«Wenn es ums Wet­ter geht, . . .»

SonntagsZeitung - - SONNTAGSGESPRÄCH -

bei­spiels­wei­se ein Dorf von der Um­welt ab­ge­schnit­ten ist.

Ich war in mei­nem Le­ben schon sechs-, sie­ben­mal ein­ge­schlos­sen. Im Wal­li­ser Ort Ran­da, wo wir öf­ter in den Fe­ri­en wa­ren, oder wäh­rend mei­ner Zeit in Ka­na­da. Das ist wirk­lich kein gros­ses Dra­ma. Man weiss ja im­mer vor­her, dass ein Dorf wäh­rend ei­ner ge­wis­sen Zeit ab­ge­schnit­ten wird. Des­halb war auch das Lä­de­li in Ran­da nie aus­ver­kauft. Nie­mand muss­te ver­hun­gern. Das war nie ein gros­ses Pro­blem.

Wie­so ist es jetzt ei­nes?

Zum ei­nen we­gen der Wet­ter-hys­te­rie, die im We­sent­li­chen von den On­li­ne­me­di­en ge­för­dert wird, und zum an­de­ren we­gen der heu­ti­gen Schneef löck­li-ge­ne­ra­ti­on, die ganz ner­vös wird, wenn et­was Archai­sches pas­siert. Wenn man et­wa nicht ins Re­stau­rant fah­ren kann, das ein Dorf wei­ter ent­fernt liegt.

Pa­nik­ma­che gab es auch schon frü­her. In den 80er-jah­ren schrieb ein ge­wis­ser Jörg Ka­chel­mann im «Sonn­tags­blick» von Ozon als «un­sicht­ba­rem Kil­ler» und von «Mords-ge­wit­tern».

Die Ar­ti­kel wa­ren al­le völ­lig kor­rekt. Die Ti­tel ka­men vom da­ma­li­gen Chef­re­dak­tor Pe­ter Bal­si­ger. Für ihn wa­ren sie okay, so­lan­ge sie noch «im Streu­be­reich der Wahr­heit» la­gen, wie er sag­te. (lacht)

Es war frü­her al­so nicht bes­ser.

Doch, na­tür­lich! Le­sen Sie mal die Tex­te. Wir gin­gen noch raus und ha­ben re­cher­chiert. 1985 ist die De­cke im Hal­len­bad Us­ter ein­ge­stürzt. Ich war vor Ort, ha­be ei­nen weis­sen Man­tel an­ge­zo­gen, ein Stück des Da­ches mit­ge­nom­men und im Che­mie­la­bor un­ter­su­chen las­sen.

Sie ha­ben sich al­so als La­bo­rant ver­klei­det und an der Po­li­zei vor­bei­ge­schli­chen. Das passt nicht gera­de ins Bild des Me­di­en­kri­ti­kers.

Das ge­hört manch­mal zum gu­ten Jour­na­lis­mus. Man muss selbst her­aus­fin­den, was ist, und sich nicht ver­trös­ten las­sen auf ei­nen Un­ter­su­chungs­be­richt, der viel­leicht in vier Mo­na­ten her­aus­kommt. Ich ha­be mich da auch nicht nachts hin­ein­ge­schli­chen. Nein, ich ging am Tag dort­hin, mach­te «zack» und ging wie­der raus. Das ist nicht ver­bo­ten. Dann ging ich zu den Ma­te­ri­al­prü­fern von Oer­li­kon-bühr­le. Noch in der­sel­ben Wo­che wuss­te ich, wie­so das Dach ein­ge­stürzt ist. Ein Teil der ver­meint­lich rost­frei­en Bü­gel, an de­nen die leich­te Be­ton­de­cke hing, war durch­ge­ros­tet. Mo­na­te spä­ter wur­de das so of­fi­zi­ell be­stä­tigt. Der Jour­na­lis­mus heu­te ist auch trau­rig, weil vie­le gern in ih­rem Bü­rö­li sind und schrei­ben, dass es draus­sen «fros­ti­ge 10 Grad» ha­be im Sep­tem­ber.

Sie schrie­ben 2009: Die Wet­ter­vor­her­sa­gen in der Schweiz sei­en er­bärm­lich. Stimmt das noch?

