Mys­te­riö­se Lähm­umg

Ein omi­nö­ses Ner­ven­lei­den be­fällt Kin­der in den USA und Eu­ro­pa. Die Ur­sa­che ist un­ge­wiss, ei­ne The­ra­pie gibt es nicht. Noch ist die po­lioähn­li­che Krank­heit al­ler­dings sel­ten

SonntagsZeitung - - GESUNDHEIT - Wer­ner Bar­tens

Ob es das letz­te Mal war, dass der Bub auf das Klet­ter­ge­rüst ge­stie­gen, her­um­ge­tobt und ge­rutscht ist? Und wie die Sie­ben­jäh­ri­ge den Hü­gel hin­ab­rennt, atem­los jap­send vor Glück, kann sie das nächs­te Wo­che auch noch? Was für ein Spät­som­mer und Herbst vol­ler Hof­fen und Ban­gen, denn da ist im­mer die­se Angst. Was, wenn das Kind doch ins Spi­tal muss und dort so­gar be­at­met wer­den soll? Was für ein Ge­fühl, wenn die El­tern ih­rem Kind in der Kli­nik ei­nen Gu­te­n­acht­kuss ge­ben, aber nicht wis­sen, wie es am nächs­ten Mor­gen wie­der auf­wacht; leb­haft wie am Abend oder in­tu­biert und so ge­schwächt, dass es viel­leicht nie wie­der rich­tig wird lau­fen kön­nen.

Die­se be­rüh­ren­den Sze­nen stam­men nicht aus der Bro­schü­re von Selbst­hil­fe­grup­pen, son­dern sie ste­hen im an­ge­se­he­nen Fach­ma­ga­zin «Ja­ma Pe­d­iatrics». Dort gibt es – ne­ben im üb­li­chen Ex­per­ten­duk­tus ge­hal­te­nen Bei­trä­gen – eben auch die­sen un­ge­wöhn­li­chen Text «aus El­tern­per­spek­ti­ve». Er ist zwar von Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten ge­schrie­ben, aber sie sind gleich­zei­tig auch An­ge­hö­ri­ge und ha­ben sich aus ei­nem trau­ri­gen Grund zu­sam­men­ge­fun­den: Ih­re Kin­der sind an Acu­te Flac­cid Mye­li­tis (AFM) er­krankt, ei­nem Ner­ven­lei­den, bei dem es zu Läh­mun­gen und Mus­kel­schwä­che kommt. Be­trof­fen sind meist Kin­der im Vor- und Grund­schul­al­ter; die Sym­pto­me kön­nen de­zent sein, so­dass sie kaum auf­fal­len – aber auch le­bens­be­droh­lich wer­den.

AFM ist ein mys­te­riö­ses Lei­den, Ärz­te wis­sen noch we­nig dar­über. Als «po­lioähn­lich» wird es ge­le­gent­lich be­schrie­ben, was sug­ge­riert, dass es mit der Kin­der­läh­mung ver­gleich­bar ist. Aber das trifft es nicht ganz, die «aku­te schlaf­fe Läh­mung» ist vor al­lem viel sel­te­ner, auch wenn sich man­che Sym­pto­me glei­chen kön­nen – die asym­me­tri­sche Schwä­che in Bei­nen und Ar­men et­wa, die kaum zu the­ra­pie­ren­den schlaf­fen Läh­mun­gen der Ex­tre­mi­tä­ten oder der Atem­mus­ku­la­tur.

«In der Di­men­si­on ist es si­cher nicht wie Po­lio, aber die Ge­fahr ei­nes wei­te­ren An­stiegs be­steht auch in Eu­ro­pa, bis­lang sind es ja zum Glück sehr we­ni­ge Fäl­le», sagt Flo­ri­an Hei­nen, Chef der Neu­ro­päd­ia­trie am Hau­ner­schen Kin­der­spi­tal der Uni Mün­chen.

Er­staun­lich ist das Auf­tre­ten der Krank­heit al­le zwei Jah­re

Ak­tu­ell ist in «Ja­ma Pe­d­iatrics» ei­ne Fall­se­rie mit 45 Kin­dern aus den USA ver­öf­fent­licht, bei de­nen die Dia­gno­se AFM ge­stellt wurde, Durch­schnitts­al­ter sechs Jah­re. Wie schwer es ist, die Krank­heit ein­deu­tig ab­zu­gren­zen, zeigt sich dar­an, dass elf der Kin­der aus der Stu­die in Wahr­heit ei­ne an­de­re sel­te­ne Ner­ven­er­kran­kung hat­ten, wie sich in der Ana­ly­se her­aus­stell­te.

Für die AFM ist ty­pisch, dass der Krank­heit ei­ne fieb­ri­ge Vi­rus­er­kran­kung vor­aus­geht, zu­meist der Atem­we­ge oder des Ver­dau­ungs­trak­tes. Mus­keln an Ar­men, Bei­nen, Hals oder Ge­sicht sind nicht nur ge­schwächt, ihr To­nus ist auch deut­lich ver­min­dert, Re­fle­xe las­sen sich schlech­ter aus­lö­sen. Im Kern­spin fin­den sich Lä­sio­nen auf Rü­cken­marksebe­ne, die mo­to­ri­sche Ner­ven­lei­tung ist oft be­ein­träch­tigt, und in der Rü­cken­marksf lüs­sig­keit schwim­men auf­fäl­lig vie­le Zel­len. Nach die­sen Kri­te­ri­en hat die ame­ri­ka­ni­sche Seu­chen­schutz­be­hör­de (CDC) bis Ok­to­ber 2018 bis­her 62 Fäl­le in 22 Bun­des­staa­ten be­stä­tigt.

