Hier schlägt Am­bris fra­gi­les Herz

Lu­ca Ce­re­da woll­te gar nicht Trai­ner wer­den. Doch sei­ne Ge­sund­heit zwang ihn zum Um­den­ken. Nun ver­kör­pert er mit 37 die Hoff­nun­gen ei­ner aus­ge­laug­ten Rand­re­gi­on – weit übers Eis­ho­ckey hin­aus

SonntagsZeitung - - SPORT - Phil­ipp Muschg (Text), Clau­dio Ba­der (Fotos)

Das gröss­te Trai­ner­ta­lent im Schwei­zer Eis­ho­ckey: Lu­ca Ce­re­da muss­te als Spie­ler auf ei­ne Nhl-kar­rie­re ver­zich­ten, nun schei­nen ihm an der Ban­de vie­le We­ge of­fen

Ei­si­ger Re­gen fällt auf den Schnee der letz­ten Ta­ge. Hin­ter kaum ei­ner Schei­be brennt Licht an der Via San Got­tar­do, vie­le Fens­ter­lä­den sind zu. Bloss ein paar Stras­sen­ar­bei­ter in oran­ger Schutz­klei­dung zeu­gen von Le­ben. Und al­le paar Se­kun­den ei­ne Tril­ler­pfei­fe. Sie schrillt von der al­ten Eis­hal­le hin­ab zur Haupt­stras­se und ge­hört Lu­ca Ce­re­da. Ei­nem Mann, der gar nicht Trai­ner wer­den woll­te. Und viel wich­ti­ger: der die Hoff­nung zu­rück­brach­te nach Am­bri.

Der Grund da­für zeigt sich be­reits beim Trai­ning. Mit sei­ner Pu­del­müt­ze und Bril­le mag Ce­re­da aus­se­hen wie ein ver­irr­ter Stu­dent. Aber es gibt nie Zwei­fel, wer das Sa­gen hat im Rink. Sei­ne Stim­me setzt der 37-Jäh­ri­ge so en­er­gisch ein wie sei­ne Tril­ler­pfei­fe. Im­mer wie­der klopft er mit dem Stock aufs Eis, be­ob­ach­tet, kor­ri­giert. Das Tem­po ist hoch, die Ab­fol­ge der Übun­gen schnell. «Schon als Spie­ler ha­be ich auf dem Eis die Welt aus­ge­blen­det und mei­ne Emo­tio­nen ge­lebt», er­klärt Ce­re­da. Heu­te als Trai­ner spürt er je­de Ein­heit, je­den Match am nächs­ten Tag in Rü­cken und Na­cken.

Es gibt Schlim­me­res. Ein­mal hör­te sein Herz für acht Se­kun­den auf zu schla­gen.

Hät­te es das nicht ge­tan, gäl­te Ce­re­da heu­te wo­mög­lich als ei­ner der bes­ten Schwei­zer Spie­ler der Ge­schich­te. Statt­des­sen ist er die gröss­te Trai­ner­hoff­nung des Lan­des, wird in sei­ner zwei­ten Na­tio­nal-le­ague-sai­son schon mit Ar­no Del Cur­to ver­g­li­chen. Denn Am­bri be­strei­tet sei­ne Mat­ches so, wie es trai­niert. Nimmt mit kla­rem, schnel­lem Spiel Kurs aufs Play­off. Es ist ei­ne un­ge­wohn­te Rol­le für ei­nen Club, der sei­ne Iden­ti­tät seit Jah­ren aus dem Kampf ge­gen den Ab­stieg – ge­fühlt: den Un­ter­gang – be­zieht. Nur ei­ne ein­zi­ge Play­off­qua­li­fi­ka­ti­on ge­lang seit 2006.

Der Mann, der in der Gar­de­ro­be der Va­lascia sitzt, hat we­nig von je­nem, der ei­ne hal­be St­un­de zu­vor sein Team in­stru­ier­te. Ce­re­das Stim­me ist sanft, sei­ne Ant­wor­ten sind be­dacht, sein Blick wan­dert im Raum her­um, wenn er nach ei­nem Wort sucht. Wel­ches Eis­ho­ckey schwebt ihm vor? «Wir wol­len dem Geg­ner die Räu­me neh­men und mög­lichst schnell vor­wärts­spie­len», sagt Ce­re­da.

Plötz­lich geht es nicht mehr um La­wi­nen­ge­fahr und Geld­not

Die­se Ant­wort ist leicht, er hat sie schon x-fach ge­ge­ben, auch an die­sem Tag be­reits. Denn das Schwei­zer Fern­se­hen ist da und macht ei­nen Bericht über ein­hei­mi­sche Trai­ner. Der «Blick» ist eben­falls vor Ort. Nicht wie sonst im Ja­nu­ar do­mi­niert die Fra­ge, ob dies nun das Jahr ist, in dem der Anachro­nis­mus Am­bri aus der höchs­ten Li­ga ver­schwin­det. Oder wie lan­ge das ver­al­te­te, la­wi­nen­be­droh­te Sta­di­on trotz Son­der­be­wil­li­gun­gen über­haupt noch be­trie­ben wer­den kann. 2019 dreht es sich dar­um, dass end­lich wie­der et­was funk­tio­niert im struk­tur­schwa­chen Berg­tal, das von der Au­to­bahn pas­siert und von der Ei­sen­bahn­li­nie un­ter­tun­nelt wird.

Ce­re­da ist ein Glücks­fall. Sport­chef Pao­lo Du­ca schätzt sei­nen wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter für des­sen Trai­nings­ge­stal­tung, für ge­wis­sen­haf­te Vor­be­rei­tung und struk­tu­rier­te Ar­beits­wei­se. Er lobt das Ge­spür, das Ce­re­da für Men­schen ha­be. Und auch er sieht ei­nen

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