War­te­lis­ten bei der Ster­be­hil­fe

Die gröss­te Schwei­zer Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on Exit hat zu we­nig Frei­tod­be­glei­ter und kann nicht al­le Ne­u­mit­glie­der be­treu­en

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Si­mon Wid­mer

Exit ist per­so­nell am An­schlag. Wer sich bei der Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on an­mel­det, um ei­ne mög­li­che Frei­tod­be­glei­tung ab­zu­klä­ren, wird seit An­fang De­zem­ber auf ei­ne War­te­lis­te ge­setzt. Ne­u­mit­glie­der kön­nen zur­zeit al­so kei­ne Ster­be­hil­fe in An­spruch neh­men. Die Mass­nah­me gilt für un­be­stimm­te Zeit. Man se­he sich zu die­sem Schritt ver­an­lasst, «da der­zeit die per­so­nel­len Ka­pa­zi­tä­ten bei den Frei­tod­be­glei­te­rin­nen und Frei­tod­be­glei­tern sehr knapp sind», heisst es bei Exit.

Wie vie­le Per­so­nen auf der War­te­lis­te sind, will die gröss­te Schwei­zer Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on nicht be­kannt ge­ben. Spre­cher Jürg Wi­ler sagt: «Es sind sehr we­ni­ge Pa­ti­en­ten in ei­ner Not­si­tua­ti­on be­trof­fen, de­ren An­ge­hö­ri­ge an uns ge­lan­gen. Der­zeit ma­chen wir sie zu­sam­men mit den be­han­deln­den Ärz­ten – noch aus­drück­li­cher als sonst – auf Al­ter­na­ti­ven wie die Pal­lia­tiv­be­hand­lung auf­merk­sam.»

Exit ist Op­fer des ei­ge­nen Er­fol­ges ge­wor­den. Zwi­schen 2010 und heu­te ist die Mit­glie­der­zahl der Or­ga­ni­sa­ti­on von 52 000 auf über 120 000 Per­so­nen an­ge­wach­sen. Die Ten­denz ist wei­ter stei­gend. Exit sel­ber wirbt gross­flä­chig um neue Mit­glie­der. Im Herbst et­wa mit ganz­sei­ti­gen In­se­ra­ten in meh­re­ren Schwei­zer Zei­tun­gen. Auch pro­du­zier­te die Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on Fern­seh­spots mit Pro­mi­nen­ten wie Peach We­ber, Rolf Knie oder der Bas­ler Sp­stän­de­rä­tin Ani­ta Fetz.

Exit will Öf­fent­lich­keits­ar­beit nicht auf­ge­ben

An die­ser ak­ti­ven Öf­fent­lich­keits­ar­beit will Exit fest­hal­ten – ob­wohl die Wer­be­kam­pa­gnen teil­wei­se auf har­sche Kri­tik stos­sen. Die Bi­schofs­kon­fe­renz äus­ser­te sich sehr kri­tisch zur gross an­ge­leg­ten Kam­pa­gne und sprach da­von, dass «Exit vor al­lem ein Ge­schäfts­mo­dell ist, das den as­sis­tier­ten Sui­zid als Bu­si­ness be­treibt und die­sen of­fen­siv be­wirbt». Und das Schwei­zer Fern­se­hen wei­ger­te sich, die Exit-wer­be­fil­me aus­zu­strah­len. Die Frei­tod­be­glei­tung sei «nicht nur po­li­tisch, son­dern auch ge­sell­schaft­lich stark um­strit­ten», so die Be­grün­dung.

Auch an­ge­sichts der ak­tu­el­len Ka­pa­zi­täts­pro­ble­me stellt sich die Fra­ge, ob es Sinn macht, dass Exit so ak­tiv um neue Mit­glie­der wirbt. «Die Kri­tik an den Exit-öf­fent­lich­keits­kam­pa­gnen greift zu kurz. Es gibt nach wie vor zahl­rei­che Ak­teu­re in der Schweiz, wel­che die Selbst­be­stim­mung am Le­bens­en­de grund­sätz­lich ab­leh­nen. Das wol­len wir än­dern», sagt Jürg Wi­ler. Für ihn kön­ne die Or­ga­ni­sa­ti­on pro­blem­los noch wei­ter wach­sen. «Je mehr Mit­glie­der Exit bei­tre­ten, des­to grös­ser ist die Durch­schlags­kraft der Or­ga­ni­sa­ti­on für ih­re An­lie­gen. Ent­spre­chend gibt es für uns kei­ne Ober­gren­ze», sagt er.

Bei Exit rech­net man auch zu­künf­tig mit ei­nem Mit­glie­der­wachs­tum. Die Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on be­ruft sich auf ei­ne Um­fra­ge des Schwei­ze­ri­schen Ge­sund­heits­ob­ser­va­to­ri­ums. Ge­mäss die­ser äus­ser­ten 8,5 Pro­zent der Be­frag­ten ab 55 die Ab­sicht, in Zu­kunft ei­ner Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on bei­zu­tre­ten. Exit lei­tet dar­aus ei­ne mög­li­che Mit­glie­der­zahl von 250 000 in ein paar Jah­ren ab. Al­so mehr als dop­pelt so vie­le wie heu­te.

Frei­tod­be­glei­ter sind oft ab­we­send

Ob­wohl Frei­tod­be­glei­ter ei­ne sehr sen­si­ble Auf­ga­be aus­füh­ren, ist in der Schweiz nicht ge­setz­lich ge­re­gelt, wer die­se Tä­tig­keit aus­üben darf. Fest­ge­hal­ten ist ein­zig, dass die Bei­hil­fe zum Sui­zid nicht aus selbst­süch­ti­gen Mo­ti­ven oder aus Geld­gier er­fol­gen darf.

Ak­tu­ell ar­bei­ten 40 Frei­tod­be­glei­ter eh­ren­amt­lich für Exit. Vie­le hät­ten die El­tern­pha­se be­reits hin­ter sich oder sei­en im Pen­si­ons­al­ter und wür­den des­halb oft in der Ne­ben­sai­son in die Fe­ri­en ge­hen, sagt Wi­ler. «Das führt jetzt zu ei­nem Ka­pa­zi­täts­eng­pass, zu­mal un­se­re Ad­mi­nis­tra­ti­on und der Ver­ein ins­ge­samt durch kurz­fris­ti­ge Ge­su­che von Nicht­mit­glie­dern be­son­ders stark be­las­tet wer­den.» Eben­so sei­en zur­zeit über­durch­schnitt­lich vie­le Frei­tod­be­glei­ter auf­grund des Wet­ters krank. Um zu­künf­tig Eng­päs­se zu ver­hin­dern, bil­det Exit ak­tu­ell meh­re­re In­ter­es­sen­ten aus. Al­ler­dings be­en­den die­se ih­re Schu­lung erst ab An­fang des nächs­ten Jah­res.

Fo­to: Keystone

Star­kes Wachs­tum: In den letz­ten Jah­ren hat Exit die Zahl der Mit­glie­der mehr als ver­dop­pelt

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