«Die Selbst­kon­trol­le hat ver­sagt»

Der Gen­fer Stadt­prä­si­dent äus­sert sich zu den ho­hen Spe­sen der Stadt­rä­te.

Tages Anzeiger - - Schweiz - Phil­ip­pe Rei­chen

Cock­tails in ei­ner Ka­rao­ke­bar, Ta­xi­fahr­ten an Pri­vat­adres­sen, Pri­vatdin­ner und ex­or­bi­tan­te Han­dy­rech­nun­gen: Der Gen­fer Rech­nungs­hof hat die Spe­sen­rech­nun­gen der fünf Gen­fer Stadt­rä­te fürs ver­gan­ge­ne Jahr durch­leuch­tet. Die Ex­zes­se wa­ren zahl­reich, wor­auf die Stadt­re­gie­rung sämt­li­che Spe­sen der letz­ten zehn Jah­re pu­bli­zier­te. Jähr­li­che Spe­sen von über 40 000 Fran­ken wa­ren kei­ne Sel­ten­heit.

Herr Ka­na­an, auch Ih­re Spe­sen fal­len im Be­richt des Rech­nungs­hofs auf. Seit Ih­rem Amts­an­tritt 2011 ver­rech­ne­ten Sie im Schnitt 29 000 Fran­ken pro Jahr, trotz ei­ner Spe­sen­pau­scha­le von 13 200 Fran­ken. Wenn der Ver­dacht auf­kommt, öf­fent­li­ches Geld sei nicht sach­ge­recht aus­ge­ge­ben wor­den, sind star­ke Re­ak­tio­nen ver­ständ­lich. Im Ver­gleich zum Ge­samt­bud­get der Stadt sind das kei­ne enor­men Be­trä­ge. Aber es geht um Spe­sen, wo­mit wir in un­se­rem Ver­hal­ten bei­spiel­haft sein müs­sen. Wir Stadt­rä­te setz­ten auf Selbst­kon­trol­le, Ver­trau­en und den ge­sun­den Men­schen­ver­stand, was of­fen­sicht­lich nicht ge­nügt. Der Be­richt des Rech­nungs­hofs hat uns die Au­gen ge­öff­net. Wir ha­ben Mass­nah­men ge­trof­fen. Die Spe­sen wer­den sin­ken.

Wie er­klä­ren Sie Ih­re 29 000 Fran­ken Spe­sen pro Jahr? An­ders als ge­wis­se Kol­le­gen bin ich sel­ten auf Stadt­kos­ten mit dem Ta­xi ge­fah­ren. Bei mir sind der gröss­te Teil Rei­se­kos­ten. Ich bin für die Kul­tur und den Sport ver­ant­wort­lich und ak­tu­ell Stadt­prä­si­dent. Bei die­sen Auf­ga­ben sind Aus­sen­be­zie­hun­gen zen­tral. Kommt da­zu: Die Uno-stadt Genf ist in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet. Ich bin al­so viel un­ter­wegs, in der Schweiz, Eu­ro­pa und manch­mal auch in Über­see…

… und flie­gen Bu­si­ness­klas­se. Auf Flü­gen bis sechs St­un­den Flug­zeit flie­gen wir Eco­no­my. Da­nach in der Bu­si­ness­klas­se. Wenn man ein- bis zwei­mal pro Jahr ei­nen Langstre­cken­flug hat, fällt das na­tür­lich bei den Spe­sen stark ins Ge­wicht. Auch die Es­sens­ein­la­dun­gen für Part­ner, Spon­so­ren, Mä­ze­ne und Ex­per­ten. Um kei­ne In­ter­es­sen­kon­flik­te zu ris­kie­ren, lade ich die Leu­te lie­ber ein, als ein­ge­la­den zu wer­den.

Die Staats­an­walt­schaft hat die­se Wo­che we­gen Ver­dachts auf un­ge­treue Amts­füh­rung ein Straf­ver­fah­ren er­öff­net. Auch Ih­re Be­rufs­a­gen­da und Spe­sen­ab­rech­nun­gen wur­den kon­fis­ziert. Sind Sie be­un­ru­higt? Das Ver­fah­ren ist zwar un­an­ge­nehm, aber will­kom­men, um ob­jek­ti­ve Klar­heit über all­fäl­li­ge straf­recht­li­che Vor­komm­nis­se zu schaf­fen. Bei der Be­rufs­a­gen­da und Spe­sen­ab­rech­nun­gen wur­den seit Amts­an­tritt Ko­pi­en er­stellt, sie wur­den al­so nicht kon­fis­ziert. Die Jus­tiz führt ein Ver­fah­ren ge­gen un­be­kannt, nicht ge­gen ei­ne Per­son. Ich kann sämt­li­che Spe­sen er­klä­ren. Sie ste­hen al­le in Zu­sam­men­hang mit mei­ner po­li­ti­schen Funk­ti­on.