Er­staun­lich ist das pe­ri­odi­sche Auf­tre­ten des Lei­dens in den USA. 2014 ist es ge­häuft bei Kin­dern in Ka­li­for­ni­en und Co­lo­ra­do vor­ge­kom­men, dann auch 2016 und jetzt wie­der, im Spät­som­mer und Herbst 2018. Ins­ge­samt ver­zeich­net die CDC 458 be­stä­tig­te Fäl­le seit 2014. «Wir müs­sen mit wei­te­ren Aus­brü­chen 2020 rech­nen, al­le zwei Jah­re», schrei­ben Neu­ro­lo­gen um Mat­t­hew El­rick, die mit der Aus­wer­tung be­fasst wa­ren. «Wir soll­ten dar­auf vor­be­rei­tet sein, Fäl­le im Spät­som­mer oder Herbst zu er­ken­nen.»

Der­zeit wer­den vor al­lem Er­käl­tungs­vi­ren als mög­li­che Aus­lö­ser ver­däch­tigt, was die sai­so­na­le Häu­fung er­klä­ren könn­te. «Das Lei­den ver­läuft in Wel­len, die Grip­pe­wel­le ist ja auch nicht je­des Jahr gleich hef­tig», sagt Kinder­n­eu­ro­lo­ge Hei­nen. Da sich schlecht vor­her­sa­gen las­se, wie sich die Er­re­ger ver­brei­ten und wie vi­ru­lent sie tat­säch­lich sind, be­fürch­ten man­che For­scher, dass sich ei­ne Epi­de­mie ent­wi­ckeln könn­te. «Von ‹New-po­lio› zu spre­chen, wä­re den­noch ef­fekt­hei­schend und zur­zeit nicht an­ge­mes­sen», sagt Hei­nen. Für die Vi­ren-hy­po­the­se spricht, dass et­li­che Er­re­ger das Ner­ven­sys­tem und da­mit auch das Rü­cken­mark schä­di­gen.

Grund­sätz­lich neu ist die aku­te schlaf­fe Läh­mung nicht. «Als exo­ti­sche Ra­ri­tät ist AFM in sei­ner kli­ni­schen Au­s­prä­gung schon län­ger be­kannt», sagt Kin­der­arzt Hei­nen. So wer­den in der Schweiz die Af­mfäl­le seit 1995 er­fasst, im Schnitt er­kran­ken hier­zu­lan­de et­wa zwölf Kin­der pro Jahr dar­an. «Neu ist al­len­falls der Fo­kus auf Vi­ren als Aus­lö­ser und da­mit die Furcht vor ei­ner Epi­de­mie.» Weil be­stimm­te Er­re­ger, die En­te­ro­vi­ren D68 und A71, in Eu­ro­pa und den USA in die­sem Zu­sam­men­hang iden­ti­fi­ziert wur­den, wer­de AFM in Fach­zeit­schrif­ten der Neu­ro­lo­gen, Kin­der­ärz­te und In­fek­tio­lo­gen be­han­delt und blei­be in der Dis­kus­si­on.

Die El­tern über­le­ben­der Kin­der for­dern mehr Auf­merk­sam­keit

Dass im­mer mal wie­der weit­ge­hend un­be­kann­te Krank­heits­bil­der auf­tau­chen, ist so gut wie si­cher, denn al­lein die ex­tre­me Viel­zahl der Vi­ren und ihr un­ter­schied­lich ag­gres­si­ves Po­ten­zi­al kön­nen neue Seu­chen her­auf­be­schwö­ren. War­um ein Vi­rus harm­los bleibt und wann es zur Ka­ta­stro­phe führt, ist bis­her nur un­zu­rei­chend ver­stan­den, zu­dem än­dert sich die Ver­brei­tungs­ge­schwin­dig­keit von Vi­ren im­mer wie­der – und mit we­ni­gen Aus­nah­men gibt es bis­her kei­ne wirk­sa­me an­ti­vi­ra­le The­ra­pie. «Die vie­len Fra­ge­zei­chen ver­un­si­chern – und ma­chen je­de Vor­her­sa­ge un­si­cher», sagt Hei­nen.

Die El­tern, de­ren Kin­der Af­m­schü­be über­lebt ha­ben, for­dern mehr Auf­merk­sam­keit für die nächs­te Er­kran­kungs­wel­le. Sie füh­len sich von Be­hör­den wie der CDC im Stich ge­las­sen, die zu­nächst die Ge­fahr her­un­ter­ge­spielt hät­ten. Die El­tern war­nen: «Wir ha­ben je­de Information von Spe­zia­lis­ten auf­ge­saugt. Wir ha­ben klei­ne wie gros­se Fort­schrit­te ge­fei­ert. Und wir ha­ben ge­trau­ert, als zwei Kin­der an Kom­pli­ka­tio­nen ih­rer Läh­mung ge­stor­ben sind. Lei­der muss­ten wir mit Schre­cken fest­stel­len, dass un­se­re Grup­pe in die­sem Jahr auf mehr als 500 Mit­glie­der an­ge­wach­sen ist.»

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