«So schwin­det die Le­gi­ti­mi­tät»

Der frü­he­re bri­ti­sche No­ten­ban­ker Paul Tu­cker er­klärt, war­um die Un­ab­hän­gig­keit der No­ten­ban­ken zu­neh­mend hin­ter­fragt wird. Wenn Po­li­ti­ker den Tech­no­kra­ten zu­neh­mend das Feld über­lies­sen, sei die De­mo­kra­tie be­droht.

Tages Anzeiger - - Wirtschaft - Mar­kus Diem Mei­er

«Un­elec­ted Po­wer» – nicht ge­wähl­te Macht. Un­ter die­sem Ti­tel hat Paul Tu­cker, einst Vi­ze der Bank of En­g­land, ein Buch über die Un­ab­hän­gig­keit der No­ten­ban­ken ver­fasst. Das The­ma ist der­zeit be­son­ders bri­sant. Weil die Er­war­tung hö­he­rer Zin­sen zu ei­ner Kor­rek­tur an den Bör­sen ge­führt hat, be­zeich­ne­te US-PRÄ­si­dent Do­nald Trump die No­ten­ban­ker des Fed als «ver­rückt». Auch in der Schweiz wur­de die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) we­gen ih­rer auf­ge­bläh­ten Bi­lanz schon von Fi­nanz­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer kri­ti­siert.

Was hal­ten Sie von der Kri­tik an der SNB we­gen des Um­fangs ih­rer Bi­lanz und den von ihr ein­ge­führ­ten Ne­ga­tiv­zin­sen? Sie hat wie die Bank of En­g­land oder die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) Mass­nah­men er­grif­fen, die nie­mand frü­her je für mög­lich ge­hal­ten hat. Das gilt be­son­ders für die Ne­ga­tiv­zin­sen. Ich den­ke, dass das Recht der SNB, sol­che Mass­nah­men zu er­grei­fen, über ei­ne brei­te po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung ver­fü­gen muss.

Die No­ten­bank ist po­li­tisch un­ab­hän­gig. Po­li­ti­ker ha­ben ihr doch nichts vor­zu­hal­ten? Wenn ei­ne No­ten­bank et­was tut, das ihr zwar vom Recht her zu­steht, aber nie je­mand für mög­lich ge­hal­ten hät­te, ist es wich­tig, dass die Le­gi­ti­ma­ti­on da­für po­li­ti­schen Rück­halt ge­niesst. Ich weiss zu we­nig über die Schweiz, um ei­ne dif­fe­ren­zier­te Mei­nung da­zu zu ha­ben. Aber mein In­stinkt sagt mir, dass die SNB zu­erst die Po­li­ti­ker zur grund­sätz­li­chen Fra­ge hät­te kon­sul­tie­ren sol­len, be­vor sie Ne­ga­tiv­zin­sen fest­legt.

Kön­nen Sie die Po­li­tik der SNB nach­voll­zie­hen? Die Na­tio­nal­bank steht vor ei­nem gros­sen Di­lem­ma. Die mo­ne­tä­ren Be­din­gun­gen in der Schweiz – und ganz be­son­ders die Lan­des­wäh­rung – werden stark durch die Be­din­gun­gen im Eu­ro­raum be­ein­flusst. Da­zu kommt, dass die Schweiz ei­ne klei­ne, sehr of­fe­ne Wirt­schaft hat – mit in­ten­si­vem Han­del mit der EU und der Eu­ro­zo­ne im Be­son­de­ren. Das be­deu­tet, dass die Schwei­zer No­ten­ban­ker mit schwie­ri­gen Wahl­mög­lich­kei­ten kon­fron­tiert sind. Mei­ner An­sicht nach ist es am wich­tigs­ten, dass die Be­völ­ke­rung das ver­steht. Ich ken­ne in der Schweiz Leu­te, die Ne­ga­tiv­zin­sen über­haupt nicht mö­gen. Doch man muss sie fra­gen, was denn die SNB al­ter­na­tiv tun soll. Soll sie den Fran­ken ein­fach teu­rer werden las­sen?

