«Be­ru­hig dich!» – so strei­ten sich Lot­sen und Pi­lo­ten

Wie an­ge­spannt ist das Ver­hält­nis zwi­schen Pi­lo­ten und Lot­sen? «Gar nicht», sa­gen bei­de. Doch im­mer wie­der lie­gen die Ner­ven blank.

Tages Anzeiger - - Zürich - Ra­fae­la Roth

«Es isch ei­fach wie­der mal zum Chot­ze da z Zü­ri!» – der Aus­ras­ter des Pi­lo­ten ei­nes Swiss-flugs am ver­gan­ge­nen Sonn­tag zieht Krei­se. Der Pi­lot hat sei­nem Är­ger über die wie­der­hol­te Ver­schie­bung sei­nes Ab­flugs am Flug­ha­fen Zü­rich per Funk Luft ver­schafft. Die Fre­quenz kann von je­der­mann im In­ter­net mit­ge­hört werden, wor­auf der hit­zi­ge Aus­tausch mit dem To­wer sei­nen Weg in die Me­di­en fand. Die Swiss spricht von ei­nem Ein­zel­fall und hat an­ge­kün­digt, mit dem Pi­lo­ten das Ge­spräch zu su­chen. Die Air­line be­tont, dass die Zu­sam­men­ar­beit mit den Flug­si­che­rungs­be­hör­den nor­ma­ler­wei­se sehr gut sei. Ton­auf­nah­men auf Youtube, die vor al­lem aus Ame­ri­ka stam­men, zei­gen al­ler­dings, dass sich Pi­lo­ten und Lot­sen nicht sel­ten in die Haa­re krie­gen. In ei­nem Vi­deo von 2016 er­kun­digt sich et­wa ein Pi­lot im An­flug beim Lot­sen am John-way­ne-flug­ha­fen in Los An­ge­les über die Flug­hö­he. «Ich ha­be kei­ne Zeit, Ih­nen das Händ­chen zu hal­ten», ant­wor­tet ihm der Flug­lot­se.

In ei­ner an­de­ren Se­quenz be­fin­det sich ein Pi­lot im An­flug auf At­lan­ta. Es gibt ein Miss­ver­ständ­nis über die vor­ge­se­he­ne Lan­de­bahn. «Ich mag Ih­re At­ti­tü­de nicht», herrscht der Pi­lot den Lot­sen per Funk an. «Da war kei­ne At­ti­tü­de, ich ver­such­te nur, Sie zu kor­ri­gie­ren. Das ist mein Job», ant­wor­te­te ihm der Flug­lot­se. «Wir sind auf der fal­schen Lan­de­bahn, weil Sie uns nicht ge­sagt ha­ben, wie wir da­hin kom­men sol­len», sagt der Pi­lot. «Ver­su­chen Sie doch das nächs­te Mal, das zu tun.» Dann schal­tet sich ein wei­te­rer Pi­lot ein: «Be­ru­hig dich, Cap­tain Hap­py.»

Pi­lo­ten un­ter gros­sem Stress

Ist der Um­gangs­ton zwi­schen Pi­lo­ten und Lot­sen per se sehr rup­pig? «Nein», sagt To­bi­as Matt­le, Pres­se­spre­cher des Schwei­zer Pi­lo­ten­ver­ban­des Aer­o­pers. «Die Re­ak­ti­on des Swiss-pi­lo­ten zeigt aber den Stress, dem die Pi­lo­ten aus­ge­setzt sind.» Die Re­ak­ti­on sei mensch­lich nach­voll­zieh­bar, Funk aber der fal­sche Ort da­für.

Die Pi­lo­ten und die Ka­bi­nen­crew wür­den die Un­zu­frie­den­heit der Pas­sa­gie­re über Ver­spä­tun­gen am di­rek­tes­ten zu spü­ren be­kom­men, er­klärt Matt­le. «Es ist nicht an­ge­nehm, den gan­zen Tag da­mit zu­zu­brin­gen, Ver­spä­tun­gen auf­zu­ho­len.» Der Fei­er­abend ver­schie­be sich na­tür­lich eben­falls nach hin­ten. Ei­ne Pi­lo­ten­schicht kann bis zu 13 St­un­den dau­ern.

Auch die Flug­si­che­rungs­fir­ma Sky­gui­de spricht von ei­nem Ein­zel­fall: «Die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Cock­pit und Flug­lot­sen ist grund­sätz­lich sehr gut», sagt Spre­cher Vla­di Bar­ro­sa. «Es han- delt sich um ei­nen Ein­zel­fall, bei dem sich un­se­re Lot­sin pro­fes­sio­nell ver­hal­ten und Ru­he be­wahrt hat.» Tat­säch­lich kom­me der Flug­ha­fen Zü­rich in Spit­zen­zei­ten an sei­ne Ka­pa­zi­täts­gren­ze. Al­le Flug­ha­fen­part­ner müss­ten des­halb sehr eng zu­sam­men­ar­bei­ten, um trotz der gel­ten­den Rah­men­be­din­gun­gen das best­mög­li­che Sys­tem zu be­trei­ben.

An­fäl­lig für Ver­spä­tun­gen

Dem pflich­tet auch der Pi­lo­ten­ver­band bei. Der Flug­ha­fen Zü­rich sei spe­zi­ell an­fäl­lig für Ver­spä­tun­gen, ähn­lich wie der Flug­ha­fen Frank­furt, er­klärt To­bi­as Matt­le. «Die Be­din­gun­gen in Zü­rich sind sehr re­strik­tiv.» Lärm- schutz­mass­nah­men schrän­ken den Be­trieb ein, fäl­li­ge Pis­ten­ver­län­ge­run­gen wür­den durch Re­kur­se blo­ckiert. «Den Pi­lo­ten wä­re ge­hol­fen, wenn der Flug­ha­fen die Ka­pa­zi­tät aus­bau­en und so Ver­spä­tun­gen re­du­zie­ren könn­te», sagt Matt­le. Er sieht die Po­li­tik in der Pflicht: «Die Mass­nah­men im Sach­plan In­fra­struk­tur Luft­fahrt müs­sen an­ge­passt und schnell um­ge­setzt werden.»

Die­sen Som­mer ha­ben oft auch Ge­wit­ter Ver­spä­tun­gen ver­ur­sacht. Dem Swiss-pi­lo­ten droht ein Ge­spräch mit dem Vor­ge­setz­ten, ei­ne Kün­di­gung muss er laut Aer­o­pers aber nicht be­fürch­ten.

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