Ein Mü­cken­vi­rus lässt die Am­seln ster­ben

Was sich in Deutsch­land schon län­ger aus­brei­te­te, ist jetzt in der Schweiz an­ge­kom­men: das aus Afri­ka stam­men­de Usu­tu-vi­rus.

Tages Anzeiger - - Zürich - He­le­ne Ar­net

Die to­te Am­sel, die mit­ten auf dem Spa­zier­weg liegt, ist strup­pig, auf dem Kopf sind die Fe­dern zer­zaust. Das sieht nicht nach fried­li­chem Ster­ben we­gen Al­ters­schwä­che aus. In der Re­gi­on Zü­rich sind in den letz­ten Wo­chen ei­ni­gen Spa­zier­gän­gern to­te Am­seln auf­ge­fal­len.

Man­che ha­ben auch den Ein­druck, es ge­be in den Pär­ken oder In­nen­hö­fen we­ni­ger Am­seln als sonst. Tat­säch­lich sind beim Schwei­zer Vo­gel­schutz Bird-li­fe wie auch bei der Vo­gel­war­te Sem­pach in letz­ter Zeit ver­mehrt An­ru­fe we­gen to­ter Am­seln ein­ge­gan­gen.

Am­seln ster­ben ge­häuft in Deutsch­land

In Nord­deutsch­land und ei­ni­gen an­de­ren Re­gio­nen Deutsch­lands ma­chen der­zeit Me­dien­be­rich­te die Run­de, die von ei­nem re­gel­rech­ten Am­sels­ter­ben be­rich­ten. Un­ter­su­chun­gen ha­ben er­ge­ben, dass die to­ten Vö­gel vom Usu­tuVi­rus be­fal­len ge­we­sen sind. Die­ses wird von ei­ner Stech­mü­cke über­tra­gen und ist 1959 erst­mals in Süd­afri­ka iden­ti­fi­ziert wor­den.

Ist die­ses Usu­tu-vi­rus nun in der Schweiz an­ge­kom­men? «Man sieht ei­ner to­ten Am­sel nicht an, ob sie vom Usu­tu-vi­rus be­fal­len wur­de», sagt Li­vio Rey von der Vo­gel­war­te Sem­pach. «Da­zu braucht es ei­nen La­b­or­test.» Rey und Ste­fan Bach­mann von Bir­dLi­fe ver­mu­ten, dass es zu Usu­tuIn­fi­zie­run­gen in un­se­rer Re­gi­on ge­kom­men ist. Sie ver­wei­sen auf das Zen­trum für Fisch- und Wild­tier­me­di­zin (Fi­wi), das lan­des­weit für die Un­ter­su­chung sol­cher Er­eig­nis­se zu­stän­dig ist.

Vi­rus auch in der Schweiz nach­ge­wie­sen

Ma­rie-pier­re Ry­ser ist Lei­te­rin der Ab­tei­lung Wild­tie­re am Zen­trum für Fisch- und Wild­tier­me­di­zin der Uni­ver­si­tät Bern. Sie sagt: «Wir ha­ben die­ses Jahr rund fünf­zig Am­seln mit Ver­dacht auf Usu­tu-vi­rus ein­ge­schickt be­kom­men. Bei et­wa sieb­zig Pro­zent hat sich der Ver­dacht be­stä­tigt.» So vie­le Fäl­le ha­be es in der Schweiz bis­her noch nie ge­ge­ben. Doch von ei­nem Mas­senster­ben, wie es sich in man­chen Ge­gen­den von Deutsch­land er­eig­ne­te, kön­ne man nicht re­den.

So be­rich­tet der Na­tur­schutz­bund Deutsch­land (Na­bu) im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Mel­de­auf­ruf, dass sich die­ses Jahr das Vi­rus wei­ter nach Nor­den ver­brei­tet ha­be. Bis En­de Au­gust re­gis­trier­te Na­bu ins­ge­samt 8880 Mel­dun­gen mit über 18 000 ver­en­de­ten Vö­geln.

Kli­ma­wan­del be­güns­tigt Krank­hei­ten

Be­mer­kens­wert ist, dass die Mü­cken of­fen­bar noch ak­tiv sind. Bis in die­se Herbst­ta­ge kom­men im­mer wie­der neue Ver­dachts­fäl­le da­zu. Mög­li­cher­wei­se ha­be das mit dem mil­den Wet­ter zu tun, mut­masst Ry­ser. «Grund­sätz­lich müs­sen wir da­von aus­ge­hen, dass es auf­grund der Kli­ma­er­wär­mung künf­tig häu­fi­ger zu sol­chen Krank­hei­ten kommt.»

