Schwei­zer Fir­ma kon­trol­liert die eu­ro­päi­sche Gas­ver­sor­gung

Die um­strit­te­ne rus­sisch-deut­sche Pi­pe­line Nord Stream 2 wird neu von Zug aus di­ri­giert

SonntagsZeitung - - WIRTSCHAFT - Hans-jür­gen Mau­rus

Die Schweiz ent­wi­ckelt sich im­mer stär­ker zur Zen­tra­le der eu­ro­päi­schen Gas­ver­sor­gung. Durch die Pi­pe­line von Nord Stream 1 flos­sen 2018 be­reits 55 Mil­li­ar­den Ku­bik­me­ter rus­si­sches Gas in die EU, durch den Bau von Nord Stream 2 kom­men wei­te­re 55 Mil­li­ar­den an Ka­pa­zi­tät hin­zu. En­de 2019 soll die neue, 1200 Ki­lo­me­ter lan­ge Pi­pe­line fer­tig­ge­stellt wer­den. Bei­de wer­den vom Kan­ton Zug aus ge­führt und kon­trol­liert.

Das 9,5 Mil­li­ar­den Dol­lar teu­re Nord-stream-2-pro­jekt läuft auf vol­len Tou­ren. In Lub­min bei Greifs­wald im deut­schen Meck­len­burg Vor­pom­mern herrscht auf dem sechs Hekt­aren gros­sen Ge­län­de der Erd­gas­emp­fangs­sta­ti­on em­si­ge Be­trieb­sam­keit. Kra­ne und Bag­ger prä­pa­rie­ren das Ge­län­de, an meh­re­ren der 100 Ton­nen schwe­ren Ven­ti­le aus Ita­li­en sind Rohr­stü­cke an­ge­schweisst, die bei­den An­ker­blö­cke sind wie die 48-Zoll-pipe­lines fest ein­be­to­niert.

Doch die ei­gent­li­che Ac­tion fin­det auf ho­her See statt. Start­punkt ist die Nar­wa-bucht in der Re­gi­on Le­nin­grad, wo die Dop­pel-pi­pe­line an das rus­si­sche Gas­netz an­ge­schlos­sen wird. Nord Stream 2 ver­läuft fast par­al­lel zu den bei­den Lei­tun­gen von Nord Stream 1 durch die Ost­see.

Spe­zi­al­schif­fe ei­ner Schwei­zer Fir­ma ver­le­gen die Roh­re

Die rund 200 000 be­nö­tig­ten Roh­re wer­den von Spe­zi­al­schif­fen der Schwei­zer Fir­ma All­seas mit Sitz in Châ­tel-saint-de­nis FR ver­legt. Laut de­ren Spre­cher Je­ro­en Ha­gel­stein sind be­reits rund 250 Ki­lo­me­ter der Pi­pe­line auf dem Mee­res­bo­den in­stal­liert. Die Pionee­ring Spi­rit, mit 385 Me­ter Län­ge das gröss­te Ver­le­ge­schiff der Welt, kommt in den nächs­ten Wo­chen zum Ein­satz. Dann wer­den an der tiefs­ten Stel­le die Roh­re bis zu 200 Me­ter tief ver­senkt.

Fünf Län­der muss­ten die Ge­neh­mi­gung für die Rou­te er­tei­len: Deutsch­land, Schwe­den, Finn­land, Russ­land und Dä­ne­mark. Die Ge­neh­mi­gung aus Ko­pen­ha­gen ste­he noch aus, be­stä­tigt Stef­fen Ebert, Spre­cher von Nord Stream 2. Es ge­be vor­sorg­lich ei­ne Al­ter­na­tiv­rou­te nörd­lich von Born­holm. 670 Un­ter­neh­men aus 25 Län­dern sind an dem ge­wal­ti­gen Pro­jekt be­tei­ligt.

Die Schwei­zer Zen­tra­le der Nord Stream 2 AG in der Zu­ger Baa­rer­stras­se ist der Dreh- und An­gel­punkt des Pro­jekts. Sie ge­hört dem rus­si­schen Ener­gie­kon­zern Gaz­prom, der die Pi­pe­line zur Hälf­te fi­nan­ziert. Die an­de­re Hälf­te über­neh­men die eu­ro­päi­schen Part­ner Win­ters­hall, OMV, En­gie, Shell und Uni­per.

Jetzt, in der Pro­jekt­pha­se, ar­bei­ten hier rund 200 Mit­ar­bei­ter. Wenn das neue Kon­troll­zen­trum in St­ein­hau­sen ZG steht, wer­den noch 90 Mit­ar­bei­ter für die Steue­rung und Über­wa­chung des Gas­tran­sits nach Eu­ro­pa ge­braucht. Sie wer­den in drei Schich­ten rund um die Uhr ar­bei­ten, sagt Paul Cor­co­ran, Fi­nanz­chef von Nord Stream 2, 365 Ta­ge im Jahr. Mul­ti­ple Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strän­ge, Sa­tel­li­ten­ver­bin­dun­gen, un­ab­hän­gi­ge Strom­ver­sor­gung und ex­tre­me Si­cher­heits­vor­keh­run­gen sind ein­ge­plant.

