«Fremd­be­stim­mung be­ginnt da, wo sich Par­tei­en als al­lei­ni­ge Volks­ver­tre­ter auf­spie­len.»

Die SVP ver­ab­so­lu­tiert die De­mo­kra­tie als Herr­schaft des Vol­kes – und blen­det aus, dass der Wil­le der Bür­ger nie ein­heit­lich ist.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - Ju­dith Witt­wer Die Ta-chef­re­dak­to­rin zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve.

Volks­in­itia­ti­ven be­le­ben die Schweiz. Wir de­bat­tie­ren über Kuh­hör­ner, Min­dest­löh­ne und Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tio­nen. Wir strei­ten über Waf­fen­plät­ze, Hei­rats­stra­fen und Zu­wan­de­rung. Das Mit­ein­an­der­re­den schafft Iden­ti­fi­ka­ti­on und Ver­bun­den­heit. Die ab­so­lu­te Wahr­heit hat nie­mand für sich ge­pach­tet. Volks­rech­te sind in ei­ner Ver­hand­lungs­de­mo­kra­tie zen­tral, um die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­zu­bin­den. Wer­den Volks­in­itia­ti­ven und Re­fe­ren­den aber von den Par­tei­en pri­mär zur po­li­ti­schen Stim­mungs­ma­che und Auf­merk­sam­keits­stei­ge­rung miss­braucht, führt das zu ei­ner The­sen­de­mo­kra­tie.

Die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve ist ei­ne sol­che Vor­la­ge. Die The­se der SVP lau­tet: Wir wer­den im­mer öf­ter fremd­be­stimmt. Un­se­re Un­ab­hän­gig­keit und Frei­heit, gar un­se­re di­rek­te De­mo­kra­tie sind in Ge­fahr. Die SVP sieht «frem­de Rich­ter» über un­se­re Köp­fe hin­weg ur­tei­len. Das Schwei­zer Stimm­volk wer­de suk­zes­si­ve ent­mach­tet. Mit der Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve will sie nun Lan­des­recht über in­ter­na­tio­na­les Recht stel­len. Das soll Rechts­si­cher­heit schaf­fen und die di­rek­te De­mo­kra­tie schüt­zen. Die The­se der SVP ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ir­re­füh­rend:

Fik­ti­on der Fremd­be­stim­mung: Völ­ker­recht ist nicht ein­fach frem­des Recht. Ver­trä­ge wer­den nicht dik­tiert, son­dern un­ter Par­tei­en aus­ge­han­delt. Bei be­deu­ten­den Ver­trä­gen re­den die Schwei­zer Stimm­bür­ger via Re­fe­ren­dum mit. In ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt gibt es im­mer wie­der Klä­rungs­be­darf zwi­schen na­tio­na­lem und in­ter­na­tio­na­lem Recht. Bun­des­rat und Par­la­ment ha­ben bei der Re­vi­si­on der Bun­des­ver­fas­sung in den 90er-jah­ren aber be­wusst auf ei­ne Hier­ar­chie zwi­schen Lan­des- und Völ­ker­recht ver­zich­tet. Im Kon­flikt­fall ent­schei­det das Bun­des­ge­richt – die drit­te Ge­walt im Lan­de. Die Lau­san­ner Rich­ter le­gen die Nor­men aus, wä­gen die In­ter­es­sen ab und ent­schei­den; ih­re Ur­tei­le sind nicht im­mer un­um­strit­ten. So war die SVP we­der bei der Aus­schaf­fungs­noch bei der Zu­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve mit der Ar­gu­men­ta­ti­on des Bun­des­ge­richts ein­ver­stan­den. In bei­den Fäl­len stell­te sich Lau­sanne ge­gen die an­ge­nom­me­nen Volks­be­geh­ren: Die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) re­spek­ti­ve das Frei­zü­gig­keits­ab­kom­men mit der EU ge­he dem Bun­des­recht vor. Bei bei­den Bei­spie- len wa­ren es al­so die «ei­ge­nen Rich­ter», die das letz­te Wort hat­ten. Die SVP spricht von «frem­den Rich­tern», at­ta­ckiert aber un­se­re Jus­tiz. Der Frust bei der Aus­schaf­fungs­in­itia­ti­ve gab bei der SVP den An­stoss für die Lan­cie­rung der Selbst­be­stim­mungs­vor­la­ge.

