La­by­rinth vol­ler Le­ben

Ob Ta­pi­re, Kai­ma­ne oder Göt­ter­vö­gel: In den Na­tio­nal­parks Cos­ta Ri­cas tum­melt sich ei­ne atem­be­rau­ben­de Ar­ten­viel­falt

SonntagsZeitung - - REISEN - Win Schu­ma­cher

Die Spur führt in den Ur­wald. Im asch­grau­en Sand des Strands von Ca­ra­te hat ein rie­si­ges Tier Fuss­ab­drü­cke hin­ter­las­sen. Ein eben ge­schlüpf­ter Di­no­sau­ri­er? Die Pa­zi­fik­wel­len, die hier mit un­ge­bro­che­ner Wucht an Mit­tel­ame­ri­ka zer­ren, wer­den sie bald aus­ge­löscht ha­ben. Der auf­ge­brach­te Oze­an über­tönt das Ge­ze­ter der Ur­wald­vö­gel und malt wil­de Schaum­li­ni­en auf den Strand. In Sturm­näch­ten reisst er gan­ze Bäu­me mit sich. Der Cor­co­va­do-na­tio­nal­park könn­te wahr­haft als Ku­lis­se für die nächs­te Fol­ge von «Ju­ras­sic Park» die­nen.

Wo aber ist das Rie­sen­tier? Und ist die Ril­le, die sich zwi­schen sei­nen Fuss­spu­ren schlän­gelt, tat­säch­lich der Schwanz ei­ner gi­gan­ti­schen Ech­se? Mil­ton Muñoz Vas­quez lacht. «Ein männ­li­cher Ta­pir», er­klärt der 32-jäh­ri­ge Na­tur­füh­rer, «die Schleif­spur hat sein Pe­nis hin­ter­las­sen. Ta­pi­re ha­ben die gröss­ten im Tier­reich.» Ob man dem Na­tur­bur­schen mit dem To­ten­kop­fäff­chen-tat­too auf dem Un­ter­schen­kel al­les glau­ben darf ? Je­den­falls ist der Mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Ta­pir un­be­strit­ten der gröss­te Be­woh­ner im Dschun­gel Cos­ta Ri­cas. Und plötz­lich liegt das Un­ge­tüm leib­haf­tig vor den Ur­wald­wan­de­rern. Es hat sich mit der auf­stei­gen­den Mor­gen­son­ne vom Strand ins Un­ter­holz des Wal­des ver­drückt, sieht grob wie ei­ne Kreu­zung aus Nil­pferd, Schwein und Po­ny aus und hat den kur­zen Rüs­sel­stum­mel ei­nes Ele­fan­ten. Die Ein­dring­lin­ge in sein Re­vier schei­nen den Ta­pir kei­nes­wegs zu stö­ren. «Der hier ist längst an Tou­ris­ten ge­wöhnt», sagt Muñoz, «er lässt sich höchs­tens von ei­nem Ja­gu­ar aus der Ru­he brin­gen.»

Der Cor­co­va­do-na­tio­nal­park ist ein El­do­ra­do für Na­tur­freun­de. Hier ist je­der Qua­drat­zen­ti­me­ter mit Le­ben be­setzt. Wer es aben­teu­er­lich mag, kann ta­ge­lang durch den Dschun­gel wan­dern und ei­ner ein­zig­ar­tig viel­fäl­ti­gen Tier­welt be­geg­nen. Na­sen- und Amei­sen­bä­ren, Na­bel­schwei­ne und Na­ge­tie­re kreu­chen durchs Di­ckicht. Im Ge­äst der Ur­waldrie­sen dö­sen Faul­tie­re, tur­nen Ka­pu­zi­ner- und Klam­meraf­fen. Hell­ro­te Aras und Re­gen­bo­gen­tu­ka­ne brin­gen Far­be in die Baum­kro­nen.

Die tro­pi­sche Tier­welt lässt sich nir­gend­wo bes­ser be­ob­ach­ten

«Na­tio­nal Geo­gra­phic» hat Cor­co­va­do mal als bio­lo­gisch in­ten­sivs­ten Ort der Er­de be­zeich­net. Auf 424 Qua­drat­ki­lo­me­tern sol­len sich hier 2,5 Pro­zent der ge­sam­ten Ar­ten­viel­falt der Er­de ver­sam­meln. Kaum ir­gend­wo sonst lässt sich die tro­pi­sche Tier­welt Zen­tral­ame­ri­kas bes­ser be­ob­ach­ten. Schritt für Schritt taucht der Wanderer ein in ein La­by­rinth des Le­bens.

