Neue Spd-chefs stel­len Grosse Ko­ali­ti­on in­fra­ge

Die SPD wählt sen­sa­tio­nell zwei Aus­sen­sei­ter zu neu­en Par­tei­chefs. Sie wer­den die Re­gie­rung von An­ge­la Mer­kel bald in ih­re letz­te Kri­se stür­zen

SonntagsZeitung - - Vorderseit­e - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann

Ber­lin Mit der Wahl von Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken an die Spit­ze stellt die Ba­sis der deut­schen Par­tei SPD den Be­stand der Gros­sen Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on in­fra­ge. Der frü­he­re nord­rhein­west­fä­li­sche Fi­nanz­mi­nis­ter – in der Schweiz be­kannt we­gen der in sei­ne Zeit fal­len­den An­käu­fe von Steu­er­da­ten-cds – und die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus Ba­den­würt­tem­berg ge­wan­nen die Stich­wahl des Mit­glie­der­ent­scheids mit 53 Pro­zent der Stim­men. Wal­terbor­jans und Es­ken sind zwar ge­gen ei­nen über­stürz­ten Aus­stieg aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on. Sie wol­len aber den Ko­ali­ti­ons­ver­trag neu ver­han­deln. Zieht die Uni­on da­bei nicht mit, emp­feh­len die Neu­ge­wähl­ten der Par­tei den Aus­stieg aus dem Bünd­nis.

Es ist ein Er­geb­nis, an das man sich in­ner- und aus­ser­halb der äl­tes­ten und gröss­ten Par­tei Deutsch­lands lan­ge zu­rück­er­in­nern wird: Nicht die Fa­vo­ri­ten des Esta­blish­ments ge­wan­nen die Ur­wahl der Mit­glie­der um den neu­en Spd-vor­sitz, son­dern die we­nig be­kann­ten Aus­sen­sei­ter. Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken er­hiel­ten 115 000 Stim­men (53 Pro­zent) und la­gen da­mit knapp 17 000 Stim­men vor Olaf Scholz und Kat­ja Gey­witz.

Die Sen­sa­ti­on im Ber­li­ner Haupt­quar­tier lös­te Schock­star­re auf der ei­nen, Ju­bel auf der an­de­ren Sei­te aus. Vor al­lem Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz, das ein­zi­ge po­li­ti­sche Schwer­ge­wicht un­ter den Kan­di­da­ten, sah ent­geis­tert aus, auch wenn er tap­fer lä­chel­te. Sie wür­den die Sie­ger auf je­den Fall un­ter­stüt­zen, sag­te Scholz da­nach, schliess­lich sei die SPD ih­re «ge­mein­sa­me Sa­che». Wal­ter-bor­jans und Es­ken strahl­ten, um­arm­ten sich und ball­ten die Fäus­te. Auch sie rie­fen die Par­tei zur Ei­nig­keit auf: Ab so­fort ge­be es kei­ne Sie­ger und Be­sieg­te mehr, son­dern nur noch Ge­nos­sen, wel­che die Par­tei ge­mein­sam zu­sam­men­hal­ten und in ei­ne bes­se­re Zu­kunft füh­ren müss­ten. Re­gie­rungs­geg­ner ha­ben ei­ne knap­pe Mehr­heit be­kom­men Die Ap­pel­le sind wohl nö­tig: Seit dem er­zwun­ge­nen Rück­tritt von Andrea Nah­les von der Spit­ze der SPD An­fang Ju­ni hat­te sich die Par­tei in ei­nem mehr­mo­na­ti­gen Aus­wahl­pro­zess über die Fra­ge der Re­gie­rungs­be­tei­li­gung zer­strit­ten. Scholz, der Ar­chi­tekt der Gros­sen Ko­ali­ti­on mit CDU/CSU, sam­mel­te die­je­ni­gen in der Par­tei hin­ter sich, die das Bünd­nis bis 2021 wei­ter­füh­ren wol­len. Wal­ter-bor­jans und Es­ken ver­tra­ten je­ne, die der Re­gie­rungs­be­tei­li­gung die Schuld für den Nie­der­gang der SPD ge­ben und die­se auf ei­nen lin­ke­ren Weg zwin­gen wol­len.

