Pro­ble­ma­ti­sches Ge­schäft mit Ju­nio­ren

Die Zahl der in­ter­na­tio­na­len Trans­fers von min­der­jäh­ri­gen Fuss­ball­spie­lern steigt ste­tig. Die Fi­fa schreibt in­tern von «sys­te­ma­ti­schen Ver­stös­sen» ge­gen die Re­geln – et­wa in En­g­land oder Bel­gi­en.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - Patrick Ober­li

Trans­fer­ge­schäf­te mit min­der­jäh­ri­gen Fuss­ball­spie­lern neh­men ste­tig zu. Da­bei kommt es häu­fig zu Re­gel­brü­chen. In ei­ner E-mail aus dem Da­ten­leck Foot­ball Leaks schreibt ei­ne Fi­fa-mit­ar­bei­te­rin von «sys­te­ma­ti­schen Ver­stös­sen» ge­gen die Trans­fer­re­geln in En­g­land und Bel­gi­en. Eu­ro­päi­sche Spit­zen­ver­ei­ne ha­ben schon Bus­sen von meh­re­ren Hun­dert­tau­send Fran­ken er­hal­ten. Ver­trau­li­che Do­ku­men­te zei­gen: Der eng­li­sche Spit­zen­ver­ein Man­ches­ter Ci­ty er­war­tet vom Ge­schäft mit den Min­der­jäh­ri­gen ei­ne Ren­di­te von 24 Pro­zent.

«Ri­si­ko­ka­pi­tal». So be­zeich­nen Ma­na­ger des eng­li­schen Spit­zen­clubs Man­ches­ter Ci­ty jun­ge Fuss­ball­ta­len­te, die sie un­ter Ver­trag neh­men. Ver­trau­li­che Do­ku­men­te aus dem rie­si­gen Da­ten­leck Foot­ball Leaks er­lau­ben ei­nen Blick hin­ter die Ku­lis­sen die­ses Ge­schäfts, in dem Ethik und Moral oft erst an zwei­ter Stel­le ste­hen.

Die Fi­fa über­wacht den welt­wei­ten Trans­fer­markt von Fuss­ball­spie­lern ge­nau – und stellt da­bei im­mer wie­der Ver­stös­se ge­gen die Re­geln fest, ge­ra­de bei Trans­fers von Min­der­jäh­ri­gen. Die Si­tua­ti­on ist so gra­vie­rend, dass die zu­stän­di­ge Fi­faMit­ar­bei­te­rin in ei­ner E-mail von Ja­nu­ar 2018 von «sys­te­ma­ti­schen Ver­stös­sen» in ge­wis­sen Län­dern schreibt. Na­ment­lich nennt sie En­g­land und Bel­gi­en. In den letz­ten Jah­ren hat die Fi­fa un­ter an­de­rem ge­gen At­lé­ti­co Ma­drid, Chel­sea oder Man­ches­ter Ci­ty Bus­sen von meh­re­ren Hun­dert­tau­send Fran­ken oder so­gar Trans­fer­ver­bo­te aus­ge­spro­chen. Neus­tes Bei­spiel: Vor ein paar Ta­gen wur­de der FC Ever­ton mit ei­ner Bus­se von ei­ner hal­ben Mil­li­on Pfund be­legt.

Ob­wohl in­ter­na­tio­na­le Trans­fers von Spie­lern un­ter 18 Jah­ren oh­ne Aus­nah­me­be­wil­li­gung der Fi­fa ver­bo­ten sind – in Eu­ro­pa liegt die Li­mi­te so­gar bei 16 Jah­ren –, boomt der Markt. Mit 3312 hat sich die Zahl der Trans­fer­ge­su­che für min­der­jäh­ri­ge Fuss­bal­ler zwi­schen 2011 und 2017 ins­ge­samt mehr als ver­dop­pelt. Nur et­wa je­des ach­te Ge­such lehnt die Fi­fa ab. Al­lein die 15 gröss­ten eu­ro­päi­schen Clubs ha­ben von 2013 bis 2017 ge­nau 233 Trans­fers von min­der­jäh­ri­gen Spie­lern be­an­tragt. Am ak­tivs­ten war At­lé­ti­co mit 52 Ge­su­chen, ge­folgt von Man­ches­ter Ci­ty (28), Man­ches­ter Uni­ted (27), Ju­ven­tus Tu­rin und Ar­senal Lon­don (je 19).