Es ist bes­ser ge­wor­den, weil Me­teo Schweiz zu­sätz­li­che Wet­ter­sta­tio­nen ge­baut hat, das war mein Kri­tik­punkt. Aber es braucht noch viel mehr. In Deutsch­land bau­en wir 2000 neue. Das wol­len wir in der Schweiz auch. In je­dem Kaff soll ei­ne Wet­ter­sta­ti­on ste­hen. Wir ha­ben da­für ei­ne ge­eig­ne­te Sta­ti­on ent­wi­ckelt, die viel güns­ti­ger ist. Sie kos­tet noch un­ge­fähr 500 Fran­ken. Es ist wich­tig, vor Ort zu mes­sen. Ich will in der Schweiz 1000 ei­ge­ne Wet­ter­sta­tio­nen auf­stel­len.

Wo­her ha­ben Sie Ih­re Da­ten jetzt?

Von den be­ste­hen­den Sta­tio­nen von Me­teo Schweiz und ei­nem gu­ten Dut­zend ei­ge­nen. Da feh­len al­so noch ein paar zum Glück.

Was hal­ten Sie von der Wet­ter­be­richt­er­stat­tung von SRF?

Ich wür­de dem Schwei­zer Fern­se­hen gern zei­gen, wie man ei­ne Me­teo-welt ge­stal­ten könn­te, die ins Jahr 2019 passt. Die Wet­ter­re­dak­ti­on von SRF ist ein teu­rer Rie­sen­ap­pa­rat mit ei­nem mi­ni­men Out­put. Nach der letz­ten Sen­dung ge­hen al­le nach Hau­se. Das ist so un­end­lich faul.

Was müss­te kon­kret bes­ser wer­den?

Wenn es um drei Uhr mor­gens die Mut­ter al­ler Un­wet­ter im Has­li­tal gibt, müss­ten sie so­fort re­agie­ren. Ein Be­woh­ner des Has­litals müss­te den Fern­se­her ein­stel­len und ei­nen Srf-mit­ar­bei­ter se­hen, der ihm er­klärt, wo das Ge­wit­ter ist, wo­hin er nicht ge­hen soll. Oder der Zy­nis­mus, dass Mo­de­ra­to­ren sa­gen: «In den Al­pen gibt es ei­ni­ge Ge­wit­ter» – be­deu­tet: Mönd halt säl­ber lue­ge. Das ist viel zu un­ge­nau. Un­wet­ter müss­ten si­tua­tiv be­glei­tet wer­den. Wenn wie­der ein Sturm so schlimm wie Lothar kä­me, hät­ten die ja die Mög­lich­keit, das online lau­fend zu be­glei­ten. Ich wür­de ih­nen sa­gen: «Schaf­fed emal!» Für den Lohn, den sie er­hal­ten, müss­ten sie viel mehr ar­bei­ten, auch mor­gens um drei Uhr, zu­mal es ein nicht selbst er­wirt­schaf­te­ter Lohn ist. So viel Kon­zes­si­ons­gel­der, so vie­le Leu­te, so we­nig Wet­ter.

Sie ha­ben kürz­lich Ihr Tv-come­back bei der Mdr-sen­dung «Ri­ver­boat» ge­ge­ben. Was be­deu­tet Ih­nen die Rück­kehr ins Fern­se­hen?

Ich ha­be mich ge­freut, als ich das An­ge­bot be­kam. Schau­en Sie, ich wur­de fälsch­li­cher­wei­se ei­nes Ver­bre­chens be­schul­digt. All die Ali­ce Schwar­zers der Welt ha­ben das als letz­ten Tri­umph vor sich hin ge­tra­gen, dass ich nicht mehr ins Fern­se­hen darf. Das ist jetzt weg. Ali­ce Schwar­zer hat üb­ri­gens nichts mehr über mein Md­ren­ga­ge­ment ge­sagt. Da war ich ein we­nig ent­täuscht.

Wür­den Sie ein all­fäl­li­ges An­ge­bot von ARD oder SRF, das Wet­ter in der Prime­time zu mo­de­rie­ren, an­neh­men?

