Das drit­te Kind

Fa­mi­li­en wach­sen übers Ide­al hin­aus

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - Fa­bi­en­ne Rik­lin (Text) und Re­né Ru­is (Foto)

Auf Spiel­plät­zen sieht man ver­mehrt Müt­ter, ein Ba­by um­ge­schnallt, ih­ren bei­den Grös­se­ren nach­sprin­gen, Ge­burts­kärt­li à la «Jetzt sind wir in der Über­zahl» flat­tern in den Brief­kas­ten, und Mi­ni­vans mit drei Kin­der­sit­zen zie­ren das Stras­sen­bild. Ist drei das neue zwei? Zah­len des Bun­des­amts für Sta­tis­tik zei­gen: Ja. Gera­de gut aus­ge­bil­de­te und be­rufs­tä­ti­ge Mit­tel­stand­s­el­tern in Städ­ten spren­gen ver­mehrt die Zwei-kind-norm und ent­schei­den sich für ein drit­tes Kind.

So auch Ju­lia, 36, aus Zü­rich. Erst vor we­ni­gen Ta­gen ist die mit ei­nem Lo­gis­ti­ker ver­hei­ra­te­te Pri­mar­leh­re­rin mit Ba­by Num­mer drei, dem klei­nen Nils, aus dem Spi­tal heim­ge­kom­men. Dort war­te­ten Noé, 6, und Eliah, 2½. «Ich woll­te schon im­mer vie­le Kin­der ha­ben», sagt Ju­lia. Vier hät­te sie sich vor­stel­len kön­nen. «Doch als ich die drei zu­sam­men­ge­ku­schelt auf dem Bett sah, wuss­te ich: Jetzt stimmts. Wir sind kom­plett.»

Vie­le Paa­re wün­schen sich mehr als zwei Kin­der

Den Wunsch nach ei­ner gros­sen Fa­mi­lie he­gen in der Schweiz 30 Pro­zent der Frau­en und Män­ner. Tat­säch­lich bringt aber nur je­de fünf­te gut aus­ge­bil­de­te Frau mehr als zwei Kin­der zur Welt, bei den­je­ni­gen mit ob­li­ga­to­ri­schem Schul­ab­schluss ist es je­de vier­te.

Bis jetzt. Nach jah­re­lan­gem Rück­gang ist die Zahl der Dritt­kin­der seit 2007 wie­der stei­gend, wenn auch erst zag­haft. Aber es zeigt sich ei­ne Ten­denz. Ins­be­son­de­re in Zü­rich, Bern, Zug, Ba­sel, Genf und der Waadt wächst laut Sta­tis­ti­schem Amt der An­teil Dritt­ge­bo­re­ner. 2017 mach­te er schweiz­weit 12,4 Pro­zent aus, 10 Pro­zent mehr als vor zehn Jah­ren.

Und 2018 setzt sich die Wen­de fort, wie neus­te Ge­bur­ten­zah­len aus städ­ti­schen Spi­tä­lern be­le­gen. Be­son­ders deut­lich ist die aber­ma­li­ge Zu­nah­me fünf­köp­fi­ger Fa­mi­li­en im Ge­burts­haus Del­phys in Zü­rich spür­bar. «Drei Kin­der sind bei un­se­ren Ge­bä­ren­den kei­ne Sel­ten­heit mehr», sagt Heb­am­me He­len Rup­pert. Ganz nach dem Mot­to: Wenn schon – denn schon.

Was sind die Grün­de für die­se Ve­rän­de­rung des Fa­mi­li­en­ide­als? Heb­am­me Rup­pert sieht ei­nen Zu­sam­men­hang mit dem Trend zur Häus­lich­keit. «Sel­ber ko­chen, nä­hen und Zeit mit den Liebs­ten im sorg­fäl­tig ein­ge­rich­te­ten Heim ver­brin­gen hat für vie­le Fa­mi­li­en ei­nen ho­hen Stel­len­wert.» Da­zu pas­se ei­ne Gross­fa­mi­lie.

Für Hei­di Stutz, So­zi­al­öko­no­min beim For­schungs­in­sti­tut Bass in Bern, ist die Ent­wick­lung we­ni­ger ei­ne Mo­de­er­schei­nung. «Wie vie­le Kin­der ein Paar hat, ist nicht von ei­ner Strö­mung ab­hän­gig. Ent­schei­dend ist vor al­lem die Ver­ein­bar­keit», sagt Stutz. Ge­be es ge­nü­gend Krip­pen­plät­ze, Mit­tags­be­treu­ung und Ta­ges­schu­len, wür­den sich ins­be­son­de­re gut aus­ge­bil­de­te Frau­en eher für Kin­der ent­schei­den.