Traum­ren­di­te in Man­ches­ter

Für vie­le jun­ge Afri­ka­ner platzt der Traum der gros­sen Fuss­ball­kar­rie­re schnell, so­bald sie nach Eu­ro­pa ge­holt wer­den. Sie wer­den her­um­ge­scho­ben wie ei­ne Wa­re und lan­den auf ei­nem Ab­stell­gleis ir­gend­wo in ei­ner un­ter­klas­si­gen Li­ga, ent­wur­zelt und von ih­rer Fa­mi­lie ge­trennt. Sie sind in ih­rem Al­ter nicht vor­be­rei­tet für ei­ne sol­che Odys­see. Man­ches­ter Ci­ty ge­hört zu den Spit­zen­ver­ei­nen, die das Ge­schäft mit ju­gend­li­chen Ta­len­ten am hart­nä­ckigs­ten ver­fol­gen. Ab ei­nem ge­wis­sen Ni­veau wer­den die Min­der­jäh­ri­gen in der Ter­mi­no­lo­gie des Clubs zu «Va­lue Play­ern», zu Spie­lern, die dem Ver­ein Er­trag brin­gen sol­len. 2011 lan­cier­te Man­ches­ter Ci­ty sei­nen «Ci­ty Ta­lent De­ve­lop­ment Plan» und plan­te da­für In­ves­ti­tio­nen von 48 Mil­lio­nen Pfund für zehn Jah­re ein, um­ge­rech­net rund 65 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken. Nicht nur der Ein­satz war klar vor­ge­ge­ben, son­dern auch die er­war­te­te Ren­di­te: 24 Pro­zent.

Schon nach der Hälf­te der 10-Jah­res-pe­ri­ode lies­sen sich die Er­geb­nis­se se­hen. Bis 2016 hat­te Man­ches­ter Ci­ty 30,8 Mil­lio­nen Pfund aus­ge­ge­ben, um 53 jun­ge Spie­ler zu re­kru­tie­ren. Gleich­zei­tig brach­ten Ver­käu­fe und Aus­lei­hen der Spie­ler schon 33,7 Mil­lio­nen Pfund ein. Die «As­sets» (Be­stän­de), die Man­ches­ter Ci­ty sel­ber un­ter Ver­trag hielt, hat­ten zu­dem ei­nen Markt­wert von 42,2 Mil­lio­nen Pfund – mit stark stei­gen­der Ten­denz. Die Fuss­ball­ma­na­ger schätz­ten ih­ren künf­ti­gen Wert auf ge­nau 117,6 Mil­lio­nen Pfund.

Man­ches­ter Ci­tys Ge­schäft mit den jun­gen Fuss­ball­spie­lern reicht rund um den Glo­bus. Die Fuss­ball-aka­de­mie «Right to Dream» in Gha­na fi­nan­ziert der eng­li­sche Club seit 2010 mit ei­ner Mil­li­on Eu­ro pro Jahr. In der Ein­rich­tung wer­den fast 90 Ju­gend­li­che aus meh­re­ren west­afri­ka­ni­schen Län­dern auf Höchst­leis­tung ge­drillt. Seit ih­rer Grün­dung hat sie 48 Pro­fi-fuss­bal­ler her­vor­ge­bracht.

