Er­schos­sen vom Ex-vi­ze­prä­si­den­ten der USA

Tages Anzeiger - - Debatte - Rolf Hür­zeler Ang­list und Jour­na­list

Re­pu­bli­ka­ner und De­mo­kra­ten be­kämp­fen sich in den USA vor der an­ste­hen­den Par­la­ments­wahl un­er­bitt­lich. Den­noch war frü­her al­les viel schlim­mer – näm­lich töd­lich. Das be­legt die Ge­schich­te des Po­li­ti­kers Alex­an­der Ha­mil­ton, des ers­ten Us-fi­nanz­mi­nis­ters nach der Un­ab­hän­gig­keit von Grossbritannien.

Ha­mil­ton ver­schied am 12. Ju­li 1804 um 14 Uhr im New Yor­ker Stadt­teil Gre­en­wich Vil­la­ge nach ei­nem Du­ell mit sei­nem Kon­tra­hen­ten Aa­ron Burr. Ha­mil­ton wur­de 47 oder 49 Jah­re alt. So ge­nau wuss­te das nie­mand.

Jetzt er­lebt Ha­mil­ton ein Re­vi­val, nach­dem der His­to­ri­ker Ron Cher­now ei­ne le­sens­wer­te Bio­gra­fie über den Mann ge­schrie­ben hat. Dar­auf ba­siert das Mu­si­cal «Ha­mil­ton», das seit Mo­na­ten am Broad­way in New York und im Lon­do­ner West End vor aus­ver­kauf­ten Rän­gen auf­ge­führt wird. Denn das Pu­bli­kum liebt po­li­ti­sche Hel­den, die kein Par­don ken­nen und für ih­re Über­zeu­gung ster­ben.

Burr und Ha­mil­ton trenn­ten un­ter­schied­li­che po­li­ti­sche Vor­stel­lun­gen über die Zu­kunft des Lan­des. Ha­mil­ton war ein Zen­tra­list, Burr setz­te auf die Ei­gen­stän­dig­keit der Glied­staa­ten, wo­bei er bei Be­darf die Sei­te wech­sel­te. Das war ei­ner­lei für Ha­mil­ton: Wie häu­fig in sol­chen Fäl­len war die per­sön­li­che Feind­schaft wich­ti­ger als die po­li­ti­schen Dis­kre­pan­zen. Laut Burr soll Ha­mil­ton bei ei­nem Abend­es­sen in er­lauch­tem Kreis von sei­ner «Ver­ach­tung für Burr» ge­spro­chen ha­ben. Burr for­der­te ei­ne «Klar­stel­lung» von Ha­mil­ton. Die­ser dach­te nicht dar­an – und wur­de zum Du­ell her­aus­ge­for­dert. Da­bei ging es nur vor­der­grün­dig um die Eh­re. Burr war der Über­zeu­gung, Ha­mil­ton ha­be ihm mit ei­ner Ruf­mord­kam­pa­gne die Wahl zum Gou­ver­neur des Bun­des­staa­tes New York ver­mas­selt.

Am frü­hen Mor­gen des 11. Ju­li 1804 ru­der­ten die bei­den Par­tei­en über den Hud­son nach New Jer­sey, wo sie sich aus­ser­halb des Fle­ckens Wee­haw­ken zum Pis­tolen­du­ell tra­fen. Des­sen ge­nau­er Ablauf ist bis heu­te un­klar: Je nach Quel­le hat­te Ha­mil­ton den ers­ten Schuss ab­ge­ge­ben, oder die bei­den ha­ben gleich­zei­tig auf­ein­an­der schos­sen. Si­cher ist, dass Ha­mil­ton sei­nen Geg­ner nicht traf – ab­sicht­lich oder nicht. Burr da­ge­gen ver­letz­te sei­nen Feind mit ei­nem Bauch­schuss töd­lich.

Ha­mil­tons Ge­treue brach­ten den Ster­ben­den zu­rück nach Gre­en­wich Vil­la­ge, wo er am kom­men­den Tag ver­schied, nach­dem er von sei­ner Fa­mi­lie Ab­schied ge­nom­men hat­te. Da­bei konn­te er bei die­ser letz­ten Ge­le­gen­heit auf sei­ne zent­ner­schwe­ren Schul­den ver­wei­sen, die er sei­nen Liebs­ten als Er­be zu­rück­liess.

Du­el­le wa­ren in je­ner Zeit in New York und New Jer­sey ver­bo­ten. Burr wur­de in bei­den Bun­des­staa­ten des Mor­des an­ge­klagt. Er ver­zog sich nach Wa­shing­ton; die Jus­tiz­be­hör­den lies­sen es da­bei be­wen­den; er war im­mer­hin ein ehe­ma­li­ger Vi­ze­prä­si­dent der USA.

Alex­an­der Ha­mil­tons Re­vi­val mag auch auf sei­ne ame­ri­ka­ni­sche Kli­schee-kar­rie­re zu­rück­zu­füh­ren sein: Er kam als un­ehe­li­ches Kind auf der Ka­ri­bik­in­sel Ne­vis zur Welt und be­such­te dank ge­schick­ten Net­wor­kings in New York die Co­lum­bia Uni­ver­si­ty, wo ihn der Un­ab­hän­gig­keits­kampf der Ame­ri­ka­ner ge­gen die Bri­ten po­li­ti­sier­te. Ha­mil­ton schloss sich dem po­li­ti­schen Kreis rund um Ge­or­ge Wa­shing­ton an und ge­stal­te­te als ers­ter Fi­nanz­mi­nis­ter das Geld­we­sen des jun­gen Staa­tes mit. Heu­te gilt er als ei­ner der Weg­be­rei­ter der markt­wirt­schaft­li­chen Ord­nung in den USA.

Die Ha­mil­tons wa­ren ei­ne heiss­köp­fi­ge Fa­mi­lie. Zwei Jah­re be­vor Alex­an­der sein Le­ben ver­lo­ren hat­te, kam an der fast glei­chen Stel­le sein Sohn Phi­lip bei ei­nem Schuss­wech­sel um. Der al­te Ha­mil­ton hat­te of­fen­bar ei­ne ma­gi­sche Sehn­sucht nach Du­el­len. Vor der ent­schei­den­den Aus­ein­an­der­set­zung mit Burr wur­de er fast ein Dut­zend Mal her­aus­ge­for­dert. Doch man konn­te sich stets ei­ni­gen, be­vor es zu spät war – aus­ser eben in Wee­haw­ken am Hud­son.

Bild­mon­ta­ge: Kat­ha­ri­na Braithwai­te

200 Jah­re nach sei­nem Tod auf der 10-Dol­lar-no­te ge­lan­det: Alex­an­der Ha­mil­ton.

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