Ge­leb­te Dop­pel­mo­ral

Die Us-foot­ball­li­ga geht mit Ge­walt­tä­tern pfleg­lich um – wenn kein Vi­deo der Tat exis­tiert. Ei­nen Ak­ti­vis­ten wie Co­lin Ka­eper­nick aber schnei­det sie kon­se­quent

SonntagsZeitung - - SPORT - Da­vid Wie­der­kehr

Be­nom­men rap­pelt sich die Frau auf. Sie tau­melt und lehnt sich zö­gernd vor, um ih­re Ta­sche und ihr Han­dy vom Tep­pich­bo­den zu klau­ben. Dann tritt ihr Ka­reem Hunt ge­gen den Kopf.

Die Sze­ne, auf­ge­nom­men von ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra im Gang ei­nes Lu­xus­ho­tels in Cleve­land, ist schon et­was äl­ter. Ent­stan­den ist sie im Fe­bru­ar die­ses Jah­res am En­de ei­ner lan­gen Nacht. Und bis sie das Klatsch­por­tal TMZ An­fang De­zem­ber ver­öf­fent­lich­te, wuss­te nicht ein­mal Hunt, ein Foot­ball­pro­fi der Kan­sas Ci­ty Chiefs, dass sie exis­tier­te. Ge­schwei­ge denn sein Team, das ihn gleich am Tag da­nach ent­liess.

Seit­her be­reut Hunt, 23-jäh­ri­ges Ta­lent auf der Po­si­ti­on des Run­ningbacks. Bei ESPN be­teu­ert er, wie be­schämt er sei. Wie viel an­ders ihn sei­ne Mut­ter und sei­ne Gross­mut­ter doch er­zo­gen hät­ten. Welch bes­se­rer Mensch er sei. Dass er Recht sehr wohl von Un­recht un­ter­schei­den kön­ne. Und bleibt doch va­ge. Als er auf­ge­for­dert wird, sei­ne Tat zu er­klä­ren, zö­gert er: «Um ehr­lich zu sein: Es kommt nicht dar­auf an, was pas­siert ist.»

Das dürf­te stim­men: Sei­ne Kar­rie­re ist so­wie­so auf der Kip­pe. Der mehr­fa­che Su­per­bowl-sie­ger Ter­ry Brad­shaw sag­te: «Ver­gesst sei­ne Ent­schul­di­gung. Wenn es nach mir geht, spielt er nie mehr. Der jun­ge Mann hat ei­nen rie­si­gen Feh­ler ge­macht und wird schwer da­für büs­sen.» Sein Mil­lio­nen­ver­trag mit den Chiefs ist nich­tig, aus dem be­lieb­ten Vi­deo­spiel «Mad­den NFL 19» hat ihn Her­stel­ler EA Sports um­ge­hend ent­fernt.

Hunt al­ler­dings hat­te vor al­lem ei­nes: Pech. Das Pech, dass sei­ne Tat auf­ge­zeich­net und ver­öf­fent­licht wur­de.

Häus­li­che Ge­walt ist bei den Spie­lern der Na­tio­nal Foot­ball Le­ague (NFL) weit ver­brei­tet. 2014 er­liess die Li­ga ein De­kret, um Ge­walt­tä­ter schnel­ler sus­pen­die­ren zu kön­nen. 23 Fäl­le gab es bis zu die­ser Sai­son, doch von den 23 Pro­fis kehr­ten 13 nach Ablauf ih­rer Sper­re auf das Feld zu­rück. Zum Bei­spiel Reu­ben Fos­ter: Der Ver­tei­di­ger der San Fran­cis­co 49ers war im Fe­bru­ar we­gen ei­nes An­griffs auf sei­ne Freun­din (und des il­le­ga­len Be­sit­zes ei­ner Waf­fe) ver­haf­tet und für zwei Spie­le ge­sperrt wor­den.

Jetzt schlug er wie­der zu und fand trotz­dem ein neu­es Team

Vor drei Wo­chen schlug er wie­der zu, jetzt bleibt er fürs Ers­te sus­pen­diert. Zu­dem wur­de er zwar ent­las­sen, fand aber ein Team, das ihn trotz der Vor­wür­fe verpf lich­tet hat für den Fall, soll­ten die­se in ei­nem Pro­zess ent­kräf­tet wer­den: je­nes aus Washington. Auch der bein­har­te Ver­tei­di­ger Greg Har­dy war einst ent­las­sen und ge­sperrt wor­den und fand trotz­dem um­ge­hend wie­der ei­ne Mann­schaft, die Dal­las Cow­boys. Die Par­al­le­len der Fäl­le Fos­ter und Har­dy: Es gab kei­nen Vi­deo­be­weis.