Das sind glück­li­che Ein­zel­fäl­le. Denn auf vie­le der Au­ser­wähl­ten war­tet ei­ne un­wür­di­ge Zu­kunft. Der 22-jäh­ri­ge Di­vi­ne Naah kam vor vier Jah­ren nach Eu­ro­pa. Bei Man­ches­ter Ci­ty war der jun­ge Mann aus Gha­na ei­ner der vie­len Spie­lern, die mal hier, mal da aus­ge­lie­hen wur­den: Naah wur­de von Nor­we­gen nach Hol­land, Dä­ne­mark und Schwe­den ge­scho­ben. «Ich hat­te kei­ne an­de­re Wahl. Das war die schlimms­te Zeit mei­nes Le­bens», sag­te er der bel­gi­schen Zei­tung «Stan­daard». Erst letz­ten Som­mer konn­te sich Naah von sei­nem Ver­trag be­frei­en. Nun spielt er in der zwei­ten bel­gi­schen Li­ga.

Re­gel­wid­ri­ger Ver­trag

Ge­schich­ten wie die von Naah ha­ben das Image von Man­ches­ter Ci­ty bei den Ab­sol­ven­ten der «Right to Dream»-aka­de­mie be­schä­digt. Kommt hin­zu, dass der eng­li­sche Spit­zen­ver­ein mit der Aka­de­mie ei­nen Ver­trag un­ter­zeich­net hat, der die­se ver­pflich­tet, «al­les da­für zu tun, die Spie­ler zu über­zeu­gen, bei Man­ches­ter zu un­ter­zeich­nen», so­bald sie voll­jäh­rig sind. Und der auch die schrift­li­che Zu­stim­mung Man­ches­ters für Wech­sel zu an­de­ren Ver­ei­nen vor­aus­setz­te. Da­mit ver­stiess der Ver­trag ge­gen die Fi­fa-re­geln, wel­che die Ein­mi­schung ei­ner Dritt­par­tei bei Trans­fers ver­bie­ten.

Um Pro­ble­me mit der Fi­fa zu ver­mei­den, hat Man­ches­ter Ci­ty 2016 des­halb den FC Nords­jæl­land in sein Ge­schäfts­mo­dell in­te­griert. Der dä­ni­sche Club wur­de für die Ab­sol­ven­ten der «Right to Dream»-aka­de­mie zum neu­en Tor nach Eu­ro­pa. Was die Jung­ta­len­te nicht wis­sen, ist, dass es ei­ne ge­hei­me Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem FC Nords­jæl­land und Man­ches­ter Ci­ty gibt. Die­se legt fest, dass die Dä­nen Spie­ler aus der Aka­de­mie nur mit Er­laub­nis von Man­ches­ter Ci­ty wei­ter­ver­kau­fen dür­fen. Und dass 25 Pro­zent der Trans­ferer­lö­se an Ci­ty ab­ge­lie­fert wer­den müs­sen.

Bei­de Ab­ma­chun­gen sind höchst pro­ble­ma­tisch. Ei­ner­seits kann da­mit Man­ches­ter Ci­ty als Dritt­par­tei in die Kar­rie­re ei­nes Spie­lers ein­grei­fen, was strengs­tens ver­bo­ten ist. An­de­rer­seits be­ur­tei­len Ex­per­ten die 25-Pro­zent-trans­fer­be­tei­li­gung als re­gel­wid­rig, weil ei­ne Dritt­par­tei nicht mit den Rech­ten an Fuss­ball­spie­lern han­deln darf.

Ge­gen­über dem Jour­na­lis­ten­netz­werk EIC, das die Aus­wer­tung der Foot­ball Leaks ko­or­di­niert hat, liess die «Right to Dream»-aka­de­mie ver­lau­ten, die Part­ner­schaft mit dem dä­ni­schen Club hal­te al­le wich­ti­gen Re­geln des Fuss­balls ein. Man­ches­ter Ci­ty nahm kei­ne Stel­lung.

Vie­le Afri­ka­ner wer­den wie ei­ne Wa­re her­um­ge­scho­ben und lan­den auf ei­nem Ab­stell­gleis.

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