Po­li­ti­ker wol­len we­gen Strom­ge­büh­ren ein­grei­fen

Ener­gie­po­li­ti­ker der Bun­des­rats­par­tei­en wussten nicht, dass Kon­su­men­ten für Strom­net­ze man­cher­orts dop­pelt be­zah­len. Sie sind em­pört über die Ta­rif­pra­xis der Strom­ver­tei­ler – und wol­len han­deln.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - (val)

Im zür­che­ri­schen An­del­fin­gen zahlt ein Vier­per­so­nen­haus­halt 193 Fran­ken pro Jahr fürs Strom­netz, im ber­ni­schen Or­pund 518 Fran­ken. Bei­de Ge­mein­den lie­gen in länd­li­cher Ge­gend mit we­nig Haus­hal­ten pro Lei­tung, doch die Un­ter­schie­de sind rie­sig. War­um?

Die Strom­markt­auf­sicht El­com ist nicht be­reit, die Un­ter­schie­de im Ein­zel­fall zu er­klä­ren, sagt aber, dass ge- wis­se Strom­ver­tei­ler ihr Mo­no­pol aus­nütz­ten. Ein we­sent­li­cher Grund sei die Ei­gen­tü­mer­stra­te­gie: «Man­che ver­fol­gen ei­ne Pro­fit­ma­xi­mie­rung und se­hen das Netz als ei­ne Art Milch­kuh.»

Ener­gie­po­li­ti­ker al­ler Bun­des­rats­par­tei­en ge­ben sich er­staunt und wol­len ein­grei­fen. «Die ex­zes­si­ven Ge­win­ne aus dem Strom­netz­mo­no­pol müs­sen ge­stoppt wer­den», sagt Sp-frak­ti­ons­chef Ro­ger Nord­mann. «Die Po­li­tik soll­te sich der Be­wer­tungs­pra­xis der Strom­ver­tei­ler an­neh­men, um un­ge­recht­fer­tig­te Ge­win­ne und über­höh­te Netz­kos­ten für die All­ge­mein­heit zu ver­hin­dern», sagt Svp-na­tio­nal­rat Chris­ti­an Imark. Die­se Art des Wirt­schaf­tens sei lei­der le­gi­tim, meint Fdp-na­tio­nal­rat Chris­ti­an Was­ser­fal­len, sie müs­se aber ab­ge­stellt wer­den.

Die Kri­tik der Strom­markt­auf­sicht an die Adres­se ge­wis­ser Netz­be­trei­ber ist hap­pig. «Man­che Ei­gen­tü­mer ver­fol­gen ei­ne Pro­fit­ma­xi­mie­rung und se­hen das Netz als ei­ne Art Milch­kuh», so die Auf­sichts­be­hör­de El­com am Mon­tag in die­ser Zei­tung. Im Brenn­punkt ste­hen die ho­hen Netz­ge­büh­ren ge­wis­ser Strom­ver­tei­ler.

Die­se Ge­büh­ren soll­ten nach Ge­setz nur die Kos­ten de­cken. Doch of­fen­bar gibt es et­li­chen Spiel­raum in der Be­rech­nung, den ei­ni­ge Be­trei­ber aus­rei­zen. Sie ver­rech­nen äl­te­re, vom Strom­kon­su­men­ten be­reits be­zahl­te Tra­fos und Lei­tun­gen vom Kraft­werk bis zum Haus. Feh­len die Quit­tun­gen da­für, dür­fen sie den Wert künst­lich aus­rech­nen und an­teils­mäs­sig in Rech­nung stel­len. Die Bran­che nennt dies syn­the­ti­sche Netz­be­wer­tung. Je hö­her de­ren An­teil, um­so hö­her der Netz­ta­rif. Die Fol­ge: «Strom­be­zü­ger an ge­wis­sen Or­ten zah­len die In­fra­struk­tur ein zwei­tes Mal», so die Auf­sicht.

Doch wel­che Fir­men be­trei­ben Pro­fit­ma­xi­mie­rung? In der Schweiz sind rund 640 Strom­ver­tei­ler ge­mel­det, dar­un­ter vie­le klei­ne und ei­ni­ge gros­se. Die El­com sagt nicht, wel­che es sind, es gel­te das Be­hör­den­ge­heim­nis. Der Jah­res­be­richt 2017 der Be­hör­de zeigt in sechs Kan­to­nen – Bern, Ju­ra, Ob­wal­den, Uri, Glarus und Schaff­hau­sen – sehr ho­he Netz­ge­büh­ren und in wei­te­ren fünf – Ba­sel-stadt, Thur­gau, Lu­zern, Grau­bün­den, Neu­en­burg – ho­he Ta­ri­fe.

