Er­folg­rei­cher An­griff auf ver­meint­lich si­che­re Kryp­towäh­rung

SonntagsZeitung - - WIRTSCHAFT - Ar­min Mül­ler

Di­gi­ta­le Wäh­run­gen wie Bit­co­in sei­en si­cher und könn­ten we­der ge­fälscht noch von Zen­tral­ban­ken, Re­gie­run­gen und Ban­ken ma­ni­pu­liert wer­den, ver­spre­chen ih­re Be­für­wor­ter. Doch die Si­cher­heit ist trü­ge­risch, wie die jüngs­te Atta­cke ge­gen Et­he­re­um Clas­sic be­weist

Der An­griff be­gann am Sams­tag, 5. Ja­nu­ar, um 19.58 Uhr. Das Ziel der An­grei­fer war Et­he­re­um Clas­sic (ETC), ei­ne der 20 gröss­ten Kryp­towäh­run­gen. Bis Di­ens­tag konn­ten sie bei Kryp­to­bör­sen Gel­der im Wert von min­des­tens 1,1 Mil­lio­nen Dol­lar ab­räu­men. An­ders als nor­ma­le Bank­räu­ber sind die An­grei­fer aber nicht auf der Flucht, kein Po­li­zist ver­folgt sie, die Bestoh­le­nen zie­hen nicht vor Ge­richt. Denn sol­che An­grif­fe sind kein Feh­ler im Sys­tem, son­dern ein We­sens­merk­mal der Block­chain­tech­no­lo­gie.

Die Block­chain ist ei­ne Art Kas­sen­buch, das al­le Trans­ak­tio­nen im Netz­werk auf­zeich­net und für al­le Teil­neh­mer ein­seh­bar ist. Ge­führt wird es von vie­len Buch­hal­tern par­al­lel, den so­ge­nann­ten Mi­nern, die mit ih­rer Com­pu­terRe­chen­leis­tung die Rich­tig­keit von Trans­ak­tio­nen be­wei­sen und da­mit die Gül­tig­keit der Buch­hal­tung si­cher­stel­len.

Das macht die Block­chain prak­tisch fäl­schungs­si­cher, sie kann nicht von Re­gie­run­gen, Zen­tral­ban­ken oder Ge­schäfts­ban­ken ma­ni­pu­liert wer­den. Die­ses Haupt­ar­gu­ment für die neue Tech­no­lo­gie hat je­doch ei­nen Ha­ken. Wenn es Mi­nern ge­lingt, mehr als die Hälf­te der Re­chen­leis­tung im Netz­werk auf sich zu kon­zen­trie­ren, kön­nen sie ei­ne ma­ni­pu­lier­ te Block­chain­ver­si­on durch­set­zen. Das ist die so­ge­nann­te 51­Pro­zent­atta­cke».

Da die Etc­an­grei­fer mehr als die Hälf­te der Re­chen­leis­tung im Netz­werk kon­trol­lier­ten, konn­ten sie das Kas­sen­buch neu schrei­ben, frü­he­re Trans­ak­tio­nen un­gül­tig ma­chen und be­reits aus­ge­ge­be­ne Etc­mün­zen ein zwei­tes Mal ver­kau­fen.

Im letz­ten Jahr gab es meh­re­re sol­che Atta­cken. Aber zum ers­ten Mal trifft es ei­ne der gröss­ten Kryp­towäh­run­gen. Bei die­sen wür­de sich ein An­griff nicht loh­nen, er­klär­ten Ex­per­ten bis vor kur­zem, weil die Kos­ten zur Ero­be­rung der 51 Pro­zent viel zu hoch wä­ren. Doch nach­dem die Prei­se für Bit­co­in und an­de­re di­gi­ta­le Wäh­run­gen stark ge­sun­ken sind, lohnt sich das Mi­nen für vie­le nicht mehr und es gibt ein gros­ses Über­an­ge­bot an Re­chen­leis­tung. Die Kos­ten für die Über­nah­me von 51 Pro­zent bei ETC be­tru­gen of­fen­bar we­ni­ger als 5000 Dol­lar pro St­un­de.

Er­nüch­te­rung in der Wirt­schaft über Block­chain-tech­no­lo­gie

Für Kryp­towäh­run­gen, die mit den glei­chen Al­go­rith­men ar­bei­ten wie ETC, sind 51­Pro­zent­atta­cken ei­ne wach­sen­de Be­dro­hung. Ein An­griff auf Bit­co­in ist der­zeit aber nicht zu be­fürch­ten, die Kos­ten wä­ren viel zu hoch. Nicht aus­zu­ schlies­sen sind da­ge­gen An­grif­fe zum Bei­spiel von staat­li­chen Be­hör­den mit gros­ser It­in­fra­struk­tur, die nicht auf Ge­win­ne, son­dern auf Sa­bo­ta­ge aus sind.

Die Krypto­sze­ne hat­te kei­nen gu­ten Start ins neue Jahr. Ein Bericht des Block­chain Trans­pa­ren­cy In­sti­tu­te zeig­te, dass ein gros­ser Teil der von den Bör­sen ge­mel­de­ten Han­dels­vo­lu­men von Kryp­towäh­run­gen stark auf­ge­bläht wur­den, um bei den Kun­den den Ein­druck ei­nes f lo­rie­ren­den und li­qui­den Mark­tes zu er­we­cken.

Er­nüch­te­rung über die Block­chain­tech­no­lo­gie macht sich auch in der Wirt­schaft breit. Sie soll­te die Ge­schäfts­mo­del­le von Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und an­de­ren Bran­chen re­vo­lu­tio­nie­ren und gros­se Kos­ten­ein­spa­run­gen brin­gen. Die Be­ra­tungs­fir­ma Mck­in­sey emp­fahl ih­ren Kun­den seit Jah­ren In­ves­ti­tio­nen in die Block­chain.

Im neu­es­ten Bericht der Be­ra­ter klingt es ganz an­ders: «Tat­sa­che ist, dass Mil­li­ar­den von Dol­lar ver­senkt wor­den sind, aber kaum ein An­wen­dungs­bei­spiel macht tech­no­lo­gisch, kom­mer­zi­ell und stra­te­gisch Sinn oder kann in gros­sem Mass­stab ge­lie­fert wer­den.» Da­zu kom­men Si­cher­heits­be­den­ken: 51­Pro­zent­atta­cken sind auch in in­dus­tri­el­len Block­chainAn­wen­dun­gen mög­lich.

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