Wenn end­lich al­les passt

Jo­nas Jun­land hat­te schon vie­le Auf­ga­ben zwi­schen St. Lou­is und Ka­sachs­tan. Aber erst bei Lausanne kann der Ver­tei­di­ger tun, was er im­mer woll­te: al­le Rol­len zu­sam­men spie­len

SonntagsZeitung - - EISHOCKEY - Phil­ipp Muschg

Die Ge­schich­te des bes­ten Spie­lers auf Schwei­zer Eis könn­te auf vie­le Wei­sen an­fan­gen. Mit ei­nem Chi­hua­hua, der die Stadt nicht ver­trägt. Mit ei­nem Club, der gros­se Plä­ne hegt. Mit Geld, das kei­ne Rol­le spielt. Oder mit ei­nem Mann, der die Lust am Be­ruf ver­lor. Doch sie be­ginnt mit ei­nem ver­blüf­fen­den Satz: «Ich bin nicht gut ge­nug», sagt Jo­nas Jun­land.

Der Schwe­de sitzt auf der pro­vi­so­ri­schen Tri­bü­ne sei­ner pro­vi­so­ri­schen Hei­mat. Auf der an­de­ren Sei­te der Glei­se bau­en sie für 230 Mil­lio­nen Fran­ken das mo­derns­te Sta­di­on des Lan­des, wo der Lausanne HC ab Herbst 2019 zu Hau­se ist. Und im Sü­den des Bahn­hofs Mal­ley-pril­ly peit­schen Wind und Re­gen ge­gen die Stahl­kon­struk­ti­on, die dem LHC bis da­hin als Blei­be dient. Es ist emp­find­lich kalt an die­sem Tag. Doch wäh­rend un­ten auf dem Eis ein paar Team­kol­le­gen das Trai­ning aus­klin­gen las­sen, trägt Jun­land un­be­irrt Flip-flops und Shorts.

Nicht gut ge­nug für das schwe­di­sche Na­tio­nal­team

Der 31-Jäh­ri­ge wirkt wie ei­ner, der mit der Welt im Rei­nen ist. Er sagt Sät­ze, die man sich erst ein­mal zu­trau­en muss. «Ich bin nicht gut ge­nug», ant­wor­tet er al­so auf die Fra­ge, war­um er nie für Schwe­den an der WM war. Über sei­ne Rol­le bei Lausanne: «Ich bin ger­ne ein Le­a­der, es passt zu mir.» Über sei­nen Lohn: «Ich ver­die­ne viel mehr hier, als ich es in der Hei­mat wür­de. Und wenn man Kin­der hat, ist es wich­tig, dass man ih­nen die Chan­ce gibt, ei­nen gu­ten Start ins Le­ben zu ha­ben. Geld hilft da­bei.»

Der Ge­gen­wert, den Lausanne für sein Geld er­hält, ist al­ler­dings be­trächt­lich. Bis vor we­ni­gen Ta­gen war Jun­land nicht nur der pro­duk­tivs­te Spie­ler sei­nes Clubs, son­dern der ge­sam­ten Na­tio­nal Le­ague. Er ist nicht nur bes­ter Vor­be­rei­ter der Li­ga, er hat auch die zweit­bes­te Plus-mi­nus-bi­lanz, ge­hört beim LHC zum Cap­tain-team.

Der Schwe­de hat am Ufer des Gen­fer­sees den Ort sei­ner Be­stim­mung ge­fun­den. Ge­nau wie er sich das vor­ge­stellt hat­te, als er 2016 un­ter­schrieb.

Er woll­te nicht die Er­satz­lö­sung sein

Was da­vor lag, wa­ren Wan­der­jah­re ei­nes Hoch­be­gab­ten. Sie han­deln von Trai­nern, die in Jun­land ei­nen rei­nen Of­fen­siv­ver­tei­di­ger sa­hen – so wie in den zwei Jah­ren AHL und der Hand­voll Nhl-spie­le mit St. Lou­is, wo er aus­ser Po­wer­play we­nig spie­len durf­te. Sie han­deln von Trai­nern, die ihm ei­nen of­fen­si­ven Part­ner zur Sei­te stell­ten, wo­mit die Rol­len­ver­tei­lung auch klar war, bloss um­ge­kehrt. Bei Astana in der KHL zum Bei­spiel oder im Na­tio­nal­team. Und sie wa­ren ge­prägt von St. Lou­is, das ihn am En­de nur als Not­va­ri­an­te sah, falls ihr Top-draft­pick Alex Pie­tran­ge­lo nicht be­reit war und noch ei­ne Sai­son zu den Ju­nio­ren muss­te.

«Ich woll­te aber nicht die Er­satz­lö­sung sein», blickt Jun­land zu­rück auf den Som­mer 2010. «Wenn die Blues mich da­für ge­wollt hät­ten, wie ich spie­le, hät­te ich al­les ge­ge­ben. Aber Plan B für je­mand an­ders zu sein: Das passt nicht zu mir.»

Es war ei­ne schwie­ri­ge Zeit. Jun­land war erst 22, woll­te viel er­rei­chen – doch sei­ne Kar­rie­re stock­te schon. Als Te­enager hat­te er die Ju­nio­ren­li­ga do­mi­niert, nun er­hielt er nicht mehr die erhoffte Rol­le und ging oh­ne Freu­de zum Rink. «Ich lieb­te das Eis­ho­ckey da­mals nicht und muss­te vie­le Din­ge erst be­grei­fen», sagt er heu­te. Zu­ver­läs­si­ger Trost war bloss ein Chi­hua­hua: Frank, be­nannt nach Will Fer­rells Film­fi­gur «Frank the Tank», be­grüss­te ihn auch dann mit we­deln­dem Schwanz an der Woh­nungs­tür, wenn es draus­sen mal wie­der nicht nach Wunsch ge­lau­fen war.