Il­lu­si­on von Rechts­si­cher­heit: Im Kern geht es der SVP nicht dar­um, im Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Lan­des- und Völ­ker­recht Klar­heit zu schaf­fen. Sie will viel­mehr er­rei­chen, dass ih­re Initia­ti­ven selbst dann um­ge­setzt wer­den, wenn sie Völ­ker­recht ver­let­zen. Zu mehr Rechts­si­cher­heit führt die Vor­la­ge nicht: Die Schweiz wä­re im Ge­gen­teil bei je­dem Kon­flikt zwi­schen Lan­des- und Völ­ker­recht ge­zwun­gen, die Ver­trä­ge neu aus­zu­han­deln oder zu kün­di­gen.

Ver­ab­so­lu­tie­rung der De­mo­kra­tie: Die SVP ver­ab­so­lu­tiert die De­mo­kra­tie als Volks­herr­schaft: Der Rechts­staat und sei­ne Ge­wal­ten ha­ben sich dem Wil­len des Vol­kes zu beu­gen. Ein ge­fähr­li­ches De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis. Es blen­det aus, dass der Wil­le des Vol­kes nie ein­heit­lich ist. Und es ver­drängt, dass erst der Rechts­staat De­mo­kra­tie er­mög­licht. Bei­des hat­te der gros­se Ber­ner Trou­ba­dour und Staats­theo­re­ti­ker Ma­ni Mat­ter schon vor Jahr­zehn­ten in sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift be­tont. Er sah den Wert der De­mo­kra­tie vor al­lem da­rin, ih­re Bür­ger auf den Plu­ra­lis­mus zu ver­pflich­ten. Die Schweiz hat vie­le Ge­sich­ter. Rich­ter ge­hö­ren zum Volk, ver­schrie­ne Gut­men­schen, An­ge­hö­ri­ge ei­ner ge­schmäh­ten Eli­te, Stamm­tisch­pol­te­rer und Haus­frau­en. Al­le ha­ben ih­re ei­ge­ne Vor­stel­lung da­von, wie sich un­ser Land ent­wi­ckeln soll. Die De­mo­kra­tie lie­fert das Ver­fah­ren, wie wir ei­nen Kon­sens fin­den kön­nen. Da­bei warn­te Mat­ter schon da­mals vor über­höh­ten Er­war­tun­gen an die De­mo­kra­tie: Sie kön­ne nie mehr sein als der «Kon­sens zur Un­ei­nig­keit».

Die Stär­ke un­se­rer De­mo­kra­tie zeigt sich in der Ein­bin­dung al­ler po­li­ti­schen Kräf­te in die Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Volks­in­itia­ti­ven dür­fen kein In­stru­ment wer­den, um dies zu un­ter­gra­ben – und das zu un­ter­spü­len, was die Schweiz aus­macht. Auch die Bun­des­ver­fas­sung hält in ih­rer Prä­am­bel fest, dass das Schwei­zer­volk und die Kan­to­ne in «Ach­tung ih­rer Viel­falt in der Ein­heit» le­ben wol­len. Das ist mehr als lee­rer Auf­ruf zur To­le­ranz.

«Ei­gent­lich ist die­sem bür­ger­na­hen Staats­ge­bil­de nichts frem­der als sum­ma­ri­sche Mehr­hei­ten», sag­te Schrift­stel­ler Adolf Muschg jüngst in ei­ner Re­de zur De­mo­kra­tie. Über­tra­gen auf die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve heisst das: Fremd­be­stim­mung be­ginnt nicht in Strass­burg oder Brüs­sel, son­dern da, wo sich Par­tei­en als al­lei­ni­ge Volks­ver­ste­her auf­spie­len.

De­mo­kra­tie kön­ne nie mehr sein als der Kon­sens zur Un­ei­nig­keit, sag­te der Ber­ner Trou­ba­dour und Staats­theo­re­ti­ker Ma­ni Mat­ter schon vor Jahr­zehn­ten.

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