Es stockt mit dem Geld für al­le

In der Schweiz ist ein Ex­pe­ri­ment zum be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men ge­schei­tert. In an­de­ren Staa­ten wer­den Pro­jek­te da­zu gera­de erst an­ge­scho­ben

SonntagsZeitung - - WIRTSCHAFT - Lea Ham­pel

Das Bi­en gibt es seit 32 Jah­ren, aber wohl sel­ten hat­ten die Ma­cher der Or­ga­ni­sa­ti­on so viel zu tun wie 2018. Bi­en steht für Ba­sic In­co­me Earth Net­work. Das Netz­werk ver­eint die welt­wei­ten Grund­ein­kom­mens­in­itia­ti­ven und ver­an­stal­tet je­des Jahr ei­ne Kon­fe­renz.

Dass 2018 be­son­ders viel de­bat­tiert wur­de, hat mit den oft als Be­dro­hung emp­fun­de­nen Ent­wick­lun­gen zu tun, mit de­nen vie­le In­dus­trie­län­der zu kämp­fen ha­ben: der Di­gi­ta­li­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung, der Pre­ka­ri­sie­rung, zu­neh­men­den Spal­tung der Ge­sell­schaft und dem wach­sen­den Miss­trau­en ge­gen­über dem Staat.

Für vie­le die­ser Pro­ble­me wird das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men gern als Lö­sung prä­sen­tiert. So viel­fäl­tig wie die Schwie­rig­kei­ten sind aber auch die Initia­ti­ven und Ver­su­che, sie zu lö­sen. Ein Über­blick:

Schweiz

Vor­erst ist die Idee, im 1300-See­len-dorf Rhein­au na­he Zü­rich das Ex­pe­ri­ment ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens für je­den über 25 zu star­ten und das mit ei­nem Do­ku­men­tar­film zu ver­bin­den, ge­schei­tert – zu­min­dest in der Fi­nan­zie­rung. Ei­ne Crowd­fun­ding-kam­pa­gne hat le­dig­lich 150 000 statt der be­nö­tig­ten 6,1 Mil­lio­nen Fran­ken ein­ge­bracht.

Das Team um die Initi­an­tin des Pro­jekts, Re­bec­ca Pa­ni­an, will den­noch wei­ter­ma­chen. In ei­ni­gen Ta­gen tref­fen sich der Ge­mein­de­rat von Rhein­au und die Fil­me­ma­che­rin, um zu be­spre­chen, wie das Ex­pe­ri­ment doch noch ge­ret­tet wer­den kann.

Ge­samt­schwei­ze­risch wird sich vor al­lem Da­ni­el Hä­ni wei­ter en­ga­gie­ren. Hä­ni hat 2016 ei­ne lan­des­wei­te Volks­be­fra­gung in­iti­iert, bei der sich 23,1 Pro­zent der Schwei­zer für die Ein­füh­rung ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens aus­ge­spro­chen ha­ben. Hä­ni hofft auf ei­ne wei­te­re Ab­stim­mung. Mit ei­ner sol­chen rech­net laut Um­fra­gen auch ei­ne Mehr­heit der Schwei­zer. «Der grün-rot re­gier­te Kan­ton Ba­sel-stadt könn­te ei­ne Pio­nier­rol­le ein­neh­men», sagt der Un­ter­neh­mer. In Ba­sel hat­te 2016 mehr als je­der Drit­te für ein Grund­ein­kom­men ge­stimmt.

Finn­land

Das gibt es sel­ten: Die gan­ze Welt schaut auf Finn­land. Als dort ein so­zi­al­po­li­ti­sches Ex­pe­ri­ment be­gann, spra­chen vie­le schnell vom Grund­ein­kom­men. Tat­säch­lich war es ein zü­gig ge­plan­ter Ver­such, die Bü­ro­kra­tie rund um das Pro­blem Ar­beits­lo­sig­keit zu ver­rin­gern und zu schau­en, wie man Men­schen mit we­nig Kos­ten in ei­nen Job brin­gen kann. Über so­zia­le Re­for­men wird in Finn­land schon län­ger nach­ge­dacht.

Für das Ex­pe­ri­ment hat­ten 2000 zu­fäl­lig aus­ge­wähl­te Ar­beits­lo­se je 560 Eu­ro im Mo­nat er­hal­ten, oh­ne dass wie sonst Zu­ver­diens­te in gros­sem Mas­se an­ge­rech­net wur­den. Der Ver­such, ent­schied die kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung, wird nicht fort­ge­setzt. Wel­che Er­kennt­nis­se er ge­bracht hat, wird sich erst in ei­ni­gen Jah­ren her­aus­stel­len, wenn In­ter­views mit den Be­zü­gern aus­ge­wer­tet sind. Ei­ne ers­te Zwi­schen­bi­lanz wird es im Fe­bru­ar ge­ben. Wie es mit den So­zi­al­re­for­men wei­ter­geht, dürf­te sich erst nach der Par­la­ments­wahl im April ent­schei­den.