Wie soll die SNB mit der Kri­tik an ih­rer Po­li­tik um­ge­hen? Selbst wenn sie ge­tan hat, was ge­tan werden muss­te, hat nie­mand je da­von ge­träumt. Das war über­ra­schend und ge­gen­über der All­ge­mein­heit nicht ein­fach zu be­grün­den. Des­halb ist es für die No­ten­ban­ker so wich­tig, hin­aus­zu­ge­hen und es den­noch zu tun. Wir ha­ben in Grossbritannien ab 2009 auch An­lei­hen ge­kauft und un­se­re Bi­lanz aus­ge­wei­tet. Aber wir wa­ren sehr ak­tiv mit un­se­ren Ver­su­chen, die Mass­nah­men der Be­völ­ke­rung zu er­klä­ren.

Wie ha­ben Sie es er­klärt? Vie­le Leu­te wa­ren an­fäng­lich be­sorgt, das vie­le durch die No­ten­bank ge­schaf­fe­ne Geld wer­de ei­ne ho­he In­fla­ti­on ver­ur­sa­chen. Wir ha­ben der Öf­fent­lich­keit er­klärt, dass es nur zu ei­ner In­fla­ti­on kommt, wenn die No­ten­bank mehr Geld schafft, als in der Wirt­schaft nach­ge­fragt wird. Weil das Ban­ken­sys­tem kol­la- biert ist, ver­lo­ren die Leu­te viel Geld, das sie auf Bank­kon­ten hiel­ten. Das führ­te zu ei­ner grös­se­ren Nach­fra­ge nach No­ten­bank­geld. Wir ha­ben dann er­klärt, dass wir No­ten­bank­geld schaf­fen, um das Geld zu er­set­zen, das von den Ge­schäfts­ban­ken nicht mehr an­ge­bo­ten wird.

Ha­ben die No­ten­ban­ken nicht zu viel Ver­ant­wor­tung auf sich ge­la­den? Vor al­lem für die Re­gie­run­gen der USA und Deutsch­lands gilt, dass sie ab et­wa 2011 ihr Bud­get stär­ker zur För­de­rung des Auf­schwungs hät­ten nut­zen kön­nen. Das hät­te den Druck auf die No­ten­ban­ken re­du­ziert. Die Staa­ten hät­ten Mehr­aus­ga­ben auch nicht zwin­gend mit stei­gen­der Ver­schul­dung fi­nan­zie­ren müs­sen, son­dern über Steu­er­ein­nah­men. Der Boom an den Ka­pi­tal­märk­ten wä­re ge­dämpft wor­den. Das wä­re wohl auch fai­rer ge­we­sen, weil Haus­hal­te mit mitt­le­ren Ein­kom­men nicht ei­nen sol­chen Druck auf ih­ren Er­spar­nis­sen er­lebt hät­ten. Für die Schweiz sah es wohl et­was an­ders aus, weil hier das Pro­blem nicht so sehr die in­län­di­sche Nach­fra­ge war, son­dern je­ne aus der Eu­ro­zo­ne.

Vor al­lem die Rei­chen ha­ben über stei­gen­de Bör­sen­kur­se von der Po­li­tik der No­ten­ban­ken pro­fi­tiert. No­ten­ban­ker – ich in­klu­si­ve – ha­ben erst spät rea­li­siert, dass es nö­tig war, die Ver­tei­lungs­ef­fek­te der ei­ge­nen Po­li­tik zu be­grün­den. No­ten­ban­ker ma­chen kei­ne Um­ver­tei­lungs­po­li­tik. Des­halb den­ken sie nie dar­an, die ent­spre­chen­den Ef­fek­te ih­rer Po­li­tik zu er­klä­ren. Aber in Grossbritannien ha­ben wir das im Jahr 2012 ge­tan. Das Par­la­ment hat auch et­was Druck auf uns aus­ge­übt. Ich weiss nicht, wie das in der Schweiz ist. Aber ich den­ke, die Zen­tral­ban­ken wa­ren zu lang­sam.

