Vom Ab­trün­ni­gen zum Kopf der Un­ab­hän­gig­keit

Der von der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che ex­kom­mu­ni­zier­te ukrai­ni­sche Pa­tri­arch wur­de re­ha­bi­li­tiert.

Tages Anzeiger - - Debatte - Han­nes We­ber

Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Pe­tro Po­ro­schen­ko spricht von ei­nem «Sieg von Gut über Bö­se, von Licht über Schat­ten», die Mos­kau­er Kir­che von ei­ner «ka­ta­stro­pha­len Ent­schei­dung»: Am Don­ners­tag hat das Ober­haupt al­ler or­tho­do­xen Kir­chen, Pa­tri­arch Bar­tho­lo­mai­os I. von Kon­stan­ti­no­pel, der ukrai­nisch-or­tho­do­xen Kir­che die Un­ab­hän­gig­keit von der rus­si­schen Mut­ter­kir­che ge­währt. Da­mit en­det ei­ne über 300-jäh­ri­ge Un­ter­ord­nung.

Die Ge­schich­te der For­de­rung ei­ner au­to­ke­pha­len, al­so ei­gen­stän­di­gen ukrai­ni­schen Kir­che ist eng ver­knüpft mit dem im Don­bass ge­bo­re­nen Geist­li­chen Phil­aret De­nys­sen­ko. Und sie be­ginnt mit ei­ner Nie­der­la­ge. Als 1990 der da­ma­li­ge Pa­tri­arch der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che starb, wur­de Phil­aret in­te­ri­mis­tisch Ober­haupt der Kir­che. Und woll­te das blei­ben. Doch er wur­de statt­des­sen Me­tro­po­lit von Kiew und der Ukrai­ne. Phil­aret brach bald dar­auf mit dem Pa­tri­ar­chen in Mos­kau und grün­de­te ei­ne un­ab­hän­gi­ge ukrai­nisch-or­tho­do­xe Kir­che. Ein Teil der Ge­mein­den folg­te ihm. Die­se Ab­spal­tung führ­te zur Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on Phil­arets aus der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che. Auch von Kon­stan­ti­no­pel wur­de sein Pa­tri­ar­chat wäh­rend über 20 Jah­ren nicht an­er­kannt.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren dreh­te der Wind, was schliess­lich zur spä­ten Re­ha­bi­li­tie­rung des mitt­ler­wei­le 89-Jäh­ri­gen Phil­aret führ­te. Ei­ne Rol­le spiel­te der Macht­an­spruch der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che, der seit dem Un­ter­gang der So­wjet­uni­on stär­ker wur­de. Mos­kau hat sich mit der Un­ter­ord­nung un­ter das Pa­tri­ar­chat in Kon­stan­ti­no­pel zu­neh­mend schwer­ge­tan. Ein oft zi­tier­tes Bei­spiel der Span­nun­gen ist die kurz­fris­ti­ge Absage der Teil­nah­me am gros­sen Kon­zil der or­tho­do­xen Kir­chen auf Kre­ta vor zwei Jah­ren. Das dürf­te bei Bar­tho­lo­mai­os’ Ent­scheid ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben.

Und in der Ukrai­ne wur­de die For­de­rung nach ei­ner un­ab­hän­gi­gen Kir­che im­mer stär­ker. Seit der Krim­kri­se wird Russ­land als Ag­gres­sor wahr­ge­nom­men. Das über­trägt sich auch auf das An­se­hen der rus­sisch-or­tho­do­xen Kir­che, die ein sehr en­ges Ver­hält­nis zum Kreml pflegt. Phil­aret hat die Stim­mung im Land ge­nutzt und sich mit po­li­ti­schen Äus­se­run­gen nicht zu­rück­ge­hal­ten. Er un­ter­stütz­te die pro­eu­ro­päi­sche Be­we­gung Eu­ro­mai­dan. Und er ver­ur­teil­te wie­der­holt die rus­si­sche Anne­xi­on der Krim und die Be­set­zung der Ost­ukrai­ne. Phil­arets wich­tigs­ter Ver­bün­de­ter im Kampf für Ei­gen­stän­dig­keit ist Prä­si­dent Po­ro­schen­ko. Im April hat er ei­nen Ap­pell für die An­er­ken­nung und Un­ab­hän­gig­keit der ukrai­ni­schen Or­tho­do­xen an den Pa­tri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel un­ter­zeich­net. Das Par­la­ment ist ihm ge­folgt. Die jetzt ge­währ­te Ei­gen­stän­dig­keit ist dar­um auch für Po­ro­schen­ko ein Sieg – im Wahl­kampf vor den Prä­si­den­ten­wah­len im kom­men­den März wird er ihn für sich ver­bu­chen.

Doch auch Phil­aret steht vor ei­ner Be­wäh­rungs­pro­be. Noch ist un­klar, wie die Or­tho­do­xen im Land zu­sam­men­ge­führt werden sol­len. Und die rus­sisch-or­tho­do­xe Kir­che ver­liert mit den Ge­mein­den in der Ukrai­ne nicht nur Ein­fluss, son­dern auch Ein­nah­men und Kir­chen. Rus­si­sche Staats­me­di­en ha­ben blu­ti­ge Kämp­fe um die­se vor­her­ge­sagt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.