Leuthard macht Ju­gend­li­chen ein um­strit­te­nes Ge­schenk

Dank der Ver­kehrs­mi­nis­te­rin sol­len 17-Jäh­ri­ge bald den Lern­fahr­aus­weis be­kom­men. Die brei­te Geg­ner­schaft hat sie re­gel­recht aus­ge­he­belt

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Mi­scha Ae­bi

Ab nächs­tem Jahr dür­fen al­ler Vor­aus­sicht nach be­reits 17-Jäh­ri­ge als Lern­fah­rer mit Pa­pi auf dem Bei­fah­rer­sitz ans Steu­er. Pünkt­lich auf den 18. Ge­burts­tag, al­so rund ein hal­bes Jahr frü­her als bis­her, kön­nen sie dann ih­ren Füh­rer­schein er­wer­ben. Die ab­tre­ten­de Ver­kehrs­mi­nis­te­rin Do­ris Leuthard will die hoch­um­strit­te­ne Sen­kung des Min­dest­al­ters am nächs­ten Frei­tag per Ver­ord­nungs­än­de­rung vom Ge­samt­bun­des­rat be­wil­li­gen las­sen. Die Sen­kung ist Teil ei­ner Re­form der Vor­schrif­ten für Füh­rer­prü­fun­gen. Leuthards Spre­cher Do­mi­ni­que Bu­g­non be­stä­tigt, das Ziel sei, die Neue­run­gen noch vor Weih­nach­ten vom Bun­des­rat ab­seg­nen zu las­sen. Die Geg­ner sind ent­setzt. Sie glau­ben, dass Leuthard das Ge­schäft Ta­ge vor ih­rem Rück­tritt durch­drü­cken will, weil ihr Nach­fol­ger an­ders ent­schei­den könn­te. Das sei Leuthards Ab­schieds­ge­schenk an die Au­to­lob­by.

Dass die Ver­kehrs­mi­nis­te­rin das Ge­schäft bis En­de Jahr noch dem Bun­des­rat vor­le­gen kann, ist er­staun­lich: Denn nicht nur die Stif­tung für Ver­kehrs­si­cher­heit, Road­cross, und der Ver­kehrs-club der Schweiz (VCS) ha­ben ge­gen die Sen­kung des Min­dest­al­ters pro­tes­tiert. Im Sep­tem­ber hat­ten 30 von 48 Stän­de­rä­ten al­ler gros­sen Par­tei­en ei­ne Mo­ti­on des frei­sin­ni­gen Stän­de­ra­tes Hans Wi­cki un­ter­zeich­net, wel­che die Sen­kung per Ge­setz ver­hin­dern will. We­gen des Vor­stos­ses wä­re das Ge­schäft ei­gent­lich blo­ckiert. Auch die Un­fall­ver­hü­tungs­stel­le Bf U fin­det die Sen­kung pro­ble­ma­tisch.

Stän­de­rä­te schwen­ken im letz­ten Mo­ment um

Doch die­se Wo­che hat die Ver­kehrs­mi­nis­te­rin hin­ter den Ku­lis­sen ih­re Macht aus­ge­spielt. Sie hat sich mit Geg­nern aus dem Stän­de­rat ge­trof­fen und sie über­re­det, dass es wich­tig sei, dass der Bun­des­rat das Pa­ket mit den neu­en Re­geln noch in den letz­ten Ta­gen ih­rer Amts­zeit be­schlies­sen kön­ne. Da­bei sei es nicht mög­lich, ein­zel­ne Punk­te aus­zu­klam­mern. Oh­ne­hin wür­den nicht vie­le von der Mög­lich­keit Ge­brauch ma­chen, be­reits am 17. Ge­burts­tag den Lern­fahr­aus­weis zu be­an­tra­gen, soll sie ge­sagt ha­ben.

Nach der ma­gis­tra­len Über­zeu­gungs­re­de brauch­te es bloss noch ein mi­ni­ma­les Zu­ge­ständ­nis, und die Geg­ner im Stän­de­rat ga­ben klein bei. Stän­de­rat Wi­cki be­stä­tigt auf An­fra­ge, dass er die Mo­ti­on zu­rück­zie­he. Be­grün­dung: «Ver­kehrs­mi­nis­te­rin Do­ris Leuthard kommt uns ent­ge­gen, in­dem sie die An­pas­sung zwar wie vor­ge­se­hen in Kraft setzt, aber nach drei Jah­ren ei­ne schrift­li­che Eva­lua­ti­on zu den Aus­wir­kun­gen macht.» Auch Fd­p­stän­de­rat Phil­ipp Mül­ler, der bei den Ver­hand­lun­gen hin­ter den Ku­lis­sen da­bei war, gibt auf: «Hät­te man an der Mo­ti­on fest­ge­hal­ten, wä­re die ge­sam­te Ver­ord­nungs­än­de­rung blo­ckiert ge­we­sen.» Das ha­be man nicht ge­wollt, weil die Ver­ord­nungs­än­de­rung auch et­li­che Punk­te zur Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­si­cher­heit be­inhal­te.

Bei den Geg­nern ver­steht man die Welt nicht mehr. Das Vor­ge­hen stim­me ihn trau­rig, sagt Road­cross­stif­tungs­rat Wil­li Wis­mer: «Mir ist schlei­er­haft, wie die 30 Stän­de­rä­te über Nacht plötz­lich ih­re Mei­nung än­dern konn­ten», sagt er. Wis­mer ist auch Fdp-po­li­ti­ker und Prä­si­dent des Zürcher Fahr­leh­rer­ver­ban­des. Ge­ra­de­zu ge­reizt ist Grü­nen­prä­si­den­tin Re­gu­la Rytz: «Es ist un­glaub­lich, dass die Ver­kehrs­mi­nis­te­rin ge­gen den Wil­len der Fach­ver­bän­de und der Ver­kehrs­si­cher­heits­ex­per­ten das Min­dest­al­ter für Lern­fah­rer auf 17 Jah­re ab­sen­ken will.» Leuthard ha­be sich «von der Au­to­lob­by in­stru­men­ta­li­sie­ren» las­sen, so Rytz. «Das Au­to­ge­wer­be will die Jun­gen mög­lichst früh ans Au­to­fah­ren ge­wöh­nen und den Kon­sum an­kur­beln.»

Die of­fi­zi­el­le Be­grün­dung für die Sen­kung des Min­dest­al­ters für den Lern­fahr­aus­weis: Weil künf­tig Lern­fah­rer erst zur Prü­fung zu­ge­las­sen wer­den, wenn sie den Lern­fahr­aus­weis min­des­tens ein Jahr lang ha­ben, müs­se es mög­lich sein, den Lern­fahr­aus­weis frü­her zu be­an­tra­gen. Für Ex­per­ten und Fahr­leh­rer ist klar: Mit die­ser Re­gel bringt man die Fahr­schü­ler nicht da­zu, vor der Fahr­prü­fung mehr Fahr­stun­den zu neh­men oder mehr in Be­glei­tung von Er­wach­se­nen zu fah­ren.

Fo­to: Keystone

Sen­kung des Min­dest­al­ters: Ex­per­ten be­zwei­feln, dass Lern­fah­rer da­durch mehr Fahr­stun­den neh­men

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.