«Kei­nen Un­ter­schlupf ge­wäh­ren»

SonntagsZeitung - - INTERNATIONAL - Tho­mas Knell­wolf, Si­mon Wid­mer

Er­do­gans Vi­ze­mi­nis­ter recht­fer­tigt in der Schweiz Ver­schlep­pun­gen

Ein Chef­di­plo­mat des tür­ki­schen Macht­ha­bers Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat vor Schweiz­tür­ken mit der Ver­schlep­pung von rund 100 an­geb­li­chen Staats­fein­den und Op­po­si­tio­nel­len aus dem Aus­land ge­prahlt. Bei ei­nem Auf­tritt in Lausanne for­der­te der Vi­ze-aus­sen­mi­nis­ter Ya­vuz Selim Ki­ran ver­gan­ge­ne Wo­che die An­we­sen­den zur «Un­ter­stüt­zung mit Kraft» auf. Er mach­te deut­lich, wo er von «Tür­ken im In- und Aus­land» Hil­fe er­war­tet: bei der staat­lich or­ches­trier­ten Be­kämp­fung der Gü­len-be­we­gung, von ihm nur als «Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Fe­tö» be­zeich­net.

Der tür­ki­sche Ge­heim­dienst hat in vie­len Län­dern An­hän­ger des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len ge­kid­nappt und in die Tür­kei ver­schleppt. Nun schreckt Er­do­gans Di­plo­ma­tie nicht ein­mal mehr da­vor zu­rück, die­ses Vor­ge­hen in der Schweiz zu pro­pa­gie­ren.

Vi­ze-mi­nis­ter Ki­ran rühm­te beim tür­ki­schen Ver­ein Lausanne die Kid­nap­ping-po­li­tik sei­nes Lan­des: «Wir ha­ben in letz­ter Zeit un­ge­fähr 100 An­hän­ger der Fe­thul­la­his­ti­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on in die Tür­kei ge­bracht.» Ki­ran hat sei­ne West­schwei­zer Zu­hö­rer auch auf­ge­for­dert, die Be­we­gung, die in der Schweiz Nach­hil­fe-schu­len be­trieb, nicht mehr zu un­ter­stüt­zen und An­hän­gern kei­nen Un­ter­schlupf mehr zu ge­wäh­ren.

Wer in sol­chen Schul­ver­ei­nen ak­tiv war, muss­te mit ei­ner Denun­zie­rung rech­nen. Ver­schie­de­ne In­vol­vier­te und so­gar de­ren An­ge­hö­ri­ge aus der Schweiz wur­den dar­auf hin in der Tür­kei fest­ge­nom­men, oh­ne dass der ge­rings­te Hin­weis für ei­ne Putsch-be­tei­li­gung oder ei­ne an­de­re kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tät pu­blik ge­wor­den wä­re oder nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. Bis heu­te sit­zen drei schwei­ze­risch-tür­ki­sche Dop­pel­bür­ger in der Tür­kei fest: ei­ne da­von in Haft, zwei mit Aus­rei­se­sper­ren.

Auch in der Schweiz plan­ten Er­do­gans Hä­scher ei­ne Ent­füh­rung

Dass der tür­ki­sche Chef­di­plo­mat aus­ge­rech­net in der Schweiz Ver­schlep­pun­gen recht­fer­tigt, ist auch aus an­de­rem Grund bri­sant. Vor zwei Jah­ren hat­ten tür­ki­sche Agen­ten zu­sam­men mit hoch­ran­gi­gen Mit­ar­bei­tern der Bot­schaft in Bern ei­ne Ent­füh­rung ei­nes tür­kisch-schwei­ze­ri­schen Dop­pel­bür­gers im Kan­ton Zü­rich vor­be­rei­tet. Sie woll­ten den Ge­schäfts­mann mit K.-o.-trop­fen be­täu­ben und an ei­nen un­be­kann­ten Ort brin­gen. Es wä­re die ers­te be­kann­te staat­li­che Ent­füh­rung in der Schweiz seit der Na­zi-zeit ge­wor­den.

Der Plan schei­ter­te, weil der Schwei­zer Nach­rich­ten­dienst ein ge­hei­mes Vor­be­rei­tungs­tref­fen auf ei­nem Zürcher Ober­län­der Fried­hof ob­ser­vier­te und fo­to­gra­fier­te. Ein in­vol­vier­ter Tür­ke, der die K.-o.trop­fen hät­te ver­ab­rei­chen sol­len, pack­te bei der Bun­des­an­walt­schaft aus. Die Schweiz hat die bei­den in­vol­vier­ten Ver­tre­ter der Ber­ner Bot­schaft, die sich in die Tür­kei ab­set­zen konn­ten, na­tio­nal zur Ver­haf­tung aus­ge­schrie­ben. Ein Straf­ver­fah­ren läuft.

Nach­dem das Re­cher­che­desk von Ta­me­dia die ge­schei­ter­te Ent­füh­rung im Früh­jahr pu­blik ge­macht hat­te, kam es zu di­plo­ma­ti­schen Span­nun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern. Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis schob ei­nen an­ge­kün­dig­ten An­ka­ra-be­such auf die lan­ge Bank. Der tür­ki­sche Bot­schaf­ter Il­han Say­gili be­haup­te­te in ei­nem In­ter­view mit dem «Ta­ges-an­zei­ger» noch im Ju­ni, die tür­ki­sche Bot­schaft sei in sol­che Hand­lun­gen nicht in­vol­viert.

Auf ei­ne An­fra­ge zur ak­tu­el­len An­spra­che und zur Recht­fer­ti­gung der Ver­schlep­pun­gen auf schwei­ze­ri­schem Ter­ri­to­ri­um hat die Bot­schaft nicht re­agiert. Bot­schaf­ter Say­gili war bei der Re­de ver­gan­ge­ne Wo­che ne­ben dem Vi­ze-mi­nis­ter ge­ses­sen. In so­zia­len Me­di­en ver­schick­te die Bot­schaft Bil­der von Ki­rans Auf­tritt.

Beim Schwei­zer Aus­sen­de­par­te­ment EDA hat man die Äus­se­run­gen Ki­rans zur Kennt­nis ge­nom­men. «Seit dem ver­ei­tel­ten Staats­streich von 2016 hat das EDA in ver­schie­de­nen Kon­tak­ten mit tür­ki­schen Ver­tre­tern klar­ge­stellt, dass in der Schweiz die schwei­ze­ri­sche Rechts­ord­nung und das Recht auf freie Mei­nungs­äus­se­rung gilt», eben­so sei­en nach­rich­ten­dienst­li­che Tä­tig­kei­ten ge­gen die tür­ki­sche Dia­spo­ra in der Schweiz in­ak­zep­ta­bel, sagt ei­ne Spre­che­rin.

«100 An­hän­ger in die Tür­kei ge­bracht»: Chef­di­plo­mat Ki­ran

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