Das wird bei ei­ni­gen Ih­rer Kol­le­gen mit Cham­pa­gner, Cock­tails und Ta­xi­fahr­ten schwie­ri­ger. Das ha­be ich dank des Be­richts des Rech­nungs­ho­fes er­fah­ren. Das mit der Selbst­dis­zi­plin hat bei ge­wis­sen Kol­le­gen nicht funk­tio­niert und ist höchst be­dau­er­lich.

Ist das feh­len­der Re­spekt ge­gen­über dem Amt? In den spe­zi­fi­schen, im Be­richt er­wähn­ten Fäl­len kann man das so sa­gen.

Wenn Ihr Kol­le­ge Guil­lau­me Ba­raz­zo­ne er­klärt, er ver­wechs­le sei­ne pri­va­te Kre­dit­kar­te manch­mal mit je­ner der Stadt, weil sie gleich aus­se­he und er den­sel­ben Pin ver­wen­de, fragt man sich: Wie ist er fä­hig, ein De­par­te­ment zu füh­ren? Sei­ne Er­klä­rung ist ab­surd. Ich ha­be ihm das auch ge­sagt. Spä­tes­tens am Schluss des ers­ten Mo­nats soll­te man mer­ken, was man be­zahlt hat und was auf der Kre­dit­kar­ten­ab­rech­nung fehlt.

Da­zu kommt, dass Herr Ba­raz­zo­ne sein Ho­no­rar als Na­tio­nal­rat be­hal­ten darf. Es stimmt, dass er der Stadt für sein Dop­pel­man­dat nichts ab­gibt. Der Stadt­rat ist ein Voll­zeit­man­dat. An sich sind sol­che Dop­pel­man­da­te we­der vor­ge­se­hen noch sinn­voll.

Als «tous pour­ri», al­so Ver­dor­be­ne, be­schimp­fen Bür­ger die Stadt­rä­te. Ich ver­su­che mit In­ter­views die Din­ge zu er­klä­ren und zu zei­gen, dass kon­kre­te Mass­nah­men ge­trof­fen wur­den. Das Kon­troll­sys­tem ist sub­stan­zi­ell ver­bes­sert und die Trans­pa­renz er­höht wor­den. Sol­che Miss­brauchs­fäl­le kön­nen sich nicht wie­der­ho­len.

Was sagt Ih­re Par­tei, die SP, zur Af­fä­re? Un­se­re Wäh­ler sind in sol­chen Din­gen we­nig to­le­rant. Zu Recht. Mei­ne Par­tei- und Stadt­rats­kol­le­gin San­d­ri­ne Sa­ler­no und ich ha­ben uns mit Ge­nos­sen ge­trof­fen und uns al­len Fra­gen ge­stellt. Der Rech­nungs­hof hat uns ge­gen­über kei­ne spe­zi­fi­sche Kri­tik ge­äus­sert, doch es ging dar­um, Trans­pa­renz zu schaf­fen. Wir müs­sen nun Din­ge än­dern und die Spe­sen­re­ge­lun­gen an­de­rer Städ­te an­schau­en.

Schwer wiegt der Vor­wurf des Rech­nungs­hofs, der Stadt­rat ha­be die Spe­sen­un­ter­su­chung zu be­hin­dern ver­sucht. Das ist über­trie­ben. Es gab Span­nun­gen und Miss­ver­ständ­nis­se, aber nur in ei­ner ers­ten Pha­se. Die Prü­fer ha­ben uns Stadt­rä­te wie Be­am­te be­han­delt, woll­ten Krank­heits­ab­sen­zen und Fe­ri­en­ab­rech­nun­gen se­hen. Wir ha­ben aber kei­ne Ar­beits­zeit­kon­trol­le. Wir ha­ben ei­ne kom­ple­xe Funk­ti­on, sind viel un­ter­wegs und ha­ben kei­ne 40-St­un­den-wo­che. Da­nach hat­ten sie vol­len Zu­gang zu al­len Da­ten, und wir ha­ben ak­tiv ko­ope­riert.

Sa­mi Ka­na­an Der Sp-po­li­ti­ker ist seit 2011 in Genfs Stadt­rat, ver­ant­wort­lich für Kul­tur und Sport und ak­tu­ell Stadt­prä­si­dent.

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