ge­währ­leis­tet sein soll­te. «In be­stimm­ten Fäl­len muss es aber mög­lich sein, da­von ab­zu­wei­chen.» Er ver­weist lie­ber dar­auf, dass jetzt die Pro­ble­me im Na­tio­nal- und Stän­de­rat an­ge­packt wer­den müss­ten. Dort sei die bür­ger­li­che Frau­en­ver­tre­tung «de­so­lat».

Na­ta­lie Rick­li als Al­ter­na­ti­ve zu Mar­tul­lo-blo­cher?

Grü­nen-prä­si­den­tin Re­gu­la Rytz fin­det zwar, dass Frau­en im Bun­des­rat an­ge­mes­sen ver­tre­ten sein soll­ten und dies in der Bun­des­ver­fas­sung ex­pli­zit fest­ge­hal­ten wer­den sol­le. An­ge­mes­sen heisst für sie: min­des­tens drei Frau­en oder Män­ner. Aber selbst Rytz lässt ein Hin­ter­tür­chen of­fen. «Für ei­nen zeit­lich be­grenz­ten Aus­nah­me­fall kön­nen es auch ein­mal nur zwei Frau­en oder Män­ner sein.»

Bei ei­ner Ge­schlech­ter­kon­kor­danz sind pri­mär die gros­sen Bun­des­rats­par­tei­en ge­for­dert: SVP, FDP und SP, die zwei Sit­ze ha­ben. Sie müss­ten ei­gent­lich ei­ne Frau und ei­nen Mann im Bun­des­rat stel­len. Von ih­nen steht jetzt nach der Wahl von FDP-FRAU Kel­ler-sut­ter aber nur noch die SVP oh­ne Bun­des­rä­tin da. Sie kann sich in der Frau­en­fra­ge wei­ter­hin hin­ter der CVP ver­ste­cken. Um ei­ner Kon­kor­danz der Ge­schlech­ter Rech­nung zu tra­gen, dürf­te von der SVP aber er­war­tet wer­den, dass sie bei der nächs­ten Va­kanz eben­falls mit ei­ner Frau an­tritt. Auch wenn in die­sen Ta­gen wie­der hef­tig über ei­nen Rück­tritt von Ue­li Mau­rer

auf En­de 2019 spe­ku­liert wird, dürf­te er frü­hes­tens in vier bis fünf Jah­ren aus dem Bun­des­rat aus­schei­den. Aus heu­ti­ger Sicht ist Svp-na­tio­nal­rä­tin Mag­da­le­na Mar­tul­lo-blo­cher die aus­sichts­reichs­te Kan­di­da­tin für sei­ne Nach­fol­ge. Das ist bri­sant.

«Ich er­war­te von der SVP, dass sie bei der nächs­ten Va­kanz zu­min­dest mit ei­nem Ti­cket an­tritt, auf dem ei­ne Frau und ein Mann ste­hen», sagt Glp-prä­si­dent Jürg Gros­sen. «Von mir aus kann die SVP auch Frau Mar­tul­lo-blo­cher brin­gen.» Das se­hen aber nicht al­le so. Ge­ra­de Lin­ke kön­nen sich nur schwer ei­ne Bun­des­rä­tin Mar­tul­lo-blo­cher vor­stel­len. Sie er­tei­len ei­ner Ge­schlech­ter­kon­kor­danz ge­ra­de des­halb ei­ne Ab­sa­ge, weil sie nicht in die Mar­tul­lo-blo­cher-fal­le tap­pen wol­len. «Die SP ist nicht be­reit, ir­gend­ei­ne Svp-ver­tre­te­rin in den Bun­des­rat zu wäh­len, nur da­mit der Ge­schlech­ter­pro­porz ein­ge­hal­ten wird», sagt Frak­ti­ons­chef Nord­mann. Wenn die SVP mit Mar­tul­lo-blo­cher an­tre­te, sei er nicht si­cher, ob sie von der SP ge­wählt wür­de.

Ei­ne Blo­cher-dy­nas­tie im Bun­des­rat wird selbst in FDP- und so­gar Svp-krei­sen mit Skep­sis be­trach­tet. Da­her hat die Su­che nach Al­ter­na­ti­ven be­gon­nen. «Wir wer­den bei der nächs­ten Va­kanz ge­nü­gend ge­eig­ne­te Frau­en und Män­ner zur Aus­wahl ha­ben», sagt SVP-CHEF Rös­ti. In den füh­ren­den Par­teizir­keln kur­siert be­reits der Na­me ei­ner an­de­ren SVPFRAU: Na­ta­lie Rick­li. Die Na­tio­nal­rä­tin kan­di­diert der­zeit für die Zürcher Kan­tons­re­gie­rung. Im Fal­le ei­ner Wahl wä­re sie bis zum Rück­tritt von Ue­li Mau­rer be­reit, um Bun­des­rä­tin zu wer­den, so der Plan der Par­tei­stra­te­gen. Da­ne­ben wer­den aber auch Na­tio­nal­rä­te wie Tho­mas Ae­schi, Tho­mas Mat­ter oder Gre­gor Rutz als Svp-bun­des­rats­an­wär­ter ge­han­delt. Al­so am En­de wie­der ein Mann – statt ei­ner Frau?

His­to­ri­scher Tag: Mit Vio­la Am­herd (CVP, links) und Ka­rin Kel­ler-sut­ter (FDP) wur­den am letz­ten Mitt­woch erst­mals zwei neue Bun­des­rä­tin­nen gleich­zei­tig ge­wählt

Mag­da­le­na Mar­tul­lo-blo­cher

Fo­to: Ant­ho­ny Anex/keystone

Eli­sa­beth Kopp

Eve­li­ne Wid­mer-schlumpf

Mi­che­li­ne Cal­my-rey

Ruth Drei­fuss

Si­mo­net­ta Som­maru­ga

Ruth Metz­ler

Do­ris Leuthard

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