Be­son­ders vie­le Mel­dun­gen ka­men laut Na­bu aus Nie­der­sach­sen. Auch die an­de­ren nörd­li­chen Bun­des­län­der sei­en stark be­trof­fen. Spe­zi­ell vie­le Vö­gel er­kran­ken in den Re­gio­nen, in de­nen das Vi­rus erst­mals auf­tritt, weil sie dort noch kei­ne Im­mu­ni­tät da­ge­gen auf­bau­en konn­ten.

700 die­ser Vö­gel wur­den zur Un­ter­su­chung an das Bern­hard- Nocht-in­sti­tut für Tro­pen­me­di­zin in Ham­burg ge­schickt. Von 250 un­ter­such­ten Tie­ren wur­den 131 po­si­tiv auf das Vi­rus ge­tes­tet.

Am­seln sind be­son­ders an­fäl­lig für das Usu­tu-vi­rus, das ei­ne Form von Hirn­haut­ent­zün­dung aus­löst. In­fi­zier­te Vö­gel wir­ken apa­thisch, tau­meln, flüch­ten nicht mehr und ster­ben meist in­nert we­ni­ger Ta­ge. Auch an­de­re Wild­vö­gel, vor­ab Eu­len, kön­nen dar­an ster­ben. Un­ter den in Ham­burg po­si­tiv ge­tes­te ten Vö­geln fan­den sich auch elf an­de­re Ar­ten wie Sing­dros­seln, Mei­sen oder Fin­ken.

Für Men­schen in der Re­gel un­ge­fähr­lich

Ge­gen das Vi­rus ist kein Kraut ge­wach­sen, es gibt we­der Be­hand­lung noch Imp­fung. Doch be­fal­len werden nur Vö­gel, die von ei­ner in­fi­zier­ten Mü­cke ge­sto­chen wur­den. Sie ste­cken sich al­so nicht un­ter­ein­an­der an, und es ist auch kein Pro­blem, wenn Men­schen oder et­wa Kat­zen mit ei­nem kran­ken Vo­gel in Be­rüh­rung kom­men.

Werden Men­schen von ei­ner Mü­cke, die Trä­ge­rin des Usu­tuVi­rus ist, ge­sto­chen, ist es nach heu­ti­gem Stand der Wis­sen­schaft weit­ge­hend un­ge­fähr­lich. Laut ei­nem vor ei­nem Jahr im «Deut­schen Ärz­te­blatt» ver­öf­fent­lich­ten Be­richt ver­läuft bei Men­schen ei­ne In­fek­ti­on üb­li­cher­wei­se oh­ne Sym­pto­me.

Ge­le­gent­lich kön­nen Fie­ber und ein Haut­aus­schlag auf­tre­ten. Neu­ro­lo­gi­sche Sym­pto­me und schwe­re Krank­heits­ver­läu­fe sei­en je­doch ex­trem sel­ten – aber nicht aus­ge­schlos­sen.

Auch wenn das Usu­tu-vi­rus die­ses Jahr in der Schweiz so vie­le Am­seln wie noch nie da­hin­rafft, sagt Fach­mann Li­vio Rey von der Vo­gel­war­te: «Grund­sätz­lich geht es der Am­sel bei uns sehr gut.» Die Vo­gel­war­te er­fasst seit den 1990er-jah­ren den Brut­vo­gel­be­stand.

Auch Ste­fan Bach­mann von Bird-li­fe fürch­tet nicht um den lan­des­wei­ten Be­stand der Am­seln. Dass der­zeit nicht vie­le Am­seln zu se­hen sind, sei nor­mal. Zwar zie­hen Am­seln nicht weg, doch sei­en sie im Herbst heim­li­cher un­ter­wegs – nicht nur, weil sie kaum sin­gen. Die­ses Jahr sind sie be­son­ders un­sicht­bar. Bach­mann sagt: «Weil es so tro­cken ist, kön­nen die Vö­gel kaum Re­gen­wür­mer auf­spü­ren. Des­halb su­chen sie ih­re Nah­rung in Obst­gär­ten oder in He­cken und Wäl­dern, wo sie Bee­ren fin­den.»

Fo­to: Alex­an­der So­ro­ko­pud (Get­ty Images)

In­fi­zier­te Am­seln ster­ben meist in­nert we­ni­ger Ta­ge.

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