Bau­mers Ent­scheid ge­gen die Bäu­me

Die Stadt Zü­rich treibt die Fäl­lung von 2100 Bäu­men vor­an – un­ge­ach­tet ei­ner hän­gi­gen Auf­sichts­be­schwer­de. Den Be­schluss ge­fällt hat Micha­el Baumer. Das trägt dem Fdp-stadt­rat Kri­tik ein.

Tages Anzeiger - - Zürich - Ste­fan Hä­ne

Micha­el Baumer, der Zürcher Vor­ste­her der In­dus­tri­el­len Be­trie­be, ist seit sei­ner Wahl in die Stadt­re­gie­rung im März öf­fent­lich nicht gross in Er­schei­nung ge­tre­ten. Nun aber be­tritt der Fdp­ma­gis­trat die­se Büh­ne, nicht ganz frei­wil­lig – und noch da­zu mit ei­nem um­strit­te­nen Be­schluss. Die­sen fäll­te er am Mitt­woch: Der Holz­schlag am Uet­li­berg soll wei­ter­lau­fen, un­ge­ach­tet ei­ner Auf­sichts­be­schwer­de, die zur­zeit bei der Stadt­re­gie­rung hän­gig ist.

Der Ver­ein Pro Uet­li­berg hat am Mon­tag ein Ver­bot der ge­plan­ten Fäl­lung von rund 2100 Bäu­men so­wie als vor­sorg­li­che Mass­nah­me ei­ne Ein­stel­lung der Ar­bei­ten ge­for­dert, bis über de­ren Zu­läs­sig­keit ein rechts­kräf­ti­ges Ur­teil vor­liegt.

Dass Baumer und nicht der Ge­samt­stadt­rat ent­schie­den hat, ist der Ver­ket­tung äus­se­rer Um­stän­de ge­schul­det. Da we­gen der Herbst­fe­ri­en der­zeit we­ni­ger als fünf Mit­glie­der des Stadt­rats an­we­send sind, ist ein Prä­si­di­a­l­ent­scheid nö­tig ge­wor­den. Stadt­prä­ si­den­tin Co­ri­ne Mauch (SP) in­des ist of­fen­bar ver­reist, und so muss­te sich Baumer als ihr Stell­ver­tre­ter über das Dos­sier beu­gen. Sein Ver­dikt ist klar: Der Holz­schlag am Uet­li­berg sei sach­lich und fach­lich sorg­fäl­tig be­grün­det und vom Kan­ton be­wil­ligt. «Des­halb kann der auf­schie­ben­den Wir­kung kei­ne Fol­ge ge­leis­tet werden.»

Zeit­druck wird an­ge­zwei­felt

Für die­se Po­si­tio­nie­rung ern­tet Baumer nun Kri­tik. «Ei­ne Sis­tie­rung der Ar­bei­ten wä­re sinn­voll und an­ge­bracht ge­we­sen», sagt Grü­nen­prä­si­dent Fe­lix Mo­ser. Die Grü­nen ver­lan­gen wie Pro Uet­li­berg, dass Grün Stadt Zü­rich, die fe­der­füh­ren­de Dienst­ ab­tei­lung im De­par­te­ment von Stadt­rat Richard Wolff (AL), den Holz­schlag so­fort stoppt. Die Na­tur­schüt­zer hal­ten ein einst­wei­li­ges Ver­bot für zu­mut­bar, weil die Stadt nicht in der Pflicht ste­he, den Holz­schlag zeit­nah durch­zu­füh­ren. Oh­ne auf­schie­ben­de Wir­kung, so be­fürch­ten sie, wür­den die 2100 Bäu­me oder zu­min­dest ein gu­ter Teil da­von be­reits ge­fällt sein, bis ein rechts­kräf­ti­ger Ent­scheid über die Auf­sichts­be­schwer­de vor­lie­ge.