Ge­heim­zen­tra­le als Back-up für den Not­fall

An ei­nem ge­hei­men Ort wird ei­ne voll aus­ge­stat­te­te Ha­va­rie­zen­tra­le für den Kri­sen­fall er­stellt – et­wa bei To­tal­aus­fall, Feu­er oder Ter­ror­an­schlag. «Wir ha­ben Ka­ta­stro­phen­ma­nage­ment-pro­ze­du­ren, das ist In­dus­trie­stan­dard», sagt Cor­co­ran. Die IT wird be­son­ders gut ge­schützt, durch Sys­te­me oh­ne In­ter­net­zu­gang, Back-up-sys­te­me und ge­trenn­te Strom­ver­sor­gungs­quel­len, um in je­dem Fall die Gas­ver­sor­gung ga­ran­tie­ren und im Not­fall die Pi­pe­line ab­schal­ten zu kön­nen.

Die Schweiz bie­te sich als na­tür­li­cher Stand­ort da­für an, meint Cor­co­ran. Zug sei gross­ar­tig für Ge­schäf­te, die Mit­ar­bei­ter hoch qua­li­fi­ziert und die Stadt at­trak­tiv für aus­län­di­sche Spe­zia­lis­ten. Zu­dem ba­sie­ren die Ver­trä­ge auf Schwei­zer Recht.

Nord Stream 2 ist ein kom­mer­zi­el­les Pro­jekt, aber po­li­tisch hoch um­strit­ten. Der Wi­der­stand kommt aus der Ukrai­ne, Po­len, der Slo­wa­kei, den bal­ti­schen Staa­ten, von der Eu-kom­mis­si­on und auch von den USA. Be­fürch­tet wird ei­ne zu gros­se en­er­gie­po­li­ti­sche Ab­hän­gig­keit der eu­ro­päi­schen Län­der, be­son­ders Deutsch­lands, von rus­si­schem Gas.

Der Markt­an­teil von Gaz­prom in der EU lie­ge ak­tu­ell bei rund 34 Pro­zent, sagt Thier­ry Bros vom Ox­ford In­sti­tu­te für Ener­gie­stu­di­en. Das sei «völ­lig in Ord­nung». Durch Nord Stream 2 wer­de aber die Im­port­quo­te Deutsch­lands von der­zeit 55 auf bis zu 80 Pro­zent stei­gen. Da­mit wür­de Ber­lin in ei­ne ein­sei­ti­ge en­er­gie­po­li­ti­sche Ab­hän­gig­keit ge­ra­ten.

Die Ukrai­ne be­fürch­tet, dass die neue Ost­see-pi­pe­line die bis­he­ri­gen Tran­sit­ge­büh­ren von rund 2 Mil­li­ar­den Dol­lar jährlich für die ei­ge­nen Pipe­lines ge­fähr­det oder gar eli­mi­niert, zu­mal Gaz­prom mit dem Bau der Turk Stream Pi­pe­line über das Schwar­ze Meer die Ukrai­ne um­ge­hen will.

Die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel setz­te sich für die Bei­be­hal­tung der Gas­trans­por­te durch die ukrai­ni­sche Lei­tung ein, doch weiss an­ge­sichts der span­nungs­ge­la­de­nen Be­zie­hun­gen zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne nie­mand, wie sich das Ver­hält­nis wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Ka­pa­zi­tä­ten von Nord Stream 1 und 2 dürf­ten je­doch nicht aus­rei­chen, ei­nen To­tal­aus­fall der Ukrai­ne zu kom­pen­sie­ren.

Die USA dro­hen gar mit Sank­tio­nen

Po­len wet­tert seit lan­gem ge­gen Nord Stream 2. Das Land fürch­tet Gaz­proms wach­sen­de Markt­macht und ei­ne Be­hin­de­rung des Wett­be­werbs. Gaz­prom und seine Part­ner se­hen es ge­nau um­ge­kehrt. Nord Stream 2 wer­de den Wett­be­werb durch Di­ver­si­fi­zie­rung der Im­por­t­rou­ten er­hö­hen. Da­von pro­fi­tier­ten eu­ro­päi­sche Gas­kun­den eben­so wie die eu­ro­päi­sche Volks­wirt­schaft.

Die gröss­te Ge­fahr geht aber von den USA aus, die ihr ei­ge­nes Flüs­si­gerd­gas ver­kau­fen wol­len. Erst vor kur­zem droh­te der ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaf­ter bei der EU, Gor­don Sond­land, mit Us-sank­tio­nen, soll­te der Bau der Pi­pe­line vor­an­schrei­ten. «Mir be­rei­tet dies kei­ne schlaf lo­sen Näch­te», sagt Fi­nanz­chef Cor­co­ran. «Un­se­re Auf­ga­be ist es, ei­ne Pi­pe­line zu bau­en. Je mehr Rou­ten es gibt, um­so bes­ser für die Ener­gie­si­cher­heit.» Not­falls wol­le der Kreml das Pro­jekt al­lein fi­nan­zie­ren, heisst es in Mos­kau.

Fakt ist: Bis 2040 wird sich die Ei­gen­för­de­rung in der EU hal­bie­ren. Das macht mehr Im­por­te und ei­ne grös­se­re Trans­port-in­fra­struk­tur er­for­der­lich. Hin­zu kommt, dass Gas auf­grund der am­bi­tio­nier­ten Kli­ma­zie­le in Eu­ro­pa als Brü­cke­n­ener­gie ei­ne wach­sen­de Be­deu­tung er­langt, da Gas­kraft­wer­ke nur halb so viel CO2 aus­stos­sen wie Koh­le­kraft­wer­ke.

Fo­to: Keysto­ne

Mam­mut­pro­jekt: Ein Mon­ta­ge­schiff der Schwei­zer Fir­ma All­seas ver­legt Roh­re für die Pi­pe­line Nord Stream 2 in der Ost­see

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