Die Rei­chen im­mer rei­cher

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Ta­ma­ra Fu­ni­ci­el­lo,

Al­le Jah­re wie­der prä­sen­tiert uns das Ma­ga­zin «Bi­lanz» stolz das Ran­king der 300 reichs­ten Schwei­zer. Gol­den ein­ge­fasst kommt das Gan­ze da­her, wie ein schö­nes Ge­schenk. Ganz so, als hät­ten auch wir Nor­mal­sterb­li­chen et­was da­von, wenn die 300 Reichs­ten wie­der 1700000000 Fran­ken mehr auf ih­ren Kon­ten ha­ben.

Nun könn­te man sa­gen, dass es ei­nem egal sein kann, wie viel Geld an­de­re ha­ben. Aber so funk­tio­niert das lei­der nicht. Ers­tens kann es ei­nem nicht egal sein, weil die­ser Reich­tum von uns al­len ge­mein­sam er­ar­bei­tet, aber von ein paar we­ni­gen ver­dient (ab­ge­zockt) wird. Zwei­tens, weil wir in ei­ner Ge­sell­schaft le­ben, in der Geld – ge­nau­er: Ka­pi­tal – Macht be­deu­tet. Wer Geld hat, kann sich Zei­tun­gen, Tv-sen­der, Pla­ka­te und so­mit Ein­fluss kau­fen. Die Fa­mi­lie Blo­cher hat das her­vor­ra­gend ver­stan­den und geht mun­ter auf Shop­ping­tour. Wer Geld hat, kann sich Bo­den kau­fen und be­stim­men, ob ge­baut wird oder nicht, ob die Mie­ten stei­gen oder sin­ken. Wer Geld hat, be­sitzt Fir­men und ent­schei­det, was mit den Men­schen in die­sen Fir­men pas­siert. Wie viel sie ver­die­nen. Und ob sie über­haupt noch Ar­beit ha­ben.

Es kann ei­nem nicht egal sein, weil Geld auch in der De­mo­kra­tie Macht be­deu­tet. Die Stim­me rei­cher Men­schen hat mehr Ge­wicht als die von ei­ner Kas­sie­re­rin, ei­nem Leh­rer, ei­ner Kran­ken­schwes­ter. Wenn wir über ei­ne Steu­er­er­hö­hung für die Rei­chen dis­ku­tie­ren – dro­hen sie mit Weg­zug. Die Be­völ­ke­rung kann nicht frei ent­schei­den, denn sie wird von den Rei­chen er­presst. Dass die­se Er­pres­sung funk­tio­niert, er­le­ben wir in je­dem Ab­stim­mungs­kampf, bei dem es um die Steu­ern für Su­per­rei­che oder Un­ter­neh­men geht.

«Uns wird er­zählt, es ha­be nicht ge­nug Geld für die AHV»

Laut dem Ver­tei­lungs­be­richt des SGB 2018 sind seit 1984 die Steu­ern auf sehr ho­he Löh­ne, sprich ab 1 Mil­li­on Fran­ken Ein­kom­men pro Jahr, von rund 38% auf rund 33% ge­sun­ken. Im glei­chen Zei­t­raum sind die Steu­ern für mitt­le­re Ein­kom­men, al­so rund 75000 Fran­ken Ein­kom­men pro Jahr, prak­tisch gleich ge­blie­ben.

Wir Nor­mal­sterb­li­chen müs­sen seit Jah­ren «den Gür­tel en­ger schnal­len». Die Prä­mi­en­last steigt ste­tig, der Ser­vice pu­b­lic wird ab­ge­baut. Un­se­re Löh­ne stei­gen schon lan­ge nicht mehr, und uns wird er­zählt, es ha­be nicht ge­nug Geld für die AHV. Doch nicht al­le müs­sen den «Gür­tel en­ger schnal­len». Das durch­schnitt­li­che Ver­mö­gen der Rei­chen ist seit 1989 drei­mal stär­ker ge­wach­sen als das Brut­to­in­land­pro­dukt der Schweiz. Be­sass das reichs­te Pro­zent der Schwei­zer Be­völ­ke­rung vor 10 Jah­ren 35% al­ler Ver­mö­gen, sind es heu­te be­reits 42%. Ten­denz nach wie vor stei­gend. Dies nicht zu­letzt, weil die Di­vi­den­den nur zu 60% be­steu­ert wer­den – un­se­re Löh­ne aber zu 100%.

Un­ser Wirt­schafts­sys­tem und un­se­re Po­li­tik ori­en­tie­ren sich an den Be­dürf­nis­sen des Gel­des. Im Zen­trum steht der Pro­fit, und die­ser wird op­ti­miert, oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Ich kämp­fe für ein Sys­tem, das die Be­dürf­nis­se der Men­schen ins Zen­trum stellt. Für be­zahl­ba­re Mie­ten, für gu­te Ren­ten, für fai­re Löh­ne. Ein Sys­tem, in dem wir ar­bei­ten, um zu le­ben, und nicht le­ben, um zu ar­bei­ten. Für Zu­kunft statt Ab­bau, für fai­re Löh­ne statt über­ris­se­ne Ge­win­ne, für Ar­beits­zeit­ver­kür­zung statt Burn-outs. Um das zu er­rei­chen, müs­sen wir die Früch­te der Ar­beit, die wir leis­ten, ge­recht ver­tei­len. Die De­mo­kra­tie darf nicht vor den To­ren der Un­ter­neh­men halt­ma­chen – die Büe­zer müs­sen mit­ent­schei­den dür­fen. Der Ser­vice pu­b­lic muss aus­ge­wei­tet wer­den: Was­ser, Bo­den, Zei­tun­gen sol­len den Men­schen ge­hö­ren und nicht den Gross­kon­zer­nen. Kei­ne Dik­ta­tur der Su­per­rei­chen, son­dern ech­te De­mo­kra­tie.

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