Ver­bün­de­te feh­len

So sehr die Grü­nen Alarm schla­gen: Po­li­ti­sche Ver­bün­de­te ha­ben sie nicht ein­mal im lin­ken La­ger. «Wie der Stadt­rat auf die Auf­sichts­be­schwer­de re­agiert, ist sei­ne Sa­che», sagt et­wa Sp­frak­ti­ons­chef Da­vy Graf. Fach­li­che Kri­tik an der Fäll­ak­ti­on äus­sert Graf nicht, er spricht ein­zig von ei­nem mög­li­chen «äs­the­ti­schen Pro­blem». Män­gel or­tet Graf je­doch bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ge­gen­über den In­ter­es­sen­grup­pen be­ste­he ei­ne «grös­se­re In­for­ma­ti­ons­lü­cke», die der Stadt­rat schlies­sen müs­se. Das ver­sucht nun zu­min­dest Grün Stadt Zü­rich: Am Mon­tag werden die Me­di­en vor Ort in­for­miert.

Wie weit die Po­si­tio­nen im lin­ken La­ger aus­ein­an­der­lie­gen, zei­gen die Vo­ten von Al­frak­ti­ons­chef Andre­as Kirstein: «Auch wenn sich Bäu­me gut für den Vor­wahl­kampf eig­nen, hal­te ich den Ak­ti­vis­mus der Grü­nen doch lang­sam für be­denk­lich.» Es hand­le sich im Rah­men der re­gu­lä­ren Be­wirt­schaf­tung ei­nes Schutz­wal­des um ei­ne wohl über­leg­te Ak­ti­on von Grün Stadt Zü­rich – und nicht um den Ham­ba­cher Forst.

Kirstein spielt auf die Kon­tro­ver­se um den rund 200 Hekt­aren gros­sen Wald im deut­schen Bun­des­land Nord­rhein­west­fa­len an. Der Ener­gie­kon­zern RWE will ihn zum Ent­set­zen von Um­welt­schüt­zern ro­den, um die dar­un­ter­lie­gen­de Kohle ab­zu­bau­en. Letz­te Wo­che je­doch ver­bot das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter, den Ham­ba­cher Forst wei­ter zu ro­den. Das Ur­teil schmerzt den Kon­zern fi­nan­zi­ell.

Ei­ne fi­nan­zi­el­le Di­men­si­on hat auch der Kon­flikt in Zü­rich. Die Ar­bei­ten kos­ten laut ei­nem Spre­cher von Richard Wolff ei­nen sechs­stel­li­gen Be­trag. Da­mit be­traut ist ei­ne Holz­un­ter­neh­mung aus dem St. Gal­li­schen. Ma­te­ri­al und Per­so­nal sind be­reits im Ein­satz. Ob die Fir­ma Scha­den­er­satz ver­lan­gen wür­de, soll­te sie den Holz­schlag un­ter­bre­chen müs­sen, ist un­klar. Sie ver­weist für In­for­ma­tio­nen auf Grün Stadt Zü­rich. Die Di­enst­ab­tei­lung hat mit der Fir­ma ei­nen Ver­trag ab­ge­schlos­sen, äus­sert sich aber nicht zum In­halt des Pa­piers.

Be­schluss nach den Fe­ri­en

In bür­ger­li­chen Krei­sen je­den­falls ist man nicht zu­letzt aus fi­nan­zi­el­len Über­le­gun­gen er­leich­tert über Bau­mers Ent­scheid. Fdp­prä­si­dent Se­ve­rin Pflü­ger be­grüsst die­se «Scho­nung der städ­ti­schen Fi­nan­zen». Das letz­te Wort in der de­li­ka­ten Cau­sa ist al­ler­dings noch nicht ge­spro­chen. Über das ge­for­der­te de­fi­ni­ti­ve Fäll­ver­bot wird der Stadt­rat nach den Herbst­fe­ri­en ent­schei­den. Auch hat Pro Uet­li­berg beim Be­zirks­rat vor­ges­tern ei­ne Be­schwer­de ein­ge­reicht. Das Ziel: Bau­mers Ent­scheid ge­gen ei­ne Un­ter­bre­chung des Holz­schlags rück­gän­gig ma­chen.

Fo­to: Urs Jau­das

Fdp-stadt­rat Micha­el Baumer ist für den Holz­schlag.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.