Frau Nüss­li nicht ver­ges­sen

Wie geht man da­mit um, dass ein Mensch, den man liebt, auch ei­nen selbst ver­ges­sen hat? Li­ka Nüss­li hat ein Buch über die Zeit ih­rer Mut­ter im Heim für de­men­te Men­schen ge­zeich­net.

Tages Anzeiger - - Seite Drei - Ni­co­la Bru­sa

Am ers­ten Tag im Kin­der­gar­ten wur­de Li­ka Nüss­li klar, wie alt ih­re Mut­ter war. Viel äl­ter als al­le an­de­ren. Li­ka ist das Kind aus zwei­ter Ehe, 1973 ge­bo­ren, die Mut­ter war da­mals 43.

Als ih­re Mut­ter ins Heim kam, wur­de Li­ka Nüss­li klar, wie jung sie sel­ber noch war. 39 bloss, und ih­re Mut­ter war auf dem letz­ten Ab­schnitt ih­res Le­bens an­ge­kom­men. Das ist der Un­ter­schied zwi­schen Heim und Spi­tal. Aus dem Heim kommt man nicht mehr raus. «Der letz­te Teil des Le­bens wird hier sicht­bar», sagt die St. Gal­ler Künst­le­rin und Il­lus­tra­to­rin. Sie hat den letz­ten Teil des Le­bens ih­rer Mut­ter ver­zeich­net. «Ver­giss dich nicht» heisst das Buch.

Aber war das wirk­lich noch ih­re Mut­ter, die da im Win­ter­gar­ten des Heims sass und zur lei­sen Freu­de ih­rer Toch­ter die häss­li­chen Ge­ste­cke auf den Ti­schen in ih­re Ein­zel­tei­le zer­leg­te?

Li­ka Nüss­li schien es, als wä­re von ih­rer Mut­ter nicht mehr viel üb­rig. Die Mut­ter war der Hül­le ab­han­den­ge­kom­men, die da im Roll­stuhl sass. Das sind har­te Wor­te. Sie sagt sie we­der kalt noch emo­tio­nal. Sie sagt sie ein­fach so. Nackt, trifft es am bes­ten, weil Li­ka Nüss­li nichts da­vor und nichts da­nach sagt, das re­la­ti­viert. Es ist die Rea­li­tät im Heim für De­menz­kran­ke. Und ih­re Mut­ter war de­menz­krank, das Le­ben, wie sie es vor­her ge­lebt hat­te, war aus ihr ge­wi­chen, wäh­rend ei­ner Nar­ko­se. «Sie hat nach ei­ner Ope­ra­ti­on nicht mehr zu­rück­ge­fun­den», sagt die Toch­ter. Das war vor et­was mehr als sechs Jah­ren.

Der Bruch, der zum Bruch führt

Die­ses Nicht-mehr-zu­rück­fin­den ist ty­pisch für Men­schen mit De­menz. Da ist die 80-jäh­ri­ge Frau Nüss­li, die auf Rei­sen geht, die sich für Kul­tur in­ter­es­siert, die ihr Le­ben selbst­stän­dig lebt. Dann stürzt sie, bricht sich den Ober­schen­kel, muss ope­riert wer­den. Na­tür­lich gab es An­zei­chen der Krank­heit, Li­ka Nüss­li er­kennt sie im Rück­blick, auch das ist ty­pisch. Et­wa, dass ih­re Mut­ter, die so ger­ne Ve­lo fuhr, ir­gend­wann nicht mehr Rad fah­ren ging. Weil sie nicht mehr Rad fah­ren konn­te. Doch es ge­lingt den er­krank­ten Men­schen noch, die Lü­cken zu ka­schie­ren, zu über­de­cken, zu meis­tern. Die Ge­wohn­heit hilft da­bei, dass das Le­ben funk­tio­niert. Mit dem Bruch des Kno­chens kommt der Bruch im Le­ben. Das Sys­tem kol­la­biert.

Dann kam Frau Nüss­li, die im Buch ih­rer Toch­ter kei­nen Vor­na­men hat, ein­fach Frau Nüss­li ist, ins Heim.

Li­ka Nüss­li be­such­te ih­re Mut­ter dort zwar re­gel­mäs­sig, wie sie es sich vor­ge­nom­men hat­te. Es fiel ihr aber schwer. War das noch ih­re Mut­ter? Die Frau, die man im Roll­stuhl am Mor­gen aus dem Zim­mer schob und am Abend wie­der zu­rück? Die Frau, die ih­re Toch­ter schon bald nicht mehr er­kann­te? Sich zwar über den Be­such freu­te, ein­fach weil je­mand da war, nicht, weil Li­ka da war?

