Blo­cher­däm­me­rung

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Mar­kus Somm, Au­tor der Sonn­tags­zei­tung

Es war der Tag der Ver­söh­nung. Wäh­rend in Frank­reich die Bar­ri­ka­den brann­ten, in Deutsch­land die Kanz­le­rin im Be­griff war, ih­ren lan­gen, un­frei­wil­li­gen Rück­zug an­zu­tre­ten und in En­g­land die Pre­mier­mi­nis­te­rin am Br­ex­it zu zer­bre­chen schien, wur­den im lau­schi­gen Bern zwei neue Bun­des­rä­te be­stimmt. Im ers­ten Wahl­gang schon stie­gen Vio­la Am­herd und Ka­rin Kel­ler-sut­ter ins höchs­te Amt auf, we­nig spä­ter wähl­te ei­ne eu­pho­ri­sier­te Bun­des­ver­samm­lung Ue­li Mau­rer, den eins­ti­gen, scharf­zün­gi­gen Prä­si­den­ten der eins­ti­gen, bru­ta­len Op­po­si­ti­ons­par­tei SVP, mit ei­nem der bes­ten Re­sul­ta­te al­ler Zei­ten zum Bun­des­prä­si­den­ten. Als ob Mau­rer ge­spürt hät­te, wo­nach sich un­se­re Po­li­ti­ker sehn­ten, nach eid­ge­nös­si­scher Fon­due-ra­clette-lau­ne, al­so nach dem Fei­er­li­chen und Er­ha­be­nen, hielt er ei­ne über­aus mil­de Re­de, wie sie nur in un­se­rem Land, ei­ner der äl­tes­ten und bünz­ligs­ten Re­pu­bli­ken der Welt, mög­lich ist – bünz­lig im bes­ten Sin­ne des Wor­tes: «Ich ver­spre­che Ih­nen, für gut vor­be­rei­te­te, ef­fi­zi­en­te Sit­zun­gen zu sor­gen, da­mit Sie gu­te Ent­schei­de fäl­len.» In wel­chem an­dern Land wür­de sich ein Prä­si­dent so sei­ner Be­völ­ke­rung emp­feh­len? Als tüch­ti­ger Sit­zungs­lei­ter, der kein Trak­tan­dum über­sieht und im­mer mit dem Blick auf die Uhr die kost­ba­re Zeit der obers­ten An­ge­stell­ten des Staa­tes spar­sam ver­wal­tet. Wie glück­lich muss die­ses Land sein.

Dass Mau­rer von der Freu­de an der Po­li­tik sprach, dass er nach «Spass» ver­lang­te, was, wenn man es nicht sel­ber ge­hört hat­te, et­was fri­vol klang, ob­wohl es nicht so ge­meint war, kam zwar gut an im Bun­des­haus, wie die Me­di­en rich­tig be­merk­ten, was aber viel mehr Ap­plaus, nein: Er­leich­te­rung aus­lös­te, war die Tat­sa­che, dass Mau­rer fak­tisch ein Be­kennt­nis zur po­li­ti­schen Eli­te die­ses Lan­des ab­leg­te, als er sich am En­de mit die­sen Wor­ten an die Par­la­men­ta­ri­er wand­te: «Es wä­re schön, wenn wir ge­mein­sam et­was Spass und Freu­de und Ver­gnü­gen aus­strah­len wür­den, so­dass auch die Leu­te das Ge­fühl ha­ben, hey, da in Bern ist ein gu­tes Team, die lö­sen un­se­re Pro­ble­me.» Von ei­ner Clas­se po­li­tique, die über die Köp­fe der Bür­ger hin­weg ent­schei­det, um das Land am En­de an die EU zu ver­scha­chern, von den ver­rot­te­ten, sump­fi­gen Ver­hält­nis­sen auf der Bun­des­ter­ras­se war kei­ne Re­de mehr.

Die SVP, die Par­tei, wel­che die Schweiz in den ver­gan­ge­nen 26 Jah­ren in ih­ren Bann ge­schla­gen hat­te, die sich ge­wehrt und ge­brüllt hat­te, die­se Par­tei war am Mitt­woch end­gül­tig ein­ge­mein­det wor­den. Dass sie sel­ber brav zwei of­fi­zi­ell no­mi­nier­te Kan­di­da­tin­nen ge­wählt hat­te, ge­hör­te da­zu; dass Mau­rer so glän­zend ge­wählt wur­de, eben­so, und dass nir­gend­wo je­ner Mann zu se­hen war, der in den letz­ten Jahr­zehn­ten im­mer un­über­seh­bar ge­we­sen war.

Von Chris­toph Blo­cher fehl­te je­de Spur.

Blo­cher–däm­me­rung. Das En­de sei­ner Ära ist schon oft pro­gnos­ti­ziert wor­den, den­noch scheint Epo­cha­les im Gang. Ge­wiss, Blo­cher zählt 78 Jah­re, ewig kann selbst er nicht po­li­ti­sie­ren. Viel­leicht liegt es aber auch dar­an, dass es ihn so, wie er das Land be­wegt und er­schüt­tert hat, nicht mehr braucht. Er hat al­les er­reicht. Von ei­ner Eu-mit­glied­schaft be­fin­det sich die Schweiz so weit ent­fernt wie noch nie. Das Rah­men­ab­kom­men, das er ger­ne zum letz­ten Ge­fecht sei­ner Lauf­bahn ge­macht hät­te, dürf­te schei­tern, in­dem es aus Pa­nik vor der SVP und neu­er­dings der SP stän­dig ver­scho­ben wird, bis es man­gels Zu­wen­dung ver­hun­gert ist. Und die SVP, die gröss­te Par­tei der Schweiz, wird ver­mut­lich die gröss­te blei­ben, auch wenn Blo­chers Nach­fol­ger noch et­was am Stol­pern sind. Un­be­hel­ligt sitzt die SVP in der Re­gie­rung, mit zwei gan­zen Bun­des­rä­ten statt ei­nem hal­ben. Man hat ge­won­nen, man hat sich an­ge­passt. Was Blo­cher nicht er­reicht hat, ist die Ver­söh­nung im bür­ger­li­chen La­ger, die ihm wohl nie vor­schweb­te, aber nö­tig ge­we­sen wä­re, um die wach­sen­de Macht des Staa­tes zu bre­chen.

Wie so oft, wenn die Schweiz sich wan­delt, sind nicht al­lein die Schwei­zer da­für ver­ant­wort­lich. Der Zu­sam­men­bruch der po­li­ti­schen Eli­ten in Eu­ro­pa lässt un­ser Land wie ei­nen Hort der Ver­nunft in ei­ner Welt des Irr­sinns er­schei­nen. Was Blo­cher und sei­ne SVP an Un­ru­he ver­brei­tet hat­ten, war für man­che zu viel des Gu­ten, doch im Ver­gleich zu den Vor­gän­gen im Aus­land wirkt die SVP nun ge­ra­de­zu zi­vi­li­siert – auch aus ei­ge­nem Zu­tun. Die Rei­hen wer­den ge­schlos­sen. «Hey, wir ha­ben ein gu­tes Team.» Vor lau­ter Po­la­ri­sie­rung er­schöpft, das un­glück­li­che Bei­spiel der üb­ri­gen Län­der vor Au­gen, scheint die Schweiz sich den Ver­söh­nern zu­zu­wen­den. Für die­ses Fach aber war Blo­cher im­mer der fal­sche Mann.

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