Ich, der Bun­des­rats­kil­ler

SonntagsZeitung - - TIPPS - And­reas To­bler

Wie­der ha­be ich gross mit­ge­spielt – und nun tut es mir fast ein we­nig leid.

Denn dies­mal ha­be ich ei­nen Bun­des­rat ver­hin­dert. Ge­nau­er ge­sagt: Re­gie­rungs­prä­si­dent Chris­ti­an Ams­ler, der ger­ne für die FDP nach Bern ge­zo­gen wä­re – als ers­ter Bun­des­rat mei­nes Wohn­kan­tons Schaff­hau­sen über­haupt. Tat­säch­lich sah es für Ams­ler sehr gut aus: Mit sei­ner Kan­di­da­tur er­hielt er na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit – nicht zu­letzt we­gen sei­ner im­po­san­ten Phy­sis.

«196 Zen­ti­me­ter gross, gut 100 Ki­lo­gramm schwer, ein Kinn wie ei­ne Bag­ger­schau­fel», las ich in ei­nem be­son­ders char­man­ten Por­trät.

Aber dann kam ich, der schrei­ben­de Bull­do­zer, ge­fan­gen im Kör­per

ei­nes un­trai­nier­ten Bal­lett­tän­zers – und brach­te den Schaff­hau­ser wohl im Al­lein­gang zu Fall. Und das ging so: Ams­ler schrieb mir im Ok­to­ber ei­nen Brief, in dem er mir für mei­nen he­roi­schen Zi­vil­schu­tz-ein­satz dank­te. Dar­über hat­te ich in die­ser Zei­tung be­rich­tet: Wie ich im Kampf ge­gen die Wald­brand­ge­fahr mein Leben mehr­fach ris­kier­te.

Ams­ler fand die schöns­ten Wor­te: Er lob­te mei­nen «selbst­lo­sen Ein­satz»,

schrieb von be­schwer­li­chen Um­stän­den, der «sen­gen­den Hit­ze» und grüss­te «hoch­ach­tungs­voll». Ich fühl­te mich von Chris­ti­an – im Zi­vil­schu­tz sind wir al­le mit­ein­an­der per Du – ver­stan­den, auch wenn es wäh­rend mei­nes Ein­sat­zes reg­ne­te. So schrieb ich mei­nem Brief­freund ein E-mail, in dem ich ihm für seine Dan­kes­zei­le dank­te, mach­te mir aber auch Ge­dan­ken, ob es nach mei­nem Ein­satz, der zahl­rei­che Ent­beh­run­gen mit sich brach­te, nicht sinn­vol­ler wä­re, mich aus dem Zi­vil­schu­tz zu ent­las­sen. Ger­ne hät­te ich gewusst, wie Chris­ti­an dar­über denkt. Zu­min­dest schrieb ich das in mei­nem E-mail.

Kei­ne Ant­wort des Bei­na­he-bun­des­ra­tes, der als «tem­pe­ra­ment­vol­ler Kom­mu­ni­ka­tor»

cha­rak­te­ri­siert wird. Neun Ta­ge nach mei­nem Mail zog Chris­ti­an seine Kan­di­da­tur zu­rück. Was ge­nau ge­schah, wer­den wir wohl nie er­fah­ren. Aber ich se­he vor mei­nem in­ne­ren Au­ge, wie Chris­ti­an sei­nen Lap­top auf­schlägt, mein E-mail liest und denkt: «Scheis­se, der To­bler hat mich auf dem Ra­dar.» Der Rest ist Ge­schich­te.

ist ein Bull­do­zer, ge­fan­gen im Kör­per ei­nes Bal­lett­tän­zers Es gibt «nichts Ent­span­nen­de­res, als et­was Boo­gie-woo­gie und Blues in die Tas­ten zu hau­en», sagt Hob­by-pia­nist Chris­ti­an Ams­ler

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