Ich bin ein äl­te­rer Herr und ha­be be­reits viel zu tun. Ich weiss auch nicht, wes­halb Sie sich so auf mei­ne frü­he­re Tä­tig­keit als Wet­ter­mo­de­ra­tor fi­xie­ren. Ich ha­be frü­her nur fünf­mal im Mo­nat das Wet­ter mo­de­riert. Ich ha­be ei­ne Fir­ma, mit der wir gros­se Eu-pro­jek­te mit­be­treu­en. Wir ma­chen die­ses Jahr neu das Wet­ter für den ADAC, den deut­schen TCS, es gibt Ka­chel­mann­wet­ter.com. Fern­se­hen war frü­her nur ein klei­ner Teil mei­nes Be­rufs. Und das ist es heu­te auch.

Wur­den Sie von den deut­schen oder den Schwei­zer Me­di­en bes­ser be­han­delt?

Ich wer­de weit­ge­hend igno­riert, aber ich darf im «Ta­ges-an­zei­ger» schrei­ben – und das ist eh bes­ser als al­les an­de­re. Grund­sätz­lich ha­ben sich die Ver­hält­nis­se in Deutsch­land und in der Schweiz ge­fühls­mäs­sig um­ge­kehrt.

Das müs­sen Sie er­klä­ren.

Die Schwei­zer wa­ren vor dem Frei­spruch 2011 zu­rück­hal­ten­der. Aber all die wich­ti­gen Ur­tei­le in den letz­ten Jah­ren ha­ben sie wei­test­ge­hend nicht mit­be­kom­men, weil kaum be­rich­tet wur­de. 2016 ver­ur­teil­te ein Ge­richt die Frau, die mich be­schul­dig­te, auf Scha­den­er­satz, weil sie mich laut Ge­richt wahr­heits­wid­rig und mit kri­mi­nel­ler Ener­gie der Ver­ge­wal­ti­gung be­zich­tigt hat. Ge­gen die Staats­an­walt­schaft Mann­heim setz­te ich ei­ne Un­ter­las­sungs­er­klä­rung durch. Sie darf nicht mehr wahr­heits­wid­rig be­haup­ten, an ei­nem Mes­ser hät­ten sich Dna­spu­ren von mir be­fun­den. In Deutsch­land hat sich das al­les eher rum­ge­spro­chen, dass die Tä­te­rin ver­ur­teilt wur­de. In der Schweiz we­nig bis nicht.

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te hat Ih­nen ver­gan­ge­ne Wo­che ei­nen Er­folg be­schert. Der Ver­lag Axel Sprin­ger darf ein Bild nicht ab­dru­cken, das Sie 2011 mit nack­tem Ober­kör­per im Ge­fäng­nis zeigt. Wie­so füh­ren Sie die­sen Kampf?

Das ist falsch. Ich füh­re kei­nen Kampf ge­gen Sprin­ger. Sprin­ger führt ei­nen Kampf ge­gen mich. 2011 ha­be ich ge­richt­lich durch­ge­setzt, dass die­ses Bild nicht ab­ge­druckt wird. Seit­her hat Sprin­ger die­ses Ver­bot durch al­le In­stan­zen an­ge­foch­ten – und jetzt letzt­in­stanz­lich ver­lo­ren.

Ha­ben Sie sonst noch of­fe­ne Pro­zes­se?

Nur noch ei­nen. Sprin­ger hat auch ei­ne Ver­fas­sungs­kla­ge ein­ge­reicht ge­gen das Schmer­zens­geld, das sie mir zah­len muss­ten. Des­halb ha­ben sie den Streit um das Ge­fäng­nis­bild bis vor den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ge­zo­gen. Hät­ten sie ge­won­nen, wä­re das laut de­ren Hoff­nung ein Prä­ju­diz für das Schmer­zens­geld­ver­fah­ren ge­we­sen.

Ha­ben die Me­di­en aus Ih­rem Fall ge­lernt?

Gä­be es wie­der ei­nen Fall wie mei­nen, wä­re es ge­nau gleich. Die Ver­la­ge Axel Sprin­ger und Bur­da muss­ten ja fast nichts be­zah­len we­gen ih­rer fal­schen Ge­schich­ten.