Mit der Zeit ha­be sie ge­lernt, da­mit um­zu­ge­hen. Die Fra­gen ste­hen zu las­sen und nicht wei­ter nach den Ant­wor­ten zu su­chen, sagt Li­ka Nüss­li. Da­bei ent­deck­te sie, dass ne­ben der Hül­le auch noch ein Kern ih­rer Mut­ter zu­rück­ge­blie­ben war. Da war die­se Lie­bens­wür­dig­keit, die ih­re Mut­ter im­mer aus­ge­macht hat­te. Von da an ging sie an­ders zu ih­rer Mut­ter ins Heim. Sie ge­noss das Zu­sam­men­sein, «es war pur, oh­ne viel Kom­mu­ni­ka­ti­on». Sie be­gann, die Um­ge­bung an­ders wahr­zu­neh­men, be­gann, den zu­sam­men­hangs­lo­sen Dia­lo­gen ent­lang­zu­hö­ren, und no­tier­te sie.

Es kam ihr manch­mal vor wie mo­der­nes Thea­ter, und als sol­ches schrieb sie die Ge­sprä­che im Heim um, in­ter­pre­tier­te sie, ar­ran­gier­te sie:

«Ich glau­be nicht an die Wie­der­ge­burt.» «Mir ist das Le­ben so­wie­so zu lang, auch oh­ne Wie­der­ge­burt.» «Was gibt es wohl zum Znacht?»

Sie be­gann, sich den ab­sur­den Mo­no­lo­gen hin­zu­ge­ben. Et­wa je­nen der de­men­ten Au­to­rin, die eben­falls im Heim leb­te und re­gel­mäs­sig Le­sun­gen hielt, manch­mal po­li­ti­sche Re­den. Dass die Frau den Fa­den nicht ver­lor, lag bloss dar­an, dass sie nie ei­nen Fa­den hat­te.

Und dann be­gann Li­ka Nüss­li, im Heim zu zeich­nen. Sie über­wand sich. «Ich woll­te mei­ne Mut­ter be­su­chen, nicht ar­bei­ten.» Sie merk­te aber auch, dass sie sich am wohls­ten fühl­te, wenn sie ar­bei­te­te. Ih­re Mut­ter ge­noss es eben­falls, sie schau­te lan­ge ru­hig zu, manch­mal leg­te ihr Li­ka ei­nen Stift in die Hand, und Frau Nüss­li krit­zel­te. Das ist et­was, das Li­ka Nüss­li sonst auch macht: an un­mög­li­chen Or­ten ar­bei­ten. Es zieht sie dort­hin, wo sie es oh­ne Ar­bei­ten kaum aus­hält, wie sie sagt, «an de­nen man sich aus­setzt und nur die Kunst ei­nem Schutz bie­tet». Et­wa in Pa­ris di­rekt ne­ben Zel­ten von Flücht­lin­gen am Ca­nal Saint-mar­tin oder neu­lich auf ei­ner Thea­ter­büh­ne.

In­dem sie sich im Heim bei ih­rer Mut­ter in den Schutz der Zeich­nun­gen be­gab, konn­te sie sich öff­nen. Sie ent­deck­te Hu­mor und Leich­tig­keit im All­tag ih­rer Mut­ter. Sie ha­be ge­lernt, oh­ne Er­war­tun­gen hin­zu­ge­hen und sich zu be­schäf­ti­gen. Das ha­be ihr ge­hol­fen. Zeich­nen sei ein Vor­gang, «bei dem man die Um­ge­bung auf ei­ne ganz ei­ge­ne Art ob­ser­viert, sie auf­nimmt und in ei­ner vi­su­el­len Form auf das Pa­pier bringt», sagt die 45-Jäh­ri­ge. Weil die The­ma­tik durch die Au­gen rein­ge­he, durch den Kör­per hin­durch und in neu­er Form zu den Fin­gern wie­der raus­flies­se. Ge­nau so se­hen die Bil­der im Buch aus: als wä­ren sie hin­ein­ge­flos­sen.

Zu­rück in die Kind­heit

Das Zeich­nen brach­te bei Li­ka Nüss­li Er­in­ne­run­gen zu­rück. An die Sonn­ta­ge, die sie als Mäd­chen ge­liebt hat­te. Sie sass al­lein mit ih­rer Mut­ter im Re­stau­rant in Gos­sau SG, in dem an den an­de­ren sechs Ta­gen viel ge­raucht und ge­trun­ken wur­de. Die bei­den such­ten sich den schöns­ten Tisch aus, scho­ben die Ge­de­cke zur Sei­te, hör­ten Ra­dio und ar­bei­te­ten. Frau Nüss­li strick­te oder stick­te oder mach­te die Buch­hal­tung und was sonst so an­fiel im ei­ge­nen Re­stau­rant. Li­ka bas­tel­te, er­fand Ge­schich­ten, Thea­ter- und Zir­kus­pro­gram­me oder zeich­ne­te. Da war längst klar, dass Li­ka Künst­le­rin wird. Das war ei­gent­lich im­mer klar.

