Am schlimms­ten ist die Un­ge­wiss­heit

Es ist ei­ne be­son­ders per­fi­de Me­tho­de, in der Be­völ­ke­rung Angst und Schre­cken zu ver­brei­ten, wenn Staa­ten ih­re Bür­ger ver­schwin­den las­sen.

Tages Anzeiger - - Meinungen - Bern­hard Odehnal Re­por­ter

Gera­de noch lief das Kind la­chend über den Spiel­platz, plötz­lich ist es weg. Ein­fach ver­schwun­den. Was jetzt? Pa­nik kommt auf, Rat­lo­sig­keit und völ­li­ge Hilf­lo­sig­keit. Wer ei­ne sol­che Si­tua­ti­on ein­mal er­lebt hat, wird sie nie mehr ver­ges­sen. Auch wenn das ver­meint­lich ver­miss­te Kind in den meis­ten Fäl­len schnell ge­fun­den wird oder von selbst auf­taucht.

Pa­nik, Ver­zweif­lung, Hilf­lo­sig­keit. Das sind Ge­füh­le, die auch gan­ze Ge­sell­schaf­ten er­fas­sen. Näm­lich dann, wenn Men­schen spur­los ver­schwin­den, die in der Öf­fent­lich­keit stan­den, als Po­li­ti­ker, Künst­ler, Wis­sen­schaft­ler, Jour­na­lis­ten. Und wenn hin­ter ih­rem Ver­schwin­den die Staats­macht ver­mu­tet wird. Denn wenn der Staat selbst sei­ne Bür­ger ent­füh­ren und ver­schwin­den lässt, wer soll dann noch hel­fen?

So ist auch das Ver­schwin­den des re­gime­kri­ti­schen sau­di­ara­bi­schen Jour­na­lis­ten Ja­mal Khas­hog­gi zu ver­ste­hen, der in Istan­bul in das Kon­su­lat sei­nes Hei­mat­lan­des ging und nie wie­der her­aus­kam.

Es ist ei­ne Bot­schaft, die weit über die Ara­bi­sche Halb­in­sel hin­aus ih­re Wir­kung ent­fal­tet und die al­len Geg­nern to­ta­li­tä­rer Re­gimes gilt: Wer Kri­tik übt, ist nir­gends si­cher, nicht im Exil und schon gar nicht in ei­ner di­plo­ma­ti­schen Ver­tre­tung. Er wird nicht ver­haf­tet, er wird nicht of­fi­zi­ell für tot er­klärt. Er bleibt ver­schwun­den. Es ist die per­fi­des­te, aber auch die wirk­sams­te Me­tho­de von Dik­ta­tu­ren, in der Be­völ­ke­rung Angst und Schre­cken zu ver­brei­ten.

Wenn Re­gime­kri­ti­ker er­mor­det werden, dann gibt das meist dras­ti­sche Bil­der, vom Tat­ort, vom Op­fer. Die­se Bil­der kön­nen zu Sym­bo­len für he­roi­schen Wi­der­stand oder für die Bru­ta­li­tät des Staats­ap­pa­rats werden. So wie das Fo­to des ver­gif­te­ten rus­si­schen Spi­ons Alex­an­der Lit­wi­nen­ko im Spi­tal oder der Brü­cke beim Kreml in Mos­kau, auf der Op­po­si­ti­ons­füh­rer Bo­ris Nem­zow er­schos­sen wur­de.

Bei Ver­schwun­de­nen bleibt nur die Un­ge­wiss­heit. Es gibt kei­nen Lei­dens­weg zu be­wei­nen, kei­ne Lei­che zu be­gra­ben. Es gibt nur Ge­rüch­te, so wie je­nes vom Vi­deo, das an­geb­lich Ja­mal Khas­hog­gis Er­mor­dung zeigt.