Agie­ren die No­ten­ban­ken jetzt bes­ser als frü­her? Die EZB zum Bei­spiel hat im­mer wie­der zu er­klä­ren ver­sucht, war­um die Zu­nah­me der Un­gleich­heit über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum nicht durch die Geld­po­li­tik ver­ur­sacht wor­den ist. Das Pro­blem war, dass das sehr ver- tei­di­gend ge­wirkt hat. Das ist kei­ne gu­te Art, um mit den Leu­ten auf der Strasse zu kom­mu­ni­zie­ren.

Was hät­te denn kom­mu­ni­ziert werden sol­len? Die Po­li­tik der tie­fen Zin­sen und der An­lei­hen­käu­fe hat tat­säch­lich den Leu­ten ge­hol­fen – auch den är­me­ren –, ih­ren Job zu be­hal­ten. Aber sie hat auch je­nen Rei­chen ge­nützt, die Ka­pi­tal­an­la­gen be­sit­zen. Den Spa­rern und da­mit ei­nem Teil der Mit­tel­klas­se ha­ben die tie­fen Zin­sen ge­scha­det. Doch oh­ne die­se Po­li­tik wä­re die Wirt­schaft sehr viel schwä­cher ge­we­sen, und viel mehr Leu­te wä­ren ar­beits­los ge­wor­den. Wahr­schein­lich ganz be­son­ders je­ne mit schlech­ter be­zahl­ten Jobs. In die­sem Sinn gab es kei­ne gros­sen Wahl­mög­lich­kei­ten. Wie ge­sagt: Die No­ten­ban­ken wa­ren zu lang­sam da­rin, das al­les der Öf­fent­lich­keit zu er­klä­ren.

Ist die Un­ab­hän­gig­keit der No­ten­ban­ken heu­te stär­ker be­droht?

Ja, es gibt tat­säch­lich ei­ne gros­se De­bat­te zur Un­ab­hän­gig­keit. Zum ei­nen muss das Man­dat der No­ten­ban­ker eng ein­ge­schränkt sein. Denn die­se Leu­te wur­den nicht von der Be­völ­ke­rung ge­wählt. Sie müs­sen die Preis­sta­bi­li­tät und die Fi­nanz­sta­bi­li­tät auf­recht­er­hal­ten. Und sie sind qua­si der letz­te Kre­dit­ge­ber («len­der of last re­sort»), wenn an und für sich ge­sun­de Ban­ken in ei­ne Li­qui­di­täts­kri­se ge­ra­ten. So­wohl für die No­ten­ban­ker wie auch für die Po­li­ti­ker ist es wich­tig, zu be­grün­den, war­um die No­ten­bank un­ab­hän­gig sein muss. Sie müs­sen auch sa­gen, dass die No­ten­ban­ken nicht die Lö­sung für al­le Pro­ble­me des Lan­des sein kön­nen.

Was mei­nen Sie da­mit? Aus Sicht der No­ten­ban­ken be­steht die gröss­te lang­fris­ti­ge Be­dro­hung für die Un­ab­hän­gig­keit da­rin, dass die Leu­te mei­nen, sie könn­ten al­le Pro­ble­me ei­ner Volks­wirt­schaft lö­sen. Wenn die Po­li­ti­ker nichts mehr tun, ste­hen die No­ten­ban­ker im Zen­trum des In­ter­es­ses. Doch ih­re Mög­lich­kei­ten sind be­schränkt. Sie kön­nen kei­ne Pro­spe­ri­tät schaf­fen, sie kön­nen die Un­gleich­heit nicht min­dern und den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt an­kur­beln. Des­halb wür­de ich es ger­ne se­hen, wenn die No­ten­ban­ken die­se Zu­sam­men­hän­ge viel mehr be­to­nen wür­den. Die Macht von Tech­no­kra­ten wur­de schon als Grund für den wach­sen­den Ein­fluss der Po­pu­lis­ten ge­se­hen – auch für die Wahl von Do­nald Trump. Das den­ke ich auch, selbst wenn ich es nicht be­wei­sen kann. Mein Buch ist ei­ne In­ter­ven­ti­on in der De­bat­te Tech­no­kra­ten ver­sus Po­pu­lis­ten. Die meis­ten Bü­cher wur­den über den Po­pu­lis­mus und die dar­aus fol­gen­den Pro­ble­me ge­schrie­ben und zur Fra­ge, ob De­mo­kra­ti­en da­bei un­ter­ge­hen. Es gibt aber sehr we­ni­ge Bü­cher, die un­ter­su­chen, ob auch Tech­no­kra­ten ein Pro­blem sein kön­nen. Wenn ich mein Buch prä­sen­tie­re, fragt man mich im­mer wie­der er­staunt: «Wo ist denn das Pro­blem mit den Tech­no­kra­ten? Die wis­sen ja, was sie tun. Auf die ge­wähl­ten Po­li­ti­ker kön­nen wir uns hin­ge­gen nicht ver­las­sen.»

