Kan­ton Bern er­teilt «Schwei­zer Is­lam» ei­ne Ab­sa­ge

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Adri­an Schmid

Es ist ein Rück­schlag für Sp­chef Chris­ti­an Lev­rat. Ihm schwebt ein «Schwei­zer Is­lam» vor. Mus­li­mi­sche Glaubensgemeinschaften sol­len über ei­ne staat­li­che An­er­ken­nung bes­ser in­te­griert wer­den. Dies sorg­te par­tei­in­tern be­reits für hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen. Jetzt zeigt sich, dass der Kan­ton Bern nichts von Lev­rats Plan wis­sen will.

Der Kan­tons­re­gie­rung fass­te kürz­lich ei­nen Grund­satz­ent­scheid: Sie will we­der ei­nen Schwei­zer Is­lam, noch mag sie die staat­li­che An­er­ken­nung für wei­te­re Glaubensgemeinschaften öff­nen, ge­schwei­ge denn ei­ne Dis­kus­si­on in Gang brin­gen. Ei­gent­lich will der Re­gie­rungs­rat nichts än­dern und an der his­to­ri­schen Ver­bun­den­heit mit den christ­li­chen Lan­des­kir­chen fest­hal­ten. Der Kan­ton soll le­dig­lich ver­mehrt den Kon­takt zu nicht an­er­kann­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten su­chen.

Der Ent­scheid ist gleich aus meh­re­ren Grün­den bri­sant: Ers­tens setz­te die bür­ger­li­che Mehr­heit den Be­schluss ge­gen den Wil­len der zu­stän­di­gen Re­gie­rungs­rä­tin Evi Al­le­mann durch, die der SP an­ge­hört. Zwei­tens liess der Re­gie­rungs­rat vor ei­ni­ger Zeit noch ver­lau­ten, er wer­de auf Ba­sis ei­nes Ex­per­ten­be­richts «mög­li­che Hand­lungs­op­tio­nen für ei­ne Re­li­gi­ons­stra­te­gie» vor­be­rei­ten. Der Be­richt liegt jetzt vor, die Er­ar­bei­tung ei­ner Stra­te­gie wurde je­doch auf un­be­stimm­te Zeit ver­scho­ben. Drit­tens setz­te sich die Re­gie­rung über die Emp­feh­lung des Ex­per­ten hin­weg. Die­ser hat­te ihr ge­ra­ten, mehr zu un­ter­neh­men, als jetzt be­schlos­sen wurde. Der Experte sprach sich zwar nicht für ei­ne Öff­nung der staat­li­chen An­er­ken­nungs­pra­xis aus. Im Be­richt kam er je­doch zum Schluss, dass die bis­he­ri­ge Re­li­gi­ons­po­li­tik des Kan­tons «teil­wei­se dis­kri­mi­nie­ren­de oder blo­ckie­ren­de Aus­wir­kun­gen» ha­be – weil nicht al­le Glaubensgemeinschaften an­er­kannt sind.

Ei­ne «ver­pass­te Chan­ce» im Um­gang mit dem Is­lam

Der Ber­ner Sp-na­tio­nal­rat Adri­an Wü­th­rich, der sich frü­her als

Eben­falls für den Tag der Bun­des­rats­wahl hat­te sich die Mar­ke­ting­ab­tei­lung der FDP ei­ne ori­gi­nel­le Ak­ti­on aus­ge­dacht. Sie liess durch ih­re Par­la­men­ta­ri­er auf dem Bun­des­platz blaue Hals­tü­cher ver­tei­len. Na­tio­nal­rä­tin Do­ris Fia­la (Fo­to) half nach Kräf­ten mit. Al­ler­dings ging ih­re Mit­hil­fe zünf­tig in die Ho­sen: Als Fia­la näm­lich das fei­ne Hals­tuch in den Far­ben ih­rer Par­tei ei­nem Mäd­chen um den Hals le­gen woll­te, eil­te des­sen Mut­ter her­bei und gab das Ge­schenk dan­kend zu­rück. Kein Wun­der, dass der Mut­ter die Far­be des Frei­sinns an der Toch­ter nicht pass­te: Es war Béatri­ce Wert­li, Cvp-prä­si­den­tin des Kan­tons Bern. Kan­tons­par­la­men­ta­ri­er mit dem The­ma be­schäf­tig­te, kri­ti­siert den Ent­scheid der Re­gie­rung. Sie wür­ge ei­ne Dis­kus­si­on ab, die sie sel­ber in Aus­sicht ge­stellt ha­be. «Das Ver­hält­nis mit den Glaubensgemeinschaften ne­ben den an­er­kann­ten Re­li­gio­nen, auch zum Is­lam, muss wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den.» Es brin­ge nichts, wenn sich Mus­li­me und an­de­re Gläu­bi­ge nur in Hin­ter­hö­fen von In­dus­trie­quar­tie­ren ver­sam­mel­ten und kein Aus­tausch mit der Ge­sell­schaft ge­pflegt wer­de. «Bern ver­passt da­mit

Die An­er­ken­nung mus­li­mi­scher Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten will die Kan­tons­re­gie­rung nicht vor­an­trei­ben. Sie mag nicht ein­mal dar­über dis­ku­tie­ren

die Chan­ce, im Um­gang mit dem Is­lam ei­ne Vor­rei­ter­rol­le zu über­neh­men.»

Die­se Rolle ha­ben bis auf wei­te­res an­de­re Kan­to­ne in­ne. Waadt et­wa ist der ein­zi­ge Kan­ton, der in ei­nem Ge­setz de­fi­niert, was ei­ne re­li­giö­se Ge­mein­schaft braucht, um pri­vat­recht­lich an­er­kannt zu wer­den. Ba­sel-stadt hat seine Ver­fas­sung ge­än­dert, um sich auch ge­gen­über an­de­ren Ge­mein­schaf­ten zu öff­nen. In der Schweiz re­geln die Kan­to­ne das Ver­hält­nis zu den Re­li­gio­nen.

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