Der be­kann­te rus­sisch-tsche­tsche­ni­sche Sän­ger Selim Ba­kaev ver­schwand 2017 in Gros­ny. An­geb­lich wur­de er we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät in Tsche­tsche­ni­en ge­fol­tert und ge­tö­tet. Aber es bleibt die Un­si­cher­heit und – was sol­che Fäl­le be­son­ders grau­sam macht: Es bleibt ein Fun­ken Hoff­nung. Ist er viel­leicht doch nicht tot? Gibt es noch Chan­cen auf ei­ne Ret­tung? Auch wenn der Ver­stand sagt, dass es längst zu spät ist: Die Hoff­nung ist da, und sie lähmt. Sie lässt Ver­wand­te und Freun­de schwei­gen, denn je­des fal­sche Wort könn­te für das viel­leicht noch le­ben­de Op­fer das To­des­ur­teil be­deu­ten.

Um die Wir­kung des Ver­schwin­den­las­sens wuss­te das sta­li­nis­ti­sche Sys­tem in der So­wjet­uni­on eben­so wie die rechts­ex­tre­men Dik­ta­tu­ren in Süd­ame­ri­ka. Nie­mand war si­cher. Je­de und je­den konn­te es tref­fen, zu Hau­se, bei der Ar­beit, auf der Strasse. An­ge­hö­ri­ge er­hiel­ten, wenn über­haupt, fal­sche Aus­künf­te vol­ler Zy­nis­mus: Die Be­trof­fe­nen hät­ten sich wohl ins Aus­land ab­ge­setzt.

Die Ver­schwun­de­nen hin­ter­las­sen trau­ma­ti­sier­te Ge­sell­schaf­ten, in de­nen ge­ne­ra­tio­nen­lang nicht über die Ver­bre­chen ge­spro­chen wird. Weil es ja of­fi­zi­ell gar kei­ne Ver­bre­chen gab. Und wo kei­ne Op­fer ge­fun­den werden, kann nicht nach Tä­tern und Hin­ter­män­nern ge­sucht werden.

In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on er­scheint es fast wie ei­ne Gna­de, wenn Chi­na den Chef von In­ter­pol, Meng Hong­wei, erst ver­schwin­den, aber dann als Ge­fan­ge­nen wie­der auf­tau­chen lässt. Tau­sen­den Ui­gu­ren wur­de die­se Gunst nicht zu­teil, sie ver­schwan­den spur­los. Dass sie tat­säch­lich in chi­ne­si­sche Umer­zie­hungs­la­ger wan­der­ten, kann nur ver­mu­tet werden.

Es gibt kei­ne To­ten, es gibt kei­nen Lei­dens­weg. Es gibt nur Ge­rüch­te.

Ein Ver­fah­ren vor dem In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te muss Chi­na we­gen sol­cher Ent­füh­run­gen nicht fürch­ten. Und auch Sau­di­ara­bi­en rech­net of­fen­bar nicht da­mit, dass das Ver­schwin­den Khas­hog­gis zu nach­hal­ti­gen Ver­stim­mun­gen im Wes­ten füh­ren könn­te. Nicht nur, weil Deutsch­land, Frank­reich oder die USA nicht auf mil­li­ar­den­schwe­re Waf­fen­ex­por­te ver­zich­ten wol­len.

Im Krieg ge­gen den Ter­ror ha­ben die USA selbst Men­schen ver­schwin­den las­sen, in Af­gha­nis­tan, im Irak, aber auch in Bos­ni­en, Ita­li­en und Schwe­den. Man­che tauch­ten in Gu­an­tá­na­mo auf, nicht al­le Schick­sa­le sind ge­klärt. Nie­mand weiss, was in den Fol­ter­camps der CIA in Eu­ro­pa wirk­lich ge­schah und wie vie­le der «Black Si­tes» noch exis­tie­ren.

Das Ver­schwin­den­las­sen von Men­schen, die als Staats­fein­de be­trach­tet werden, ist kein «Pri­vi­leg» von Dik­ta­tu­ren. Auch Eu-staa­ten wie Po­len, Ru­mä­ni­en, Li­tau­en wa­ren dar­an be­tei­ligt, zu­min­dest als Ge­hil­fen des Us-ge­heim­diens­tes. An­de­re Staa­ten der Na­to und der Eu­ro­päi­schen Uni­on wuss­ten zu­min­dest da­von. Und al­le schwie­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.