Ge­schlecht spielt ei­ne Rol­le

Tages Anzeiger - - Debatte - Nils Pickert Ko­lum­nist und frei­er Jour­na­list

Als ich vor 14 Jah­ren in ei­ner gy­nä­ko­lo­gi­schen Pra­xis er­fuhr, dass mein ers­tes Kind ein Mäd­chen wird, bin ich an­schlies­send vor Freu­de über die ver­reg­ne­ten Stras­sen ge­tanzt. Ich woll­te ent­we­der zwei oder vier Kin­der, und das Gan­ze soll­te mög­lichst mit ei­nem Mäd­chen be­gin­nen.

Ein Jun­ge wä­re al­ler­dings auch okay ge­we­sen. Bis Mit­te 20 war ich in ei­ner Welt auf­ge­wach­sen, in der sich Jun­gen und Män­ner häu­fig deut­lich mehr her­aus­neh­men konn­ten als Mäd­chen und Frau­en, und ich hat­te die Idee, dass sich das über den Al­ters­un­ter­schied et­was aus­glei­chen wür­de. Ich soll­te recht be­hal­ten.

Und ich soll­te mich sehr ir­ren. Denn ei­ner­seits ist es in gera­de­zu er­schre­cken­der Wei­se bis in die De­tails so, wie ich es mir aus­ge­malt ha­be: Mei­ne äl­tes­te Toch­ter kas­siert von der Ge­sell­schaft für ihr blos­ses Vor­han­den­sein miss­bil­li­gen­des Kopf­schüt­teln, wäh­rend ihr jün­ge­rer Bru­der für sei­ne ge­le­gent­li­che Gross­mäu­lig­keit so­gar ge­fei­ert wird. Hot­pants-ver­bot hier, Bei­fall für Rum­ge­po­se da. Dass mei­ne Gros­se die Äl­te­re ist, fängt die­se Dis­kre­panz tat­säch­lich et­was auf.

An­de­rer­seits ist mein Sohn der gut­mü­tigs­te, mit­füh­lends­te Mensch, den ich ken­ne. Er hat ei­ne Schwä­che für Aus­sen­sei­ter und er­trägt es nicht, wenn an­de­re lei­den. Zugleich muss er da­mit klar­kom­men, dass die­se Ei­gen­schaf­ten als un­männ­lich und schwach ge­brand­markt werden und dass es ihm schwer bis un­mög­lich ge­macht wird, Männ­lich­keits­kon­zep­te zu le­ben, die kei­nen Ste­reo­ty­pen ent­spre­chen. Mei­ne Toch­ter hin­ge­gen ist ei­ne lie­be­vol­le, un­er­schro­cke­ne Kämp­fe­rin, die sich nicht un­ter­krie­gen lässt und im­mer wie­der auf­steht. Bei­de tei­len den glei­chen Sinn für Ge­rech­tig­keit.

Ge­schlecht spielt al­so ge­nau die Rol­le, die ich mir ge­dacht hat­te, und zu- gleich ei­ne ganz an­de­re. Des­we­gen bin ich über­glück­lich, dass ich zwei Jun­gen ein­ge­rahmt von zwei Mäd­chen ha­be, und des­halb ist es mir in­zwi­schen zugleich egal. Ein Zu­stand al­so, bei dem die ei­ge­nen Ge­schlech­ter­vor­lie­ben in Be­zug auf sei­ne Kin­der in den Hin­ter­grund rü­cken. Al­les lief nach Plan und ist ei­ne Über­ra­schung.

Über­rascht bin ich da­her auch, wie sehr man sich über das The­ma Ge­schlech­ter­vor­lie­be strei­ten kann. So hat zu­letzt die deut­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Mit­hu Sany­al mit ih­rem Text über ih­re an­fäng­li­che kur­ze Ent­täu­schung, ei­nen Jun­gen zu be­kom­men, und die tie­fe Lie­be, die sie für ihn auch und gera­de weil er ein Jun­ge ist, emp­fin­det, an­schei­nend in ein Wes­pen­nest ge­sto­chen. Schliess­lich ist sie auch noch Fe­mi­nis­tin – und da sieht man es ja mal wie­der: al­les Män­ner­has­se­rin­nen, die das männ­li­che Ge­schlecht von Grund auf ab­leh­nen und ver­teu­feln. Das steht zwar nicht in dem Text, lässt sich aber su­per ein­fach so raus­hau­en. Die ei­ge­nen (Vor-)ur­tei­le be­stä­ti­gen, in­dem an­de­ren un­ter­ge­ju­belt wird, was man zu­vor schon ver­mu­tet hat.

Es geht um die Er­kennt­nis, dass mein Tanz in den Stras­sen nicht dem Ge­schlecht mei­nes Kin­des galt, son­dern mei­nem Kind. Und es geht um die Sor­ge, dass die Ge­sell­schaft das ei­ne oder an­de­re Ge­schlecht leich­ter da­zu an­hal­ten kann, sich schwach zu ge­ben, stän­dig auf­trump­fen zu müs­sen, ein Duck­mäu­ser oder ein Ar­sch­loch zu sein. Mei­ne Söh­ne woll­te ich nie we­ni­ger als mei­ne Töch­ter. Aber bei den Ide­en von mei­nen Kin­dern hat­te ich Prä­fe­ren­zen. Je nach­dem, wie sehr ich da­von aus­ge­gan­gen bin, dass man ver­su­chen wird, mir auf die ei­ne oder an­de­re Wei­se mei­ne wun­der­schö­nen Ide­en gründ­lich zu ver­mie­sen.

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