Vor al­lem Vo­gel­freun­de soll­ten un­be­dingt auch ei­nen Aus­flug in den Berg­re­gen­wald wa­gen. Von der Ka­ri­bik­küs­te auf der an­de­ren Lan­des­sei­te führt ei­ne aben­teu­er­li­che Pis­te hin­auf in die Cor­dil­le­ra de Ta­la­man­ca, den höchs­ten Ge­birgs­zug Cos­ta Ri­cas, der fast 4000 Hö­hen­me­ter auf­ragt und dem Land den Bei­na­men «Schweiz Mit­tel­ame­ri­kas» ein­ge­bracht hat. Ein Gross­teil des Ne­bel­walds ist heu­te Teil des Na­tio­nal­parks und Unesco-wel­ter­bes La Ami­stad.

Un­weit der Park­gren­zen liegt das pri­va­te Sel­va-bana­ni­to-re­ser­vat mit ei­ner der be­kann­tes­ten Öko­lod­ges des Lan­des, die von deut­schen Aus­wan­de­rern er­öff­net wur­de. Ei­gent­lich soll­te der Wald für die Rin­der­zucht und Ba­na­nen­plan­ta­gen ge­ro­det wer­den, doch die Er­ben des Ei­gen­tü­mers ent­schie­den sich, den Pri­mär­wald zu ver­scho­nen. Ih­re Gäs­te ha­ben von den teil­wei­se aus Ab­fall­höl­zern ge­bau­ten Bun­ga­lows freie Sicht auf den Dschun­gel.

Der Berg­re­gen­wald ist ein El­do­ra­do für Or­ni­tho­lo­gen

Im Sel­va-bana­ni­to-re­ser­vat kann man die bun­te Vo­gel­welt auch hoch zu Ross be­ob­ach­ten. Al­lan Cruz hat im ei­ge­nen Reit­stall der Lodge be­reits die Pfer­de auf­ge­zäumt. Der 49-jäh­ri­ge Cos­ta Ri­ca­ner ist pas­sio­nier­ter Hob­by-or­ni­tho­lo­ge.

In den Ur­waldrie­sen hän­gen noch Ne­bel­schwa­den, als die mit Feld­ste­chern be­stück­te Rei­ter­trup­pe das Lod­ge­ge­län­de ver­lässt. Drei Nacht­rei­her ha­ben sich schon im Mor­gen­grau­en in die Bäu­me ne­ben ei­nem Wei­her zu­rück­ge­zo­gen. «Kahn­schnä­bel», er­klärt Cruz, «sie fi­schen meist nur nach Ein­bruch der Dun­kel­heit.» Ih­re über­gros­sen Schnä­bel er­in­nern an ori­en­ta­li­sche Pan­tof­feln. Ein Kai­man be­ob­ach­tet die Pfer­de aus dem trü­ben Was­ser des Tüm­pels. «Se­hen sei­ne Au­gen nicht wie die Bril­len­glä­ser von John Len­non aus?», fragt Cruz. Der Blick des Na­tur­füh­rers wan­dert hin­auf in die Baum­kro­nen. Dort tum­melt sich schon vor Son­nen­auf­gang ei­ne il­lus­tre Vo­gel­schar: strah­lend bun­te Tan­ga­re, Braun­hau­ben­und Weiss­kopf­pa­pa­gei­en.

Auf­merk­sam tr­a­ben die Pfer­de vor­an in den Re­gen­wald, bis der Ur­wald dich­ter und dich­ter wird. Hin und wie­der fällt der Blick der Rei­ter auf steil auf­ra­gen­de Berg­wän­de. «Dort oben ist der Quetz­al zu Hau­se», sagt Cruz, «die flie­gen­de Schlan­ge der Ma­ya.» We­gen sei­ner Far­ben­pracht und sei­ner auf­fäl­lig lan­gen Schwanz­fe­dern, die sich im Balz­flug wie grü­ne Nat­tern schlän­geln, wur­de der Quetz­al von den Az­te­ken und Ma­ya als Göt­ter­vo­gel ver­ehrt.

Der hät­te doch pri­ma zum frisch ge­schlüpf­ten Di­no­sau­ri­er am Strand von Ca­ra­te ge­passt.

Die «Schweiz Mit­tel­ame­ri­kas» war­tet mit hin­reis­sen­der Na­tur und fas­zi­nie­ren­der Fau­na auf: Ein Strand im Cor­co­va­do-na­tio­nal­park, ein Baum­frosch, der Göt­ter­vo­gel Quetz­al und ein Ta­pir

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