Frank ist noch heu­te Jun­lands Be­glei­ter. Aber sonst ist al­les an­ders. Im ma­le­ri­schen Lu­try mit See­sicht im La­vaux war­ten sei­ne Frau, sei­ne drei­jäh­ri­ge Toch­ter und sein ein­jäh­ri­ger Sohn auf ihn. «Wenn man nach Hau­se kommt und sei­ne Kin­der auf die Stirn küsst, rückt das al­les zu­recht», hat der Ver­tei­di­ger er­fah­ren. «Eis­ho­ckey ist nur mein Hob­by. Na­tür­lich lie­be ich es und zahlt es sich aus. Doch es ist nur ein Hob­by.»

Ein of­fe­ner Brief des Ma­nage­ments in Lin­köping

Sport­li­cher Ehr­geiz, Kar­rie­re­pla­nung, Sa­lär, Fa­mi­lie: Die Wün­sche und An­sprü­che als Pro­fi sind oft schwer ver­ein­bar. Als Jun­land 2010 zu­rück nach Schwe­den ging, woll­te er end­lich ei­ne grös­se­re Rol­le, woll­te den Ti­tel ge­win­nen und sich so für die KHL emp­feh­len, wo die bes­ten Löh­ne lock­ten. Dass er für die Heim­kehr dann Fär­jestad statt Stamm­club Lin­köping wähl­te, sorg­te dort für bö­ses Blut samt of­fe­nem Brief des Ma­nage­ments. Doch die Wahl war rich­tig: Fär­jestad wur­de Meis­ter, Jun­land als pro­duk­tivs­ter Ver­tei­di­ger er­hielt ei­nen Ver­trag bei Astana.

Noch heu­te schwärmt er von Ba­rys Astana und von der dank Roh­stoff­mil­li­ar­den aus dem Bo­den ge­stampf­ten ka­sa­chi­schen Me­tro­po­le. Trotz acht St­un­den Trai­ning pro Tag in der Vor­be­rei­tung, end­lo­sen Flug­rei­sen und dem Um­stand, dass ihm nie je­mand sag­te, was man von ihm ver­lang­te. Ob­wohl er sport­lich sta­gnier­te. Und ob­wohl sei­ne da­ma­li­ge Freun­din und heu­ti­ge Frau samt Frank in der schwe­di­schen Hei­mat blieb. At­trak­tiv macht die KHL auch et­was an­de­res. «Wenn je­mand nach Russ­land geht, dann we­gen des Gel­des», glaubt Jun­land.

Es dau­er­te bis 2016, ehe sei­ne Su­che nach dem Gleich­ge­wicht ein En­de fand. Zu­vor ver­brach­te er drei Jah­re im be­schau­li­chen Lin­köping, hät­te ein­mal fast zu Biel ge­wech­selt. Doch dann kam Lausanne. Dort gab seit ein paar Mo­na­ten ein ame­ri­ka­ni­scher Mil­li­ar­där die Rich­tung vor, und end­lich pass­te al­les zu­sam­men, von der Fa­mi­li­en­pla­nung bis zur Am­bi­ti­on des Clubs.

Cap­ta­ins und Trai­ner sa­hen sei­nen Wert schon letz­tes Jahr

«Als ich un­ter­schrieb, wuss­te ich nicht, dass sie ei­ne neue Are­na bau­en woll­ten», sagt Jun­land, «aber ich wuss­te, dass sie ein neu­es Team auf bau­en woll­ten.» Ein Club, der den Meis­ter­ti­tel will und ent­spre­chend ins Per­so­nal in­ves­tiert. Und ein Team, in dem Jun­land nicht nur ei­ne Ne­ben­rol­le spie­len muss, son­dern Leis­tungs­trä­ger und Le­a­der sein durf­te und soll­te.

Dass er das kann, be­weist er nicht erst die­se Sai­son. Schon in sei­nem ers­ten Jahr wähl­ten ihn die Cap­ta­ins und Trai­ner der Li­ga zum bes­ten Ver­tei­di­ger. Und im zwei­ten ver­län­ger­te Lausanne den Ver­trag mit dem Schwe­den, der längst das In­ter­es­se der Kon­kur­renz ge­weckt hat­te, vor­zei­tig bis 2020.

Grund zur Reue ha­ben we­der Club noch Spie­ler. Nur ei­nem pass­te das Gan­ze nicht: dem zwei­ten Chi­hua­hua, den sich die Jun­lands als Ge­fähr­ten für Frank zu­leg­ten. «Er war kein Fan vom Ver­kehr in Lu­try und lebt jetzt in Schwe­den auf dem Land», sagt der bes­te Aus­län­der der Li­ga. Selbst das La­vaux ist al­so nicht für al­le Jun­lands ein Pa­ra­dies. Aber da­für muss man schon ein Hund sein.

Fo­to: Lau­rent Gil­lié­ron/keystone

In Lausanne hat Jo­nas Jun­land end­lich das ge­fun­den, was er so lan­ge ge­sucht hat: den Ort sei­ner Be­stim­mung

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