«Die No­ten­ban­ken wa­ren zu lang­sam da­rin, ihr Tun der Öf­fent­lich­keit zu er­klä­ren.»

Die sind selbst Tech­no­kra­ten. Ich sa­ge dann: «Passt auf.» Wir le­ben in De­mo­kra­ti­en. Wenn wir den Tech­no­kra­ten zu viel Macht ab­ge­ben, wird es zwar nicht zu ei­ner Re­vo­lu­ti­on ge­gen die Tech­no­kra­ten kom­men. Aber über die Jah­re hin­weg schwin­det die Le­gi­ti­mi­tät der Re­gie­rung. Bür­ger sind es ge­wohnt, Leu­te zu wäh­len, die die gros­sen Ent­schei­de fäl­len. Dann stel­len sie fest, dass vie­le die­ser Ent­schei­de von Tech­no­kra­ten ge­fällt werden.

Das gilt nicht nur für die No­ten­ban­ker. Nein, es geht bei­spiels­wei­se auch um die Rich­ter. Die De­bat­te um ei­nen neu­en Rich­ter für das Obers­te Ge­richt der USA ist des­halb so auf­ge­heizt, weil die­se Rich­ter das Land in ge­wis­ser Wei­se fast mit­re­gie­ren. Es ist auch ein Grund, wes­halb vie­le Bri­ten für den Br­ex­it wa­ren. Sie stö­ren sich an der Idee, dass die letz­ten Ent­schei­de durch un­ge­wähl­te Rich­ter am Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof ge­fällt werden statt durch ein ge­wähl­tes Par­la­ment.

Was spricht da noch für die Un­ab­hän­gig­keit der Tech­no­kra­ten? Sie ist wich­tig, weil die Tech­no­kra­ten sich nicht ei­ner Wie­der­wahl stel­len müs­sen. Es ist für sie ein­fa­cher, ein ver­spro­che­nes Ziel – wie die Preis­sta­bi­li­tät – auch über Wahl­zy­klen hin­aus ein­zu­hal­ten. Des­halb ist es sinn­voll, un­ab­hän­gi­ge No­ten­ban­ken zu ha­ben. Das Glei­che gilt für un­ab­hän­gi­ge Rich­ter. Wir wol­len das, da­mit die Ur­tei­le fair ge­fällt werden, fair über die Zeit und über ver­schie­de­ne Fäl­le hin­aus.

Wie soll die Rol­len­tei­lung zwi­schen Tech­no­kra­ten und Po­li­ti­kern aus­se­hen? Po­li­ti­ker müs­sen das Ziel vor­ge­ben. Die Tech­no­kra­ten müs­sen dann da­mit be­auf­tragt werden, die­ses Ver­spre­chen der Po­li­ti­ker zu er­fül­len. Doch es sind dann wie­der die Po­li­ti­ker, die die Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen. Es macht mir der­zeit am meis­ten Sor­gen, dass Po­li­ti­ker sich be­reits an ei­ne Welt ge­wöhnt ha­ben, in der die Rich­ter, die No­ten­ban­ker, die Re­gu­la­to­ren oder die Wett­be­werbs­be­hör­den im Zen­trum der Po­li­tik ste­hen.

Fo­to: Fa­bi­en­ne And­reo­li

Paul Tu­cker warnt da­vor, von den No­ten­ban­ken die Lö­sung al­ler Pro­ble­me zu er­war­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.