Sie er­in­ner­te sich wie­der, wie ih­re Mut­ter je­weils am Bett­rand sass, bis sie ein­ge­schla­fen war. Ganz lan­ge las sie ih­rer Toch­ter vor oder kroch zu ihr ins Bett. Li­ka er­in­ner­te sich, wie sich die Ny­lon­strümp­fe un­ter der De­cke an­fühl­ten, er­in­ner­te sich an den Ge­ruch ih­rer Fin­ger, ei­ner Mi­schung aus Na­gel­lack und Zi­ga­ret­ten­rauch. Sie er­in­ner­te sich, wie sie sich im kal­ten Was­ser des Frei­bads an den war­men Kör­per ih­rer Mut­ter schmieg­te. Wie sie dem Va­ter am Jass­tisch ih­re Haus­auf­ga­ben zeig­te. Wie ihr ein Ita­lie­ner im Re­stau­rant das Schuh­bin­den bei­brach­te.

Da sas­sen zwei ne­ben­ein­an­der im Win­ter­gar­ten ei­nes Heims für De­menz­kran­ke: Ei­ne hat­te al­les ver­ges­sen, die an­de­re er­in­ner­te sich an im­mer mehr. Trau­rig? Nicht, wenn Li­ka Nüss­li dar­über re­det. Auch nicht, wenn sie dar­über zeich­net. Zu Be­ginn des Buchs bleicht das Le­ben aus: Das Grün des Pa­piers, auf dem Li­ka Nüss­li ih­rer Mut­ter Brie­fe schreibt, wird im­mer hel­ler. «Al­les wird zu Er­in­ne­rung, so­bald der Mo­ment des Ge­sche­hens vor­bei ist», steht auf der dun­kels­ten Sei­te ge­schrie­ben. «Stets bist du mir ein gan­zes Stück vor­aus» auf der hells­ten. Auf der nächs­ten Sei­te sitzt Frau Nüss­li im Roll­stuhl. Da be­ginnt das Er­zäh­len vom Le­ben im Heim.

Men­schen wer­den zu Pflan­zen

Li­ka Nüss­li hat für das Buch ei­nen ei­ge­nen Stil ent­wi­ckelt. Nichts ist vor­ge­zeich­net, es gibt nur Schwarz und Weiss. Ihr Strich pas­se zur Ge­schich­te, fin­det Nüss­li. Zu den Ge­schich­ten. Denn das Buch ist kein Be­richt aus dem Heim, es ist ei­ne Samm­lung von Epi­so­den, es gibt Co­mics, es gibt Bil­der und Se­quen­zen, die et­was, das wir ger­ne ver­drän­gen, zu­gäng­lich ma­chen. «Poe­tisch» sei das Buch, steht auf dem Ein­band, und das stimmt.

Tröst­lich ist es auch, eben­so das Ge­spräch mit Li­ka Nüss­li. So nackt ih­re Sät­ze sind, so we­nig sie das Un­aus­weich­li­che ver­steckt oder verpackt oder ver­wischt, so ger­ne hört man ihr zu. So ger­ne sieht man, wie im Buch Mensch und Pflan­ze eins wer­den. Wie Pflan­zen die Men­schen zu­erst um­schlin­gen und dann ver­schlin­gen. Wie Frau Nüss­li auf ei­ner der hell­grü­nen Sei­ten vol­ler Zu­ver­sicht in die Welt schaut, wäh­rend Li­ka da­ne­ben den Sprung in die­se Welt wagt. Wie sich Frau Nüss­li ge­gen En­de des Buchs, im Roll­stuhl sit­zend, nicht aus dem Griff ei­ner Blu­me lö­sen kann.

Frau Nüss­lis letz­te Wor­te zur Toch­ter: «Ich nähm nomol eis, wenns nomol eis gäb.» Da­nach hat sie die Spra­che ver­lo­ren. In die­sem Som­mer ist Frau Nüss­li ge­stor­ben. Da war das Buch schon er­schie­nen, das Ver­ges­sen schon ge­zeich­net.

Li­ka Nüss­li: Ver­giss dich nicht. Ve­xer, St. Gal­len 2018. 176 Sei­ten, 38 Fran­ken.

Il­lus­tra­tio­nen: Li­ka Nüss­li

Da war die Welt noch in Ord­nung, die Er­in­ne­rung noch da, Frau Nüss­li und ih­re Toch­ter vol­ler Zu­ver­sicht.

Mensch und Pflan­ze wer­den eins: Ir­gend­wann ge­lingt es den Men­schen nicht mehr, sich aus dem Griff der Pflan­ze zu lö­sen.

Fo­to: Her­bert We­ber

Li­ka Nüss­li, Künst­le­rin und Il­lus­tra­to­rin aus St. Gal­len.

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