Wie El­tern ih­re Töch­ter ab­schot­ten und weg­sper­ren

Jun­ge Frau­en aus kon­ser­va­ti­ven Fa­mi­li­en kämp­fen auch in der Schweiz um ih­re Rech­te

SonntagsZeitung - - INTEGRATION VON JUGENDLICHEN IN DER SCHWEIZ - Nad­ja Pa­s­te­ga

Sie f loh aus Sau­dia­ra­bi­en – aus Angst vor ih­rer ei­ge­nen Fa­mi­lie. Sie f loh vor Un­ter­drü­ckung und Zwangs­hei­rat. Ein hal­bes Jahr, be­rich­tet die 18­jäh­ri­ge Ra­haf Mo­ham­med al­qunun, sei sie von den El­tern ein­ge­sperrt wor­den, weil sie sich die Haa­re ab­ge­schnit­ten hat­te. Am letz­ten Wo­che­n­en­de wur­de Ra­haf bei ei­ner Zwi­schen­lan­dung in Bang­kok von den thai­län­di­schen Ein­wan­de­rungs­be­hör­den ge­stoppt. Auf Twit­ter star­te­te sie ei­ne Kam­pa­gne. Mit Er­folg: Am Frei­tag wur­de be­kannt, dass sie nach Ka­na­da wei­terf lie­gen konn­te und dort Asyl er­hält.

Flucht vor den El­tern: Das gibt es auch in der Schweiz. Auch hier ver­su­chen jun­ge Frau­en, der Be­vor­mun­dung, Ge­walt, Zwangs­hei­rat zu ent­kom­men. Sie stam­men aus kon­ser­va­ti­ven Mi­gran­ten­fa­mi­li­en, in de­nen en­ge Moral­vor­stel­lun­gen die Grund­la­ge für ei­ne Ge­sell­schafts­ord­nung lie­fern, in de­nen Frau­en da­mit rech­nen müs­sen, als Men­schen zwei­ter Klas­se be­han­delt zu wer­den.

Das Weg­sper­ren wie im Fall von Ra­haf sei auch in der Schweiz «nicht un­üb­lich», heisst es bei der Fach­stel­le Zwangs­hei­rat, dem Kom­pe­tenz­zen­trum des Bun­des. Erst letz­te Wo­che ha­be ei­ne jun­ge Mi­gran­tin aus der In­ner­schweiz hier Hil­fe ge­sucht – die El­tern hat­ten sie ei­ne Wo­che lang ein­ge­sperrt, um sie in ih­rem Sin­ne zu «nor­ma­li­sie­ren». Dem Lehr­meis­ter ih­rer Toch­ter sag­ten sie, das Mäd­chen sei krank.

Manch­mal ist Ein­sper­ren erst der An­fang. Wenn sich die Toch­ter dem re­li­giö­sen und tra­di­tio­nel­len Ver­hal­tens­ko­dex wi­der­set­ze, kom­me es oft «in kur­zer Zeit zu ei­ner mas­si­ven Ge­waltstei­ge­rung bis hin zur Zwangs­ver­hei­ra­tung», sagt Anu Si­va­ga­ne­san, die Prä­si­den­tin der Fach­stel­le. 2300 Fäl­le hat man hier in den letz­ten zehn Jah­ren be­ra­ten. «19 Pro­zent der Be­trof­fe­nen ent­schei­den sich, von ih­ren Fa­mi­li­en weg­zu­ge­hen», sagt sie. «Sie ha­ben kei­ne an­de­re Wahl.»

Die Be­trof­fe­nen stamm­ten «aus der Tür­kei, Sri Lan­ka und dem west­li­chen Süd­ost­eu­ro­pa, al­so aus den so­ge­nann­ten Bal­kan­staa­ten». Da­ne­ben ge­be es «zu­neh­mend» auch Fäl­le aus dem Asyl­be­reich, al­so aus Län­dern wie Sy­ri­en, dem Irak, So­ma­lia und Eri­trea. 20 Pro­zent der Op­fer, die sich bei der Be­ra­tungs­stel­le mel­den, stam­men zur­zeit aus klas­si­schen Asyl­län­dern.

Ab­trün­ni­ge kön­nen nicht auf Ver­ständ­nis hof­fen

Hei­rat auf Be­fehl, das trifft zwar auch jun­ge Män­ner. Aber meist sind die Op­fer Mäd­chen und Frau­en. Von Ge­burt an wer­den sie ins pro­gram­mier­te Le­ben ge­zwun­gen. «Da­zu ge­hört das Tra­gen von lan­gen Haa­ren als Norm, das Ver­bot jeg­li­cher Kon­tak­te mit Bu­ben, die Ver­wei­ge­rung von Aus­gang oder die Vor­schrift, die Haut zu be­de­cken», sagt Si­va­ga­ne­san. «Wer aus der Fa­mi­lie aus­schert, stösst sel­ten auf Ver­ständ­nis.» Die Ab­trün­ni­gen wür­den dann ins Her­kunfts­land ver­schleppt und dort zwangs­ver­hei­ra­tet.

Wenn sie im Aus­land fest­ge­hal­ten wer­den, ist ei­ne Flucht aus der Ehe­höl­le kaum mehr mög­lich – bei Lan­des­ab­we­sen­heit er­lischt die Auf­ent­halts­be­wil­li­gung in der Schweiz nach sechs Mo­na­ten. An­ders in Deutsch­land. Hier wur­de das Rück­kehr­recht auf zehn Jah­re er­höht. In der Schweiz schei­ter­te ein ent­spre­chen­der Vor­stoss 2012 im Par­la­ment.

Dass auch gut aus­ge­bil­de­te El­tern nicht vor Be­vor­mun­dung und Un­ter­drü­ckung schüt­zen, zeigt der Fall der Sau­di Ra­haf: Ihr Va­ter ist Gou­ver­neur. Auch bei der Fach­stel­le Zwangs­hei­rat kennt man Bei­spie­le. Kürz­lich be­rich­te­te ei­ne jun­ge Mi­gran­tin von ih­rem Bru­der, der sich zum Arzt aus­bil­den liess: «Er sagt, dass er wie sei­ne El­tern zu Hau­se nicht über Se­xua­li­tät spre­chen wer­de – um kei­nen Frei­pass zur Frei­zü­gig­keit zu ge­ben.»

Ih­ren Twit­ter­ac­count hat Ra­haf am Frei­tag ab­ge­schal­tet. Nach An­ga­ben von Hu­man Rights Watch hat­te sie zu­vor Mord­dro­hun­gen er­hal­ten.

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