Alt? Ich doch nicht!

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT -

Schall­plat­ten bis heu­te auf­be­wah­ren. Über das Al­ter re­den sie auch? St­ein­ber­ger schüt­telt hef­tig den Kopf. «Nee­ein, dar­über doch nicht!» Er winkt ab. «Ge­schich­ten be­gin­nen im­mer von vor­ne, wie bei ei­nem Kas­sett­li.»

Ein paar Stän­de wei­ter hat Ste­fan Gub­ser sei­nen Auf­tritt. Der Schau­spie­ler, be­kannt als «Tat­ort»-kom­mis­sar Re­to Flü­cki­ger, er­klärt ar­tig, wes­halb er nun Bot­schaf­ter für ei­ne Trep­pen­lift-fir­ma ist («In un­se­rer Ge­sell­schaft muss man im­mer der Sie­ben­siech sein»). St­ein­ber­ger, Gub­ser: Das ist har­te Kon­kur­renz für al­le an­de­ren. Ein wei­te­rer Re­fe­rent, der über re­flek­tie­ren­de Klei­dung spre­chen soll, steht vor lee­ren Stüh­len. Ab­ge­sagt. Ge­gen­über ein manns­ho­her, be­geh­ba­rer Darm, da­vor ein Schild «Bit­te ein­tre­ten»; ein paar Me­ter wei­ter ei­ne Ku­schel­ro­bo­ter-rob­be.

Jas­sen mit Mo­ni­ka Fas­nacht sorgt für gu­te Stim­mung

Wir ken­nen Hoch­zeits­mes­sen, Fa­mi­li­en­mes­sen, Be­rufs­mes­sen; ei­ne Se­nio­ren­mes­se ist da nur kon­se­quent. Die Idee hat­te Jo­sef Odermatt, frü­her Jour­na­list und ehe­ma­li­ger Ge­mein­de­am­mann von Weg­gis, schon vor acht Jah­ren. «Da­mals war das Wort ‹Al­ter› noch nicht sa­lon­fä­hig», sagt der Grün­der. Das ha­be sich ge­än­dert, auch dank po­li­ti­scher De­bat­ten über AHV und Pen­si­ons­kas­se. Dass die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on ei­ne ei­ge­ne Mes­se be­kommt, ist zu­dem Aus­druck ih­rer wach­sen­den wirt­schaft­li­chen Be­deu­tung. Bis 2030 wer­den ge­mäss Ave­nir Suis­se in der Schweiz 670 000 zu­sätz­li­che Rentner leben, kaum ein Seg­ment wächst schneller als der Se­nio­ren­markt.

Im­mer mehr Bran­chen ent­de­cken Ba­by­boo­mer als die im Grun­de ge­nom­men per­fek­te Kli­en­tel: Sie pro­bie­ren ger­ne Neu­es aus, gel­ten als kon­sum­freu­dig und fi­nanz­stark. Der gröss­te Schwei­zer On­line­händ­ler Di­gi­tec Ga­la­xus et­wa baut ge­ra­de sein An­ge­bot für Se­nio­ren aus und nimmt Rol­la­to­ren und Krü­cken, aber auch All­tags­hil­fen wie Ta­blet­ten­mör­ser und er­go­no­mi­sche Brot­mes­ser ins Sor­ti­ment auf.

Bloss: Wer­bung für äl­te­re Menschen be­deu­tet Wer­bung für ei­ne Grup­pe, der nie­mand an­ge­hö­ren will. Die meis­ten Rentner wün­schen kei­ne spe­zi­el­len Pro­duk­te – im Ge­gen­teil, und es schreckt sie eher ab, wenn sie di­rekt auf ihr Al­ter an­ge­spro­chen wer­den. Be­schö­ni­gen­de Wort­krea­tio­nen wie «Best Agers» oder «Ge­ne­ra­ti­on Gold» zeu­gen da­von. Braucht es des­halb den Zu­satz «Zu­kunft» im Mes­se­na­men? Ei­ne «Spie­le­rei» sei das, sagt Odermatt: «Man muss beim Al­ter mehr mit­lie­fern.» Nicht von Tod und Krank­heit spre­chen, kei­ne be­drü­cken­de Stim­mung schaf­fen. «Wir wol­len ei­nen lust­be­ton­ten An­lass bie­ten.» Heisst: Mo­ni­ka Fas­nacht lädt zum Jas­s­tur­nier, Pa­pa Moll be­spasst die En­kel, Wil­lis Wy­ber­ka­pel­le spielt auf.

Macht das die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gäng­lich­keit ein­fa­cher? Spricht es sich mit ei­nem Schwy­zer­ör­ge­li im Hin­ter­grund leich­ter über die ei­ge­ne Be­er­di­gung? Tes­tet man den Cho­le­ste­rin­spie­gel eher, wenns da­zu ei­nen gra­tis Jo­ghurt­drink gibt? Kaum. Das Al­ter mag sein Stig­ma ab­ge­legt ha­ben, so­lan­ge es um die an­ge­neh­men Sei­ten des Ü-60-le­bens geht: die Well­ness­fe­ri­en, die Fe­ri­en­woh­nung, die Nach­mit­ta­ge mit den En­keln. Un­be­hag­lich bleibt, was nicht dem Bild des «jun­gen Al­ten» ent­spricht. Das zeigt sich auch in der Lu­zer­ner Mes­se­hal­le. Die Gäs­te be­tre­ten sie mit je­ner Mi­schung aus Kon­sum­lau­ne und Neu­gier, die der­ar­ti­gen An­läs­sen an­ge­mes­sen ist. Ein 63-Jäh­ri­ger, er ge­hört eher zu den Jün­ge­ren, war draus­sen auf der All­mend mit dem Ve­lo un­ter­wegs und schaut spon­tan vor­bei. Trep­pen­lif­te hat er sich an­ge­se­hen und Se­nio­ren-elek­tro­au­tos, die ans Pa­pa­mo­bil er­in­nern. «Wür­de ich nor­ma­ler­wei­se nicht tun», sagt er. Ir­gend­wann müs­se man sich mit dem Al­ter aus­ein­an­der­set­zen, da­mit ha­be er kein Pro­blem. «Die Mes­se ist ja nicht auf alt ge­macht.»