Deutsch­land

51 Pro­zent der Deut­schen wol­len ein Grund­ein­kom­men, so das Er­geb­nis ei­ner Be­fra­gung des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts In­sa. Un­ter Men­schen zwi­schen 55 und 64 Jah­ren ist die Zu­stim­mung noch hö­her, und so­gar 71 Pro­zent der Wäh­ler von Die Lin­ke be­für­wor­ten ein Grund­ein­kom­men. In Schles­wig-hol­stein stand ein Mo­dell­ver­such zur De­bat­te, dem An­fang 2018 aber ei­ne Ab­sa­ge er­teilt wur­de. In Berlin hat­te der re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler im Vor­jahr mit Ide­en für ein so­li­da­ri­sches Bür­ger­geld für Auf­merk­sam­keit ge­sorgt.

Ver­ant­wort­lich da­für, dass die Re­pu­blik über ein be­din­gungs­lo­ses Ein­kom­men für je­den dis­ku­tiert, ist vor al­lem ei­ner: Micha­el Boh­mey­er, der 2014 die Initia­ti­ve «Mein Grund­ein­kom­men» ge­grün­det hat. Per Crowd­fun­ding wur­den mitt­ler­wei­le 258 Grund­ein­kom­men fi­nan­ziert und ver­lost. Die Initia­ti­ve will her­aus­fin­den, wel­che Aus­wir­kun­gen Be­din­gungs­lo­sig­keit für Geld­emp­fän­ger hat. Mehr wird nicht ver­ra­ten.

Bis da­hin lohnt es sich, auf das «Hartz Plus»-pro­jekt des Ber­li­ner Ver­eins Sank­ti­ons­frei zu schau­en. 250 Per­so­nen er­hal­ten die Ga­ran­tie, Er­satz für mög­li­che Sank­tio­nen ih­rer Hartz-iv-leis­tun­gen zu be­kom­men. Ihr Emp­fin­den und ih­re per­sön­li­che Si­tua­ti­on wer­den ver­g­li­chen mit der von 250 Men­schen, die re­gu­lär Hartz IV be­zie­hen und von Sank­tio­nen be­trof­fen sein kön­nen. Das Gan­ze wird wis­sen­schaft­lich be­glei­tet.

Nie­der­lan­de

We­sent­lich we­ni­ger Be­ach­tung als Finn­land be­kom­men die Nie­der­lan­de, ob­wohl auch hier seit Ju­ni 2018 ein Ex­pe­ri­ment läuft, das bis Ok­to­ber 2019 an­dau­ern soll. Ut­recht hat ein Pro­gramm mit dem Ti­tel «Wissen, was wirkt» ge­star­tet.

900 Pro­ban­den wer­den in vier Grup­pen ein­ge­teilt. Sie wer­den ent­we­der von ih­rer Pflicht, sich zu be­wer­ben, ent­bun­den oder er­hal­ten Un­ter­stüt­zung da­bei. Ei­ne drit­te Grup­pe darf mehr zu ih­ren So­zi­al­leis­tun­gen hin­zu­ver­die­nen, und ei­ne vier­te Grup­pe hat die glei­chen Be­din­gun­gen wie bis­her. For­scher der Uni­ver­si­tät Ut­recht be­fra­gen die Teil­neh­mer re­gel­mäs­sig zu ih­rer Ar­beits­si­tua­ti­on, aber auch da­zu, wie ge­sund und zu­frie­den sie sind.

Ka­na­da

Drei Jah­re soll­te ein Ex­pe­ri­ment an­dau­ern, das 2017 in On­ta­rio be­gon­nen hat­te. Doch kaum war der kon­ser­va­ti­ve Pre­mier der Pro­vinz im Amt, be­en­de­te er im Au­gust 2018 das Pro­jekt. Es si­cher­te mehr als 4000 Men­schen zwi­schen 18 und 64 Jah­ren mit ei­nem Jah­res­ein­kom­men von we­ni­ger als 34000 ka­na­di­schen Dol­lar ein Grund­ein­kom­men zu und un­ter­such­te ne­ben­her, wie sich das auf ih­re Ge­sund­heit, ih­ren Stress­le­vel, aber auch auf ih­re Ar­beits­si­tua­ti­on aus­wirkt.

Als Ur­sa­che für den Stopp wur­den die ho­hen Kos­ten ge­nannt. Die zu­stän­di­ge So­zi­al­mi­nis­te­rin gab an, dass dies «nicht der rich­ti­ge Weg» sei. Die Em­pö­rung war gross, zu­mal in den 1970er-jah­ren ein ähn­li­ches Pro­jekt aus Geld­grün­den be­en­det wor­den war.

Ab­ge­schlos­sen wird das Pro­jekt im März 2019 sein. Dass die De­bat­te ums Grund­ein­kom­men wei­ter­geht, ist den­noch wahr­schein­lich. Mit­te De­zem­ber 2018 äus­ser­ten der ka­na­di­sche Pre­mier­mi­nis­ter Jus­tin Tru­deau und sein So­zi­al­mi­nis­ter in ge­trenn­ten In­ter­views, dass sie ein Grund­ein­kom­men ei­nes Ta­ges für mög­lich hal­ten wür­den. Tru­deau sag­te al­ler­dings le­dig­lich, es sei ei­nes in «ei­nem Uni­ver­sum von Werk­zeu­gen». In das Pro­jekt in On­ta­rio woll­te er sich den­noch nicht ein­mi­schen.

Foto: Ch. Beutler/key

Re­bec­ca Pa­ni­an: Die Film­re­gis­seu­rin kämpft wei­ter für ein Grund­ein­kom­men in Rhein­au ZH

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