Wie aus ei­nem Ab­kom­men ei­ne Po­lit­waf­fe wurde

Mor­gen be­sie­geln rund 180 Län­der den Mi­gra­ti­ons­pakt

SonntagsZeitung - - INTERNATIONAL - New York Mar­tin Su­ter

Jürg Lau­ber fliegt mor­gen nicht nach Mar­ra­kesch. Dar­über kann der Schwei­zer Bot­schaf­ter bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen nicht glück­lich sein, denn Lau­ber war zu­sam­men mit sei­nem Kol­le­gen aus Me­xi­ko der Autor des Uno-mi­gra­ti­ons­pakts, der in der ma­rok­ka­ni­schen Stadt an ei­ner zwei­tä­gi­gen Kon­fe­renz un­ter­zeich­net wird.

Seit sei­ner Fer­tig­stel­lung im Ju­li hat sich der «Glo­ba­le Pakt für ei­ne si­che­re, ge­ord­ne­te und re­gu­lä­re Mi­gra­ti­on» zum Blitz­ab­lei­ter für Ein­wan­de­rungs­geg­ner ent­wi­ckelt. Sie be­haup­ten, das im eng­li­schen Ori­gi­nal 34 Sei­ten um­fas­sen­de Do­ku­ment wer­de die sou­ve­rä­ne Ent­schei­dungs­ge­walt von Staa­ten bei Fra­gen der Ein­wan­de­rung un­ter­höh­len.

Dass sich die USA un­ter Do­nald Trump aus den Ver­hand­lun­gen schon vor ei­nem Jahr zu­rück­zo­gen, war noch zu er­war­ten. Über­ra­schen­der ka­men das Nein von Ös­ter­reichs Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz im Ok­to­ber und nach­fol­gend der Rück­zug des klas­si­schen Ein­wan­de­rungs­lands Aus­tra­li­en.

Kon­tro­ver­sen löst der Pakt seit­her be­son­ders in Eu­ro­pa aus. Meh­re­re Staa­ten Ost­eu­ro­pas kehr­ten ihm den Rü­cken, dar­un­ter Po­len, Bul­ga­ri­en und die Slo­wa­kei. Bel­gi­en sag­te erst ja, nach­dem das The­ma ei­ne Re­gie­rungs­kri­se aus­ge­löst hat­te. In Deutsch­land, des­sen Flücht­lings­kri­se von 2015 das Vor­ha­ben an­stiess, ist über den Mi­gra­ti­ons­pakt ein po­li­ti­scher Kampf ent­brannt. Und in der Schweiz wird ei­ne ver­gleich­ba­re De­bat­te am Di­ens­tag im Na­tio­nal­rat fort­ge­setzt. Weil der Pakt recht­lich nicht bin­dend ist, eig­net er sich bes­tens für sym­bo­li­sche Atta­cken auf die an­geb­lich von glo­ba­len Eli­ten er­son­ne­ne li­be­ra­le Ein­wan­de­rungs­po­li­tik. Der «Eco­no­mist» höhnt: «Kei­ne ne­ga­ti­ven Fol­gen sind zu er­war­ten, wenn ei­ne mul­ti­la­te­ra­le Über­ein­kunft über ein kon­tro­ver­ses The­ma schlecht­ge­macht wird, die un­be­kann­te Of­fi­zi­el­le in ge­kühl­ten Räu­men im Aus­land aus­ge­han­delt ha­ben.»

Das Au­to­ren­duo wurde per­sön­lich at­ta­ckiert. «Kennst du die­sen Mann?», steht ne­ben dem Fo­to von Jürg Lau­ber auf ei­nem von ös­ter­rei­chi­schen Ak­ti­vis­ten pro­du­zier­ten Flug­blatt. Der Svp-hard­li­ner And­reas Glar­ner droh­te dem Uno­bot­schaf­ter so­gar mit ei­ner Straf­an­zei­ge. Lau­ber nimmt da­zu kei­ne Stel­lung. Er und sein Kol­le­ge führ­ten den Auf­trag ei­ner im Sep­tem­ber 2016 am Uno-haupt­sitz ein­stim­mig ver­ab­schie­de­ten «New Yor­ker Er­klä­rung» aus. Das Ziel war, die ein­zel­staat­lich nicht mehr zu be­wäl­ti­gen­den Mi­gra­ti­ons­pro­ble­me über in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on ei­ner Lö­sung nä­her zu brin­gen.

Nach brei­ten Kon­sul­ta­tio­nen fan­den ver­schie­dens­te In­ter­es­sen Ein­gang in die 23 Zie­le des Mi­gra­ti­ons­pakts. Ge­ne­rell geht es um die Si­che­rung der Men­schen­rech­te für al­le und um bes­se­re Ko­or­di­na­ti­on der welt­weit 260 Mil­lio­nen Menschen um­fas­sen­den Mi­gra­ti­on.

Die Geg­ner arg­wöh­nen, das «soft law» des Pakts wer­de ei­ne nor­ma­ti­ve Kraft ent­wi­ckeln und der­einst Rechts­an­sprü­che von Mi­gran­ten be­grün­den. Sie trau­en den Zu­si­che­run­gen der Be­für­wor­ter nicht, wo­nach je­der Staat die Ver­ein­ba­rung nach ei­ge­nen Prio­ri­tä­ten um­set­zen kön­ne. Trotz Zank steht die gros­se Mehr­heit der Staa­ten wei­ter­hin hin­ter dem Mi­gra­ti­ons­pakt.

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