Kampf der Kat­zen­pla­ge

Wer sei­nem Stu­ben­ti­ger Frei­gang ge­währt, soll das Tier kas­trie­ren las­sen.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - Car­men Ros­hard

Hier­zu­lan­de le­ben zu vie­le streu­nen­de und ver­wil­der­te Kat­zen, die sich ra­sant ver­meh­ren. Oft sind sie krank, aus­ge­mer­gelt, aber schon wie­der träch­tig. Von den heu­te cir­ca zwei Mil­lio­nen Kat­zen in der Schweiz sind 100 000 bis 300 000 be­sit­z­er­los.

Vor al­lem im Zürcher Ober­land wür­den vie­le ver­nach­läs­sig­te Kat­zen le­ben, sagt Es­t­her Geis­ser, Prä­si­den­tin des Ver­eins Net­work for Ani­mal Pro­tec­tion (Ne­tap). Die Tie­re ve­ge­tie­ren auf Bau­ern­hö­fen und Fa­b­ri­karea­len, in Schre­ber­gär­ten und Gärt­ne­rei­en vor sich hin. Nie­mand fühlt sich für sie ver­ant­wort­lich. «Der Be­stand wird nicht kon­trol­liert, und ih­re Zahl nimmt ste­tig zu», be­klagt die Tier­schüt­ze­rin. Seit ei­ni­gen Jah­ren ha­ben sich auch in den Zürcher Quar­tie­ren Seebach, Schwa­men­din­gen und in Gock­hau­sen Grup­pen von ver­wil­der­ten Kat­zen mit bis zu 40 Tie­ren ge­bil­det.

Des­halb setzt sich die 48-jäh­ri­ge Ju­ris­tin seit Jah­ren für ei­ne Kastra­ti­ons­pflicht für Kat­zen mit Frei­gang ein. Im Som­mer die­ses Jah­res hat der von ihr 2008 ge­grün­de­te Ver­ein Ne­tap zu­sam­men mit der Zürcher Stif­tung für das Tier im Recht (TIR) ei­ne ent­spre­chen­de Pe­ti­ti­on mit über 115 000 Un­ter­schrif­ten ein­ge­reicht. Über 150 Tier­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen aus der gan­zen Schweiz ha­ben sich der For­de­rung an­ge­schlos­sen. «Ei­ne sol­che Ei­nig­keit», freut sich die Kat­zen­ex­per­tin, «hat es in der Schwei­zer Tier­schutz­sze­ne noch nie ge­ge­ben.»

Tier­hei­me sind voll

Un­er­wünsch­te Kat­zen wür­den lei­der oft er­schla­gen, er­tränkt oder gar im Tief­küh­ler ent­sorgt, sagt Geis­ser. Für man­che hät­ten sie den «Sta­tus ei­nes Weg­wer­far­ti­kels». Weil es zu vie­le Kat­zen ge­be, die un­er­wünsch­ten Nach­wuchs zeug­ten, kom­me es nicht sel­ten vor, dass ei­ne Kat­ze auf der Fahrt ins Grü­ne ein­fach ent­sorgt wer­de: « Au­to­tür auf, Kat­ze raus und weg.» Rund 100 000 Kat­zen werden laut Schät­zun­gen von Tier­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen je­des Jahr ge­tö­tet, weil sie nie­mand will. Mit der Kastra­ti­ons­pflicht möch­te Geis­ser das än­dern.

Tier­hei­me sind kei­ne Al­ter­na­ti­ve, dort feh­len Plät­ze. Kat­ja Ho­len­stein vom Tier­heim Stru­be­li in Hegnau sagt: «Wir ha­ben die­ses Jahr deut­lich mehr Kat­zen auf­ge­nom­men als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren.» Vie­le von ih­nen in ei­nem «furcht­ba­ren Zu­stand». Auch im Tier­heim Rüm­lang lan­den im­mer wie­der träch­ti­ge, ver­wil­der­te Kat­zen. Lei­te­rin Bar­ba­ra Gug­gen­bühl wür­de des­halb ei­ne Kastra­ti­ons­pflicht «sehr be­grüs­sen». Ih­rer Mei­nung nach soll­te man auch die Bau­ern in die Pflicht neh­men, «da die­se die Jung­tie­re meist ein­fach tö­ten oder sich selbst über­las­sen». Im­mer öf­ter muss ihr Team aus­ru­cken, um ver­wil­der­te Bü­si ein­zu­fan­gen und zu kas­trie­ren.

