Sind die Ar­men faul?

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Mi­lo Rau ist Thea­ter­in­ten­dant in Gent und Autor

Sebastian Kurz, der ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler, hat sich ver­gan­ge­ne Wo­che wie­der ein­mal über die Ar­men lus­tig ge­macht. Ge­mäss Kurz sind die Ar­men arm, weil sie faul sind. Wäh­rend al­le an­de­ren «in der Früh auf­ste­hen», um zur Ar­beit zu ge­hen, blei­ben sie eben lie­gen. Abends fei­ern sie auf Staats­kos­ten, so wie die Gril­le im Mär­chen.

Vor­ur­tei­le sind so lan­ge wahr, wie sie nicht durch Er­fah­rung ent­kräf­tet wer­den. In der Welt von Sebastian Kurz gibt es kei­ne pre­kä­ren Hilfs­jobs, kei­ne Men­schen, die zwölf oder mehr St­un­den für ei­nen Witz­lohn ar­bei­ten. Die struk­tu­rel­len Ur­sa­chen der Ar­mut über­se­hen sie kon­se­quent: die Fol­gen ei­ner Wirt­schafts­po­li­tik, die für im­mer mehr Men­schen im­mer we­ni­ger – und vor al­lem im­mer schlech­ter be­zahl­te – Ar­beit ge­ne­riert.

Wie al­so sieht Ar­mut, ex­tre­me Ar­mut wirk­lich aus? Ver­gan­ge­ne Wo­che war ich für mei­ne Neu­ver­fil­mung des Evan­ge­li­ums in Sü­dita­li­en un­ter­wegs. Der Rei­sen­de, der sich dem Stie­fel­ab­satz nä­hert, lan­det mit­ten in dem, was Karl Marx einst die «ur­sprüng­li­che Ak­ku­mu­la­ti­on» ge­nannt hat. Ein auf ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen ge­schätz­tes Heer von afri­ka­ni­schen Skla­ven­ar­bei­tern ve­ge­tiert in den über die Land­schaft ver­teil­ten La­gern und Ghet­tos da­hin, nur um auf To­ma­ten- oder Oran­gen­plan­ta­gen für ei­ne Hand­voll Eu­ro pro Tag aus­ge­beu­tet zu wer­den.

Skla­ven sind die­se Men­schen, weil sie kei­ne Pa­pie­re ha­ben, weil sie in Schul­den ste­cken, weil sie we­der vor noch zu­rück kön­nen. Ei­ne Art um­ge­dreh­te Glo­ba­li­sie­rung hat Sü­dita­li­en zum La­bo­ra­to­ri­um des ul­tra­li­be­ra­len Ka­pi­ta­lis­mus ge­macht. Wäh­rend im aus­ge­hen­den 20. Jahr­hun­dert die Pro­duk­ti­ons­be­trie­be zur bil­li­gen Ar­beit ge­bracht wur­den, wird im be­gin­nen­den 21. Jahr­hun­dert die Ar­beits­kraft nach Eu­ro­pa ge­schleust. Die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung sorgt da­für, dass die Flücht­lin­ge um­ge­hend il­le­ga­li­siert und da­mit für den Markt frei ver­füg­bar wer­den.

«Ita­li­ens Mi­gra­ti­ons­po­li­tik bringt sei­ne Flücht­lin­ge um­ge­hend auf den Markt»

An re­gu­lä­re Ver­trä­ge ist nicht zu den­ken. Wer über­le­ben muss, ak­zep­tiert al­le Be­din­gun­gen. «Ich has­se Ita­li­en», sag­te mir ein jun­ger Guineer vor ein paar Ta­gen im Bor­go Mez­za­no­ne, dem viel­leicht be­rühm­tes­ten wil­den Flücht­lings­la­ger Ita­li­ens. Die Men­schen le­ben im Schlamm, in der Käl­te, un­ter­drückt von den «Ca­po­ra­li» ge­nann­ten Zwi­schen­händ­lern. Das Sys­tem ist aus­weg­los: Be­zah­len die Klein­bau­ern die Ern­tear­bei­ter nicht mi­se­ra­bel, kön­nen sie nicht zu den Prei­sen pro­du­zie­ren, die Lidl oder Pen­ny ih­nen pro Ki­lo zahlt – und ge­hen selbst in Kon­kurs. Vier, fünf Jah­re ma­chen das die Men­schen mit, dann ge­hen sie zu­grun­de.

So viel al­so zum The­ma Faul­heit: Die wirk­lich Ver­las­se­nen die­ser Welt sind nicht faul, nach zwölf St­un­den be­ginnt ihr Ar­beits­tag erst. Auch nur ei­ne Wo­che im Bor­go Mez­za­no­ne zu über­le­ben, auf den Plan­ta­gen: Das ist här­ter als al­les, was sich ein Sebastian Kurz über­haupt vor­stel­len kann. Was die­se Men­schen brau­chen, sind kei­ne Be­lei­di­gun­gen. Es ist So­li­da­ri­tät und, nun ja: ei­ne Re­vo­lu­ti­on.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.