Ei­nen Schuh­löf­fel von der Spitex, ei­ne Ro­se vom Be­stat­ter

Ein an­de­rer Be­su­cher, 79, hat hier letz­tes Jahr drei Ta­ge Weih­nachts­markt im El­sass ge­bucht, in­klu­si­ve Ra­batt. Ta­del­lo­se Sa­che. Er schaue ger­ne vor­aus. Aber alt? Nein, so füh­le er sich nicht. Er rei­se oft mit dem Wohn­mo­bil, durch Ru­mä­ni­en, Bul­ga­ri­en, Grie­chen­land. Ein Paar, je ein Glas Süss­most in der Hand, sagt: Sie sei­en aus Gwun­der ge­kom­men. «Sel­ber brau­chen wir die­se Din­ge noch nicht.» Auch wenn sie bei­de ein Hör­ge­rät hät­ten. Das Al­ter ist hier ei­ne Art Ele­fant im Raum, wie die Bri­ten ei­ne un­an­ge­neh­me Tat­sa­che nen­nen, die of­fen­sicht­lich ist, aber nie­mand an­spricht.

Ein paar Me­ter wei­ter steht Chris­ti­ne Zemp Gs­po­ner vor ei­nem Stand, an dem Ver­si­che­run­gen ver­kauft wer­den könn­ten, wä­re nicht der gros­se Gong, dem ih­re Kol­le­gin don­ner­grol­len­ar­ti­ge Klän­ge ent­lockt. Zemp Gs­po­ner und ih­re Kol­le­gin­nen pla­nen Be­er­di­gun­gen, räu­men Häu­ser, be­glei­ten Hin­ter­blie­be­ne. Vor ei­nem Jahr staf­fier­ten sie ih­ren Stand mit ei­nem Sarg aus. «Das hat vie­le Be­su­cher ab­ge­schreckt», sagt Zemp Gs­po­ner. Zwar sei der Sarg auch ein gu­ter An­knüp­fungs­punkt für Gespräche ge­we­sen. «Aber den Ge­dan­ken an den Tod schie­ben vie­le Menschen doch hin­aus.» In die­sel­be Rich­tung geht Mar­tin Schupp­li. Er ver­tritt hier «Dein Adieu», ein Le­bens­en­de-on­lin­e­por­tal mit Seel­sor­ge-check­lis­te und Pdfvor­la­ge für die Be­stat­tungs­pla­nung. Zwar küm­mer­ten sich äl­te­re Menschen in­ten­si­ver als frü­her um das Mor­gen, sagt Schupp­li. Ge­he es al­ler­dings dar­um, ex­ter­ne Hil­fe zu ho­len, «ha­ben die Leu­te Kin­der, die sich um al­les küm­mern. Dann heisst es, ‹die Toch­ter pf legt mich›, selbst wenn die viel­leicht auch schon über 60 ist.» Ge­mäss dem Ver­ein My­h­ap­py­end, der an die­sem Wo­che­n­en­de auch ver­tre­ten ist, set­zen sich im­mer mehr Menschen mit ih­rem Tes­ta­ment aus­ein­an­der – der An­teil je­ner, die tat­säch­lich ei­nes ver­fas­sen, sta­gniert aber bei gut ei­nem Vier­tel.

Ein Ehe­paar, er 82, sie 77, bei­de in Dau­nen­ja­cke, ist zum zwei­ten Mal hier. Er hat sich ge­ra­de er­klä­ren las­sen, wie man ein Fo­to­buch macht, sie in­ter­es­siert sich eher für me­di­zi­ni­sche The­men. Da­mit ist sie nicht al­lein. Mes­se­lei­ter Jo­sef Odermatt sagt, Ge­sund­heit sei von An­fang an «der Dau­er­bren­ner» ge­we­sen. «Wir wol­len das Al­ter nicht schön­re­den», sagt er. Des­halb re­fe­rie­ren Fach­leu­te über Or­gan­spen­den und die al­ters­be­ding­te Ma­ku­la­de­ge­ne­ra­ti­on, über De­menz und In­kon­ti­nenz, letz­te­res mit eher be­schei­de­nem Be­su­cher­an­drang.

Am Nach­mit­tag spricht Emil St­ein­ber­ger mit sei­ner Frau Nic­cel wie­der vor Pu­bli­kum. Draus­sen tre­ten die Be­su­cher ins Freie, ma­chen sich mit Tü­ten voll Pro­spek­ten und Wer­be­ge­schen­ken auf den Heim­weg. Ein Schuh­löf­fel von der Spitex, ein re­flek­tie­ren­der Pin, den sie an den Man­tel hef­ten kön­nen. Bei zwei Da­men lugt je ei­ne ro­te Ro­se aus der Trag­ta­sche, dar­an bau­melt ein Zet­tel­chen des Be­stat­tungs­in­sti­tuts. Wer weiss, was sie sonst noch mit­neh­men, in ih­ren Ge­dan­ken.

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