Ne­tap ist mit frei­wil­li­gen Hel­fern eben­falls im Dau­er­ein­satz. «Im Ver­gleich zum letz­ten Jahr sind die Fäl­le mas­siv an­ge­stie­gen», bi­lan­ziert Geis­ser, «und kein En­de ist in Sicht.»

Der Zürcher Tier­schutz ver­weist auf die Tier­schutz­ver­ord­nung, die fest­hal­te, dass Tier­hal­ten­de «al­les Zu­mut­ba­re» un­ter­neh­men müss­ten, um ei­ne über­mäs­si­ge Ver­meh­rung zu ver­mei­den. Denn «von ei­nem un­kas­trier­ten Kat­zen­paar kön­nen in­ner­halb von 10 Jah­ren bis zu 80 Mil­lio­nen Kat­zen her­vor­ge­hen», wie Ne­tap er­rech­net hat.

Für den Tier­arzt En­ri­co Cla­va­det­scher, me­di­zi­ni­scher Lei­ter bei Ne­tap, ist ei­ne Kastra­ti­ons- pflicht un­aus­weich­lich. Da es an je­der Ecke «für ein But­ter­brot ei­ne Kat­ze gibt», ho­le man sich eben ei­ne neue, wenn die al­te nicht mehr funk­ti­ons­tüch­tig sei. «Nur ein Ge­setz kann die­se un­sin­ni­ge Ver­meh­rung stop­pen.»

Amt un­ter­stützt An­lie­gen

Das Zürcher Ve­te­ri­när­amt un­ter­stützt die Pe­ti­ti­on. «Aus fach­li­cher Sicht be­grüs­sen wir es, wenn al­le frei lau­fen­den Haus­kat­zen kas­triert sind», sagt Kan­tons­tier­ärz­tin Re­gu­la Vo­gel. Der Auf­wand für ei­nen Voll­zug müs­se auf­grund der Er­fah­run­gen bei der Hun­de­po­pu­la­ti­on «als sehr hoch» be­zeich­net werden.

Skep­tisch re­agiert das Bun­des­amt für Le­bens­mit­tel­si­cher­heit und Ve­te­ri­när­we­sen: Ein Kastra­ti­ons­ob­li­ga­to­ri­um sei «un­ver­hält­nis­mäs­sig» und «ein Ein­griff in die Frei­heit der Hal­ten­den», heisst es. Die tier­schutz­recht­li­chen Vor­ga­ben und Straf­be­stim­mun­gen für die Ver­hin­de­rung un­kon­trol­lier­ter Ver­meh­rung ge­nüg­ten. Es sei sinn­vol­ler, «bes­ser zu in­for­mie­ren».

Die For­de­rung nach ei­ner Kastra­ti­ons­pflicht fin­det auch im Na­tio­nal­rat Un­ter­stüt­zung: Wäh­rend der Sam­mel­frist ha­ben 39 Par­la­men­ta­rie­rin­nen und Par­la­men­ta­ri­er aus fast al­len Par­tei­en die Pe­ti­ti­on un­ter­zeich­net. Die ers­te war die Zürcher Fdp-na­tio­nal­rä­tin Do­ris Fia­la. «Tier­schüt­zer kön­nen sich dar­auf ver­las­sen, dass ich po­li­tisch ak­tiv wer­de», sagt sie. Auch Glp-na­tio­nal­rat Mar­tin Bä­um­le un­ter­stützt die Pe­ti­ti­on, «um das Kat­zen­elend zu lin­dern». Un­ter­schrie­ben ha­ben sie auch die grü­nen Na­tio­nal­rä­te Bas­ti­en Gi­rod und Baltha­sar Glätt­li, Sp-stän­de­rat Da­ni­el Jo­sitsch und Bdp-na­tio­nal­rä­tin Ros­ma­rie Qua­dran­ti.

Fo­to: Sa­bi­na Bobst

Tier­schüt­ze­rin Es­t­her Geis­ser mit der ver­un­fall­ten und in­kon­ti­nen­ten Kät­zin Gis­ma im Tier­heim Stru­be­li in Hegnau.

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