Eben­so ha­be es ei­nen Ein­fluss, wie sich Män­ner im Fa­mi­li­en­all­tag ein­brin­gen und an­pa­cken. Stutz ist über­zeugt: «Wür­den Fir­men Vä­ter, die Kind und Kar­rie­re ver­ein­ba­ren, nicht aufs Ab­stell­gleis stel­len, gä­be es ten­den­zi­ell mehr kin­der­rei­che Haus­hal­te.» Denn: Ist ein ers­tes Kind da, ist der Schritt zu ei­nem zwei­ten oder gar drit­ten oft gar nicht mehr so gross – gera­de bei Schwei­zer Paa­ren. «Es ist ein ver­brei­te­ter Irr­tum, dass nur Aus­län­de­rin­nen ei­ne Kin­der­schar gross­zie­hen», sagt Stutz. Zwar ge­bä­ren Schwei­ze­rin­nen im Schnitt 1,5 Kin­der und hier le­ben­de Aus­län­de­rin­nen knapp 2,1. Ver­gleicht man aber nur Frau­en, die auch Kin­der ha­ben, liegt der Schnitt bei 2 Kin­dern pro Frau – un­ab­hän­gig von der Na­tio­na­li­tät. Grund da­für: Kin­der­lo­sig­keit ist bei Schwei­ze­rin­nen häu­fig. Hin­ge­gen ha­ben prak­tisch al­le Aus­län­de­rin­nen ein Kind. Da­für aber sel­te­ner und mit grös­se­rem Ab­stand ein zwei­tes – im Schnitt erst nach sechs Jah­ren. Bei Schwei­ze­rin­nen sind es drei Jah­re.

Und ge­nau die­ses kür­ze­re In­ter­vall kann auch ent­schei­dend sein, ob ein drit­tes Kind zur Welt kommt. «Liegt zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Ge­burt ein ge­rin­ger Ab­stand und ist die Mut­ter beim ers­ten Kind nä­her bei 30 als bei 40, dann stei­gen die Chan­cen für zahl­rei­chen Nach­wuchs», sagt Dia­na Baum­gar­ten, Fa­mi­li­en­so­zio­lo­gin am Zen­trum für Gen­der Stu­dies an der Uni­ver­si­tät Ba­sel.

Und auch wenn die ers­ten bei­den Kin­der das glei­che Ge­schlecht ha­ben oder ei­ne Frau selbst meh­re­re Ge­schwis­ter hat, wird die Zwei-kind-norm eher ge­bro­chen. Fi­nan­zi­el­le Über­le­gun­gen spie­len da­ge­gen we­ni­ger mit. «Kin­der zu ha­ben, ist eher ei­ne An­ge­le­gen­heit des Her­zens als des Ver­stan­des.»

Ein drit­tes Kind bringt in der Vor­stel­lung vie­ler das müh­sam er­reich­te Gleich­ge­wicht durch­ein­an­der. Ein grös­se­res Au­to müss­te her, ei­ne grös­se­re Woh­nung und ei­ne Lohn­er­hö­hung so­wie­so. Dann ist da noch die Sa­che mit dem Sand­wich-kind. Von zwei Sei­ten kon­kur­ren­ziert, sind sie die Ers­ten, die sich von der el­ter­li­chen Zu­wen­dung aus­ge­schlos­sen füh­len.

Kä­thi Kauf­mann von der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Fa­mi­lie 3plus wie­gelt ab: «Na­tür­lich, ei­ne Mut­ter hat nur zwei Hän­de, doch mit ei­nem drit­ten Kind be­kommt die Fa­mi­lie ei­ne an­de­re Dy­na­mik.» Die Kin­der sind in der Mehr­heit, ih­re so­zia­le Er­zie­hung fin­det ver­stärkt un­ter­ein­an­der statt, und auch der Fo­kus der El­tern liegt we­ni­ger auf dem Ein­zel­nen.

800 Fran­ken kos­tet ein ers­tes Kind pro Mo­nat. Sind es zwei oder drei, sin­ken die Kos­ten pro Kopf auf 640 re­spek­ti­ve 530 Fran­ken. «Oh­ne die Mass­stä­be be­tref­fend Woh­nen und Fe­ri­en her­un­ter­zu­schrau­ben, geht es aber nicht», sagt Kauf­mann. Ju­lia aus Zü­rich ist dies be­wusst. «Doch ich bin selbst mit drei Ge­schwis­tern auf­ge­wach­sen und statt Fe­ri­en auf den Ma­le­di­ven ha­ben wir Fe­ri­en in der Schweiz ge­macht und mit dem Au­to Eu­ro­pa be­reist», sagt sie. Ge­stört hat Ju­lia dies nie. Über­wo­gen hät­ten die Vor­tei­le. «Zum Spie­len war im­mer je­mand da. Und zum Strei­ten so­wie­so.»

«Jetzt stimmts. Wir sind kom­plett»: Ju­lia, Noé, Eliah und Ivan (v. l.) mit Nils, dem jüngs­ten Spross

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