Ei­ne hal­be Mil­li­ar­de mehr

Wie stark sich die Auf­wer­tun­gen aus­wir­ken, zeigt der El­com-jah­res­be­richt 2013. Da­mals stie­gen die ge­neh­mig­ten Netz­ge­büh­ren in ei­nem Jahr um ei­ne hal­be Mil­li­ar­de auf 4,9 Mil­li­ar­den Fran­ken. Die Er­hö­hung hat­te zwei Haupt­grün­de. Ers­tens ei­ne hö­he­re ge­setz­li­che Ver­zin­sung der An­la­gen. Sie mach­te 180 Mil­lio­nen Fran­ken aus. Und zwei­tens «di­ver­se Ge­richts­ent­schei­de», die er­laub­ten, dass die Strom­ver­tei­ler äl­te­re An­la­gen stär­ker in Rech­nung stell­ten, to­tal ge­schätzt 320 Mil­lio­nen mehr.

Die­sen hap­pi­gen Auf­schlag ge­währ­te El­com nicht frei­wil­lig, sie woll­te die Auf­wer­tung be­grenzt ha­ben, die BKW woll­ten ei­ne star­ke Auf­wer­tung und ge­wan­nen vor Bun­des­ge­richt. Seit­dem ha­ben vie­le Strom­ver­tei­ler ih­re An­la­gen auf­ge­wer­tet.

For­de­run­gen nach Kor­rek­tur

Füh­ren­de Ener­gie­po­li­ti­ker al­ler Bun­des­rats­par­tei­en ge­ben sich über­rascht. «Die­se Auf­wer­tung war nie ein The­ma in der Ener­gie­kom­mis­si­on», sa­gen sie uni­so­no. «Dass Strom­kon­su­men­ten die An­la­gen ein zwei­tes Mal über Netz­ge­büh­ren zah­len, geht nicht», sagt Sp-frak­ti­ons­chef Ro­ger Nord­mann. «Da wer­den im Mo­no­pol ge­fan­ge­ne Kon­su­men­ten ge­mol­ken. Das ist nicht ak­zep­tier­bar», är­gert sich auch Na­tio­nal­rat Ste­fan Mül­ler-al­ter­matt (CVP, SO). Ein grös­se­res Pro­blem sieht Fdp-na­tio­nal­rat Chris­ti­an Was­ser­fal­len (BE): «Mit all die­sen Mit­teln ver­su­chen die Ener­gie­ver­tei­ler mög­lichst viel und auf ihr Ge­schäfts­mo­dell op­ti­miert zu ver­rech­nen.» Zu­dem ge­be es ei­nen ein­kal­ku­lier­ten Ge­winn auf dem Kon­su­men­ten­preis. Das Ge­setz ver­lei­te Un­ter­neh­men ge­ra­de­zu, dies zu tun. SVP-ENER­gie­po­li­ti­ker Chris­ti­an Imark (SO) for­dert, «die Po­li­tik soll­te sich die­ser Pra­xis an­neh­men, um un­ge­recht­fer­tig­te Ge­win­ne und über­höh­te Netz­kos­ten für die All­ge­mein­heit zu ver­hin­dern».

Imark und Mül­ler-al­ter­matt wol­len mit dem Bun­des­rat die auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me klä­ren. Von In­ter­es­se wä­re ei­ne Lis­te, die auf­zeigt, wel­cher Strom­ver­tei­ler in wel­chem Um­fang al­te An­la­gen, die be­reits ab­be­zahlt wa­ren, im Jahr 2008 neu be­wer­te­te und in Rech­nung stellt. Und wie hoch die künst­li­che Be­wer­tung ist.

Mül­ler-al­ter­matt und Was­ser­fal­len wol­len die dop­pelt be­zahl­ten Netz­ge­büh­ren mit der lau­fen­den Ge­set­zes­re­vi­si­on über­prü­fen. Sp-po­li­ti­ker Nord­mann sagt, die «ex­zes­si­ven Ge­win­ne aus dem Strom­netz­mo­no­pol müs­sen ge­stoppt wer­den». Das Haupt­pro­blem aber sei, dass im Mo­no­pol tä­ti­ge Fir­men ei­ne ho­he Ren­di­te er­ziel­ten, um teil­wei­se pri­va­te Ak­tio­nä­re zu be­die­nen, de­nen sie ver­pflich­tet sei­en. Doch der So­zi­al­de­mo­krat warnt vor zu gros­ser Hoff­nung auf Kor­rek­tu­ren. «Grös­se­re Strom­fir­men ha­ben oft ei­nen rie­si­gen Stab von Ju­ris­ten, dar­un­ter dar­auf spe­zia­li­sier­te An­walts­kanz­lei­en. Sie wer­den je­de Ver­schär­fung ju­ris­tisch tor­pe­die­ren, denn es geht ih­nen um Hun­der­te Mil­lio­nen Fran­ken.»

Fo­to: Tho­mas Ba­ro­thy

Der Strom fliesst nicht gra­tis durch die Lei­tun­gen. Im Bild das hell er­leuch­te­te Rhein­tal bei Sar­gans.

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