Bei Hunt ist wahr­schein­li­cher, dass ihn das Schick­sal von Ray Rice trifft. Nach­dem 2014 Auf­nah­men auf­ge­taucht wa­ren, wie der Pro­fi der Bal­ti­more Ra­vens ei­ne Frau mit ei­nem lin­ken Ha­ken be­wusst­los ge­schla­gen hat­te, war er er­le­digt. Die NFL setz­te er­wähn­tes De­kret für häus­li­che Ge­walt in Kraft und gibt sich seit­her sen­si­bler. Nicht zu­letzt aus Furcht vor wei­te­ren Ima­ge­schä­den. Und ge­ra­de im Fall Rice war ih­re Rol­le be­zeich­nend: Zu­nächst hat­te sie den Run­ningback nur für zwei Spie­le ge­sperrt – nach Er­schei­nen des Vi­de­os dann le­bens­lang.

In an­de­ren Be­rei­chen sind die Li­ga und ih­re Prot­ago­nis­ten, die Clubs, we­ni­ger zim­per­lich. So hat Quar­ter­back Co­lin Ka­eper­nick vor zwei Jah­ren sei­ne letz­te Par­tie be­strit­ten und wird seit­her re­gel­mäs­sig über­gan­gen, selbst wenn ein Team drin­gend ei­nen neu­en Spiel­ma­cher braucht. Dies, ob­schon ihm die Ex­per­ten mehr Po­ten­zi­al be­schei­ni­gen als der Mehr­zahl der rund 100 Quar­ter­backs der Li­ga.

Ka­eper­nicks Ver­ge­hen: In sei­ner Zeit bei den 49ers hat er sich ge­traut, auf sein Recht auf freie Mei­nungs­äus­se­rung zu po­chen. Um auf Po­li­zei­ge­walt ge­gen­über der schwar­zen Be­völ­ke­rung und «ra­ci­al pro­filing» auf­merk­sam zu ma­chen, knie­te er wäh­rend der Na­tio­nal­hym­ne vor Spie­len. Zahl­rei­che Pro­fis schlos­sen sich ihm an, und brei­te Krei­se der Be­völ­ke­rung in den USA ste­hen hin­ter ihm.

In den Sta­di­en sind 83 Pro­zent der Fans aber weiss, auch un­ter den Te­am­be­sit­zern hat es kei­ne Afro­ame­ri­ka­ner – und je süd­li­cher und kon­ser­va­ti­ver die Ge­gend, des­to be­lieb­ter Foot­ball. Dort dient Ka­eper­nick vie­ler­orts als Feind­bild, wäh­rend sie Pat Till­man ver­eh­ren. Der Ver­tei­di­ger, Haut­far­be weiss, hat­te sei­ne Nfl-kar­rie­re nach den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 be­en­det, um für das Us­mi­li­tär in den Krieg zu zie­hen. Er fiel 2004 in Af­gha­nis­tan.

Be­son­ders schlecht ka­men die pro­tes­tie­ren­den Pro­fis auch beim Prä­si­den­ten der USA an, der sie «Hu­ren­söh­ne» schimpf­te und sei­nen Vi­ze­prä­si­den­ten aus dem Sta­di­on von In­dia­na­po­lis ab­zie­hen liess, als Spie­ler vor des­sen Au­gen knie­ten. Er be­ackert das Nar­ra­tiv, dass Ka­eper­nick und Kol­le­gen die Flag­ge und so­mit die Us-trup­pen be­schmutz­ten. Zahl­rei­che Kriegs­ve­te­ra­nen-or­ga­ni­sa­tio­nen stel­len sich je­doch hin­ter Ka­eper­nick.

Ni­ke setz­te auf Ka­eper­nick – auch das bis­lang ver­ge­bens

Auch Sport­ar­ti­kel­gi­gant Ni­ke mach­te den 31-Jäh­ri­gen im ver­gan­ge­nen Som­mer zum Kopf ei­ner Wer­be­kam­pa­gne, doch das än­der­te nichts dar­an, dass der Weg des Su­per­bowl-teil­neh­mers von 2013 zu­rück in die NFL ver­schlos­sen blieb. Ge­nau­so we­nig Er­folg hat­te bis­her ei­ne von ihm an­ge­streng­te Kla­ge we­gen Aus­gren­zung.

Das Foot­ball­team aus Washington, das bei Ge­walt­tä­ter Fos­ter nicht zö­ger­te, zu­zu­grei­fen, hat­te kürz­lich sei­nen ver­letz­ten Quar­ter­back zu er­set­zen. Ka­eper­nick sei er­wo­gen wor­den, sag­te Chef­trai­ner Jay Gru­den, doch man ha­be für das kom­pli­zier­te Play­book kei­nen Spiel­ma­cher von aus­ser­halb ver­pflich­ten wol­len. Statt­des­sen ver­pflich­te­te er mit Mark San­chez ei­nen Spiel­ma­cher von aus­ser­halb.

Sie be­zah­len teu­er: Co­lin Ka­eper­nick für sei­ne Pro­test­ak­tio­nen . . .

Fo­tos: Getty Images

. . . und Ka­reem Hunt für die Prü­gel an ei­ner Frau

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