In Um­fra­gen hat­te zu­letzt meist ei­ne knap­pe Mehr­heit der Spd­mit­glie­der ei­nen Aus­stieg aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on ab­ge­lehnt. In Gestalt von Wal­ter-bor­jans/es­ken er­hiel­ten die Re­gie­rungs­geg­ner nun von den ab­stim­men­den Mit­glie­dern ei­ne knap­pe Mehr­heit. Vor al­lem die Jung­so­zia­lis­ten hat­ten die bei­den un­ter­stützt, da­zu der Lan­des­ver­band von Nord­rhein-west­fa­len; bei­de zu­sam­men zäh­len 180 000 Mit­glie­der.

Für die SPD be­deu­tet die über­ra­schen­de Wahl ei­nen Bruch mit den Kräf­ten des al­ten Esta­blish­ments, der ziem­lich schnell auch zu ei­nem Bruch des Re­gie­rungs­bünd­nis­ses mit der Uni­on – und da­mit zu ei­nem vor­zei­ti­gen En­de der Ära von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel füh­ren dürf­te. Wäh­rend sich die 58-jäh­ri­ge Schwarz­wäl­de­rin Es­ken im Wahl­kampf ziem­lich un­ver­blümt für ei­nen schnel­len Aus­tritt aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on aus­sprach, hat­te der 67-jäh­ri­ge Köl­ner Wal­ter-bor­jans et­was ge­bremst. Ges­tern Abend mach­te er den Ent­scheid nun von «In­hal­ten» ab­hän­gig.

Was er da­mit meint, kann man sich aus An­sa­gen der letz­ten Wo­chen zu­sam­men­rei­men. Die neu­en Vor­sit­zen­den wol­len den Ko­ali­ti­ons­ver­trag mit den Christ­de­mo­kra­ten neu ver­han­deln und die­se mit neu­en lin­ken For­de­run­gen kon­fron­tie­ren: Das müh­sam er­run­ge­ne Kli­ma­pa­ket soll noch­mals auf­ge­schnürt wer­den, um den Co2-preis «nach­zu­schär­fen». Die «schwar­ze Null» von Fi­nanz­mi­nis­ter Scholz wol­len sie kip­pen und da­für hö­he­re Ren­ten, Kin­der­gel­der und In­ves­ti­tio­nen durch­set­zen. Der Par­tei­tag wird die bei­den for­mell be­stä­ti­gen

Die SPD weiss, dass CDU und CSU sol­che Ma­xi­mal­for­de­run­gen nicht ak­zep­tie­ren kön­nen. Die Wei­ge­rung wür­de ihr aber er­lau­ben, das Schei­tern der ge­mein­sa­men Re­gie­rung dem po­li­ti­schen Kon­kur­ren­ten in die Schu­he zu schie­ben.

Wal­ter-bor­jans und Es­ken kön­nen die­sen Kurs nicht al­lei­ne be­stim­men – ja, sie sind als Vor­sit­zen­de for­mell noch nicht ein­mal ge­wählt. Bei­des ge­schieht erst am Par­tei­tag, der am kom­men­den Frei­tag be­ginnt. Es wird er­war­tet, dass die De­le­gier­ten das de­si­gnier­te Paar for­mell be­stä­ti­gen. Hef­tig strei­ten wird man aber wahr­schein­lich über den Um­gang mit der Re­gie­rungs­be­tei­li­gung.

Wal­ter-bor­jans sag­te ges­tern, sie wür­den am Par­tei­tag ei­nen Leit­an­trag ein­brin­gen, der neue For­de­run­gen an die Ko­ali­ti­on stel­le. Je nach­dem, wie ra­di­kal die­se aus­fal­len, könn­te der Par­tei­tag noch ver­su­chen, sie ab­zu­schwä­chen, um den so­for­ti­gen Bruch der Re­gie­rung zu ver­mei­den. Stellt sich die Par­tei je­doch hin­ter sie, gibt es kein Zu­rück mehr.

Auf je­den Fall ste­hen den bei­den Re­gie­rungs­par­tei­en tur­bu­len­te, wo­mög­lich auch dra­ma­ti­sche Wo­chen be­vor. Kei­ne St­un­de nach dem Vo­tum der Spd-mit­glie­der be­sprach sich die Cdu-spit­ze am Te­le­fon. Cdu-che­fin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er hat kürz­lich um­fas­sen­de Nach­ver­hand­lun­gen des Ko­ali­ti­ons­ver­trags ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen. Und die Zei­ten, in de­nen Mer­kel oh­ne grosse Rück­sicht auf ih­re Par­tei mit der SPD Kom­pro­mis­se fin­den konn­te, um ir­gend­wie wei­ter­zu­re­gie­ren, sind vor­bei.

Fo­to: Reuters

Sie ju­beln: Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken ge­wan­nen die Ur­wahl wi­der Er­war­ten

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