Im­mer­hin meh­re­re Mil­lio­nen Eu­ro, wie man nach­le­sen konn­te.

Lei­der nicht, es war sechs­stel­lig, vor Ab­zug vie­ler An­walts­kos­ten. In den USA hät­te das an­ders aus­ge­se­hen.

Wird ge­tu­schelt, wenn Sie durch die Stras­sen lau­fen?

Nein, in den letz­ten acht Jah­ren gab es kei­ne un­an­ge­neh­me Be­geg­nung auf der Stras­se. Da tu­schelt nie­mand rum, wenn er mich er­kennt. Was ge­blie­ben ist, sind die Vor­sichts­mass­nah­men, die ich tref­fe: Vor zwei Ta­gen bin in den Lift ge­gan­gen, da kam ei­ne Frau her­ein. Ich ver­liess den Lift so­fort. Sie sag­te: Da ge­be es schon noch Platz. Als ein zwei­ter Mann kam, ging ich wie­der in den Lift rein. Es war ei­ne ko­mi­sche Si­tua­ti­on. Aber die Frau ging gut da­mit um und kann­te auch mei­ne Ge­schich­te.

Aber glau­ben Sie, dass Ihr Ruf wie­der­her­ge­stellt ist?

Nein, weil die Me­di­en ih­ren Job nicht ge­macht ha­ben. Schau­en Sie mal nach, wie vie­le Be­rich­te in der

Ro­ger Scha­win­ski ha­ben Sie we­gen ei­ni­ger Text­pas­sa­gen in sei­nem Buch ver­klagt. Sie kön­nen doch nicht sa­gen, er sei Ih­nen nicht wich­tig.

Klar, er hat auch Pas­sa­gen aus sei­nem Buch ent­fer­nen müs­sen. Weil es frei er­fun­de­ner «Hafech­äs» war. Auch sonst kann ich ihn nicht ernst neh­men: Zu­erst er­zählt er über­all rum, dass die SRG des Teu­fels sei. Jetzt mo­de­riert er dort. Dass er über Nar­ziss­mus an­de­rer schreibt, ist ei­ne der lus­ti­ge­ren Epi­so­den mei­nes Le­bens.

Sie ma­chen ja das­sel­be wie Scha­win­ski. Sie sag­ten mal «Fuck ARD». Jetzt mo­de­rie­ren Sie wie­der im deut­schen öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen.

«Die Ge­ne­ra­ti­on Schnee­flöck­li wird ganz ner­vös, wenn et­was Archai­sches pas­siert»

Al­so ers­tens mal sind MDR und ARD nicht das­sel­be. Und auch sonst stimmt Ihr Ver­gleich nicht. Mei­ne Kri­tik war, dass die ARD mich zwar als Gast in ei­ne Talk­show ein­ge­la­den hat­te, mich aber als Mo­de­ra­tor nicht mehr woll­te. Das fand ich selt­sam. Jetzt las­sen sie mich wie­der mo­de­rie­ren. War­um soll­te ich jetzt noch tröt­zeln?

Schau­en wir in die Zu­kunft, Sie sind jetzt 60 Jah­re alt.

Dan­ke für den Hin­weis (lacht).

Wel­che Zie­le ha­ben Sie noch im Le­ben?

Zu­erst mal ha­be ich ei­nen fünf­jäh­ri­gen Sohn. Ich hof­fe, dass ich sein Le­ben und mei­ne Fa­mi­lie noch mög­lichst lan­ge be­glei­ten kann. Dann ha­be ich be­ruf­li­che Zie­le: Ich will die 1000 neu­en Wet­ter­sta­tio­nen in der Schweiz auf­stel­len. Ich will, dass die «Ri­ver­boat»-quo­te mei­net­we­gen nicht schlech­ter wird, da war der ver­gan­ge­ne Frei­tag schon mal gut mit über 19 Pro­zent Markt­an­teil. Und ich will ir­gend­wann ein Interview ha­ben dür­fen, in dem ich nicht über 2010 und 2011 spre­chen muss. Das ist auch ein Ziel von Falsch­be­schul­di­gern: dass im­mer et­was haf­ten bleibt. Dass es nie auf­hört.

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