See­ho­fers Zeit als CSU-CHEF läuft ab, doch frei­wil­lig wird er nicht wei­chen

Mi­nis­ter­prä­si­dent Sö­der will die ab­seh­ba­re Wahl­nie­der­la­ge sei­nem Vor­gän­ger in die Schu­he schie­ben.

Tages Anzeiger - - International - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann, Mün­chen

«Ich ha­be ein gros­ses Werk zu ver­rich­ten», sag­te Horst See­ho­fer kürz­lich und nann­te die Sor­ge um Recht, Ord­nung und Si­cher­heit sei­ne «Mis­si­on». Der deut­sche In­nen­mi­nis­ter und Par­tei­chef der CSU klang da­bei so, wie wenn sei­ne Kar­rie­re gera­de eben be­gon­nen hät­te. Da­bei ist na­tür­lich das Ge­gen­teil der Fall.

Horst See­ho­fers Zeit läuft gera­de ab. In sei­ner Par­tei hat man sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen weit­ge­hend dar­auf ver­stän­digt, ihn für das ab­seh­ba­re De­ba­kel bei der baye­ri­schen Land­tags­wahl am Sonn­tag ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Die CSU ist kei­ne Par­tei, die ei­ne schwe­re Nie­der­la­ge ein­fach aus­sitzt, ein Kopf muss ei­gent­lich im­mer rol­len. Und der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der hat ei­ni­ges da­für vor­ge­kehrt, dass es nicht sei­ner sein wird.

Alt ge­gen Jung

Sö­der ist 51 Jah­re alt, See­ho­fer fast 70. Der Jün­ge­re strotzt vor Ener­gie, wäh­rend der Al­te po­li­tisch ver­braucht und ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen wirkt. Trotz sei­nes ver­mut­lich his­to­risch schlech­ten Wahl­re­sul­tats wird die CSU des­we­gen ih­re Zu­kunft eher dem ehr­gei­zi­gen Nach­fol­ger an­ver­trau­en als dem an­ge­schla­ge­nen Pa­tri­ar­chen, so sa­gen je­den­falls Ken­ner.

Sö­der, der See­ho­fer nach der de­sas­trö­sen Bun­des­tags­wahl vor ei­nem Jahr be­reits das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ab­ge­run­gen hat­te, hat die CSU längst auf sei­ne Sei­te ge­bracht. In der Land­tags­frak­ti­on, die den Re­gie­rungs­chef wählt, ist er schon län­ger un­an­ge­foch­ten, auch im 57-köp­fi­gen Vor­stand soll sei­ne Mehr­heit wach­sen. Der Par­tei­tag im Sep­tem­ber ent­hüll­te See­ho­fers Schwä­che gera­de­zu bru­tal: Wäh­rend Sö­der trotz schwie­ri­ger La­ge Be­geis­te­rung ent­ge­gen­wog­te, wur­de in den Gän­gen über See­ho­fer ge­schimpft und ge­spot­tet wie noch nie.

Vor­wür­fe an «Ber­lin»

Ber­lin sei am ab­seh­ba­ren Wahl­de­ba­kel in Bay­ern schuld, häm­mert Sö­der den Csu-an­hän­gern seit Wo­chen ein und lässt we­nig Zwei­fel dar­an, dass er da­mit we­ni­ger Cdu-kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel meint als sei­nen er­bit­ter­ten Ri­va­len See­ho­fer.

Der ei­ge­ne Par­tei­chef, so der Vor­wurf in der CSU, ha­be im Streit um die Asyl­po­li­tik und um den um­strit­te­nen Ver­fas­sungs­schutz­chef Hans-ge­org Maas­sen zwei­mal fast die Re­gie­rung in die Luft ge­sprengt und da­mit de­ren schlech­ten Ruf be­grün­det. Und dies nur, weil er ei­nen per­sön­li­chen Ra­che­feld­zug ge­gen Mer­kel füh­re und da­bei we­der auf Deutsch­land, Bay­ern noch das Wohl der Par­tei Rück­sicht neh­me. Dass See­ho­fer im Asyl­streit mit Mer­kel aus Mün­chen nicht nur an­ge­feu­ert, son­dern erst auf die Spur ge­bracht wur­de, ver­schwei­gen Sö­ders Leu­te lie­ber.

See­ho­fer je­den­falls hat be­reits be­gon­nen, sich ge­gen sei­ne dro­hen­de Ent­mach­tung zur Wehr zu set­zen. Er ha­be sich in Sö­ders Wahl­kampf nicht ein­ge­mischt, sag­te er kürz­lich, ent­spre­chend tra­ge er auch nicht die Ver­ant­wor­tung. Ma­li­zi­ös füg­te er hin­zu, die ab­so­lu­te Mehr­heit, die er 2013 für die CSU zu­rück­ge­won­nen ha­be, sei aus sei­ner Sicht im­mer noch er­reich­bar. Im Üb­ri­gen ha­be ihn der Par­tei­tag bis Herbst 2019 als CSU-CHEF ge­wählt, dar­an än­de­re auch ein al­len­falls schlech­tes Wahl­re­sul­tat nichts.

See­ho­fers kämp­fe­ri­scher Ton täuscht nicht dar­über hin­weg, dass sei­ne La­ge schwie­rig bis aus­sichts­los scheint. Vie­le Be­ob­ach­ter er­war­ten, dass See­ho­fer bald ge­stürzt wird und Sö­der sich auch noch den zwei­ten Teil der Macht in der CSU si­chert: den Par­tei­vor­sitz. Je­den­falls wird im Vor­stand be­reits ein Be­schluss vor­be­rei­tet, der See­ho­fer am Mon­tag gleich als Ers­tes von den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen aus­schlies­sen soll – als Auf­takt zu ei­nem schnel­len Macht­wech­sel.

Al­ler­dings dürf­te sich See­ho­fer wei­gern, zu­rück­zu­tre­ten, und dann könn­ten die Din­ge schnell kom­pli­ziert werden. Der Par­tei­chef könn­te ver­su­chen, Zeit zu ge­win­nen, in­dem er die CSU auf den ge­mäs­sig­ten Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Man­fred We­ber als sei­nen Nach­fol­ger ver­pflich­tet.

Mer­kel wä­re nicht un­froh

Man­fred We­ber möch­te frei­lich erst Spit­zen­kan­di­dat der eu­ro­päi­schen Christ­de­mo­kra­ten für die Eu­ro­pa­wahl im Mai nächs­ten Jah­res werden; vor­her könn­te ein Wech­sel al­so so­wie­so nicht statt­fin­den. Es gilt aber nicht als sehr wahr­schein­lich, dass sich Sö­der auf ei­ne sol­che Rocha­de ein­lässt.

Stürzt See­ho­fer als Par­tei­chef, dürf­te er auch als In­nen­mi­nis­ter in Ber­lin ab­ge­löst werden. Sö­der, der mit Mer­kel in den letz­ten Wo­chen be­reits ver­trau­lich ge­spro­chen hat, könn­te da­für ge­wiss auf die Un­ter­stüt­zung der Kanz­le­rin und der SPD zäh­len. Auch in Ber­lin wä­re man froh, wenn See­ho­fer eher frü­her als spä­ter aus­schie­de.

Fo­to: Flo­ri­an Gärt­ner (Photothek, Get­ty Images)

Trotz sei­nes kämp­fe­ri­schen Tons scheint See­ho­fer an­ge­zählt.

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