An den Ta­li­ban führt kein Weg mehr vor­bei

In Mos­kau ha­ben sich erst­mals Re­gie­rung und Ta­li­ban of­fi­zi­ell ge­trof­fen.

Tages Anzeiger - - International - Ju­li­an Hans, Mos­kau

Be­vor sich die Tü­ren des Pre­si­dent-ho­tels schlos­sen, hielt der rus­si­sche Aus­sen­mi­nis­ter ei­ne An­spra­che. Die Af­gha­nis­tan-kon­fe­renz, die dort statt­fin­de, sol­le nicht «in Ka­te­go­ri­en geo­po­li­ti­scher Spie­le» ge­mes­sen wer­den, mahn­te Ser­gei La­w­row. Das Land dür­fe «nicht in ein Spiel­feld für die Ri­va­li­tä­ten frem­der Kräf­te ver­wan­delt wer­den».

In dem Ho­tel tra­fen am Frei­tag erst­mals Ab­ge­sand­te der af­gha­ni­schen Re­gie­rung und der Ta­li­ban of­fi­zi­ell zu­sam­men. Da Af­gha­nis­tan seit je ein sol­ches Spiel­feld ist, drängt sich mit dem ver­stärk­ten En­ga­ge­ment Mos­kaus am Hin­du­kusch die Fra­ge auf, ob dort ei­ne neue po­li­ti­sche Par­tie be­gon­nen hat.

Zwölf Staa­ten ha­ben ih­re Ver­tre­ter nach Mos­kau ge­schickt, ne­ben Af­gha­nis­tan selbst sind das die Nach­barn Iran, Pa­kis­tan, Turk­me­nis­tan, Tad­schi­kis­tan und Chi­na. Auch In­di­en, Ka­sachs­tan, Us­be­kis­tan und Kir­gi­sis­tan sind ver­tre­ten. Die USA schi­cken zu­min­dest ei­nen Di­plo­ma­ten zum Tref­fen.

Das rus­si­sche Aus­sen­mi­nis­te­ri­um hat die Er­war­tun­gen schon vor Be­ginn des Tref­fens ge­dämpft. Ei­ne Ab­schluss­er­klä­rung war nicht vor­ge­se­hen.

Russ­land ist wie­der prä­sent

Das Tref­fen ver­stärkt die Dy­na­mik, die in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ent­stan­den ist: Nach jah­re­lan­gen er­folg­lo­sen Be­mü­hun­gen von­sei­ten des Wes­tens sind die Ta­li­ban nun deut­lich ge­sprächs­be­rei­ter. Ken­ner der Frie­dens­be­mü­hun­gen in Ka­bul spre­chen von ei­nem zwei­glei­si­gen Pro­zess, der par­al­lel lau­fe und je­der­zeit wie­der kol­la­bie­ren kön­ne: Ei­ner­seits müss­ten die USA mit den Ta­li­ban zur Über­ein­kunft ge­lan­gen, dass ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen noch meh­re­re Jah­re in Af­gha­nis­tan sta­tio­niert blei­ben dürf­ten, um ei­nen even­tu­el­len Frie­dens­schluss zu über­wa­chen. Kommt es in die­ser Fra­ge zu ei­ner Ei­ni­gung, könn­ten ernst­haf­te in­ne­raf­gha­ni­sche Ge­sprä­che be­gin­nen.

Da der Kon­flikt mi­li­tä­risch nicht zu lö­sen ist, wird die Re­gie­rung den Auf­stän­di­schen po­li­tisch ent­ge­gen­kom­men müs­sen: ei­ne Be­tei­li­gung an der Re­gie­rung wä­re denk­bar – et­wa in Form von Mi­nis­ter­pos­ten. Oder die of­fi­zi­el­le Über­tra­gung von Ter­ri­to­ri­en, das die Ta­li­ban dann selbst­stän­dig re­gie­ren könn­ten. Denk­bar wä­re auch ein Mo­dell wie im Iran mit ei­nem geist­li­chen Ober­haupt, das über den Köp­fen der po­li­ti­schen Füh­rung in­stal­liert wer­den könn­te.

Sor­gen ha­ben be­son­ders Ver­tre­ter der af­gha­ni­schen Zi­vil­ge­sell­schaft, der Me­di­en und Frau­en – sie be­fürch­ten, dass sie als Ver­hand­lungs­mas­se be­nutzt wer­den, um den Ta­li­ban ei­nen Frie­dens­schluss ab­zu­trot­zen.

Drei Jahr­zehn­te nach­dem die so­wje­ti­sche Ar­mee ge­schla­gen aus Af­gha­nis­tan ab­zie­hen muss­te, hat zu­dem Mos­kau sein En­ga­ge­ment in der Re­gi­on wie­der deut­lich ver­stärkt. Wa­shing­ton wirft der rus­si­schen Füh­rung vor, die Ta­li­ban mit Geld und Waf­fen zu un­ter­stüt­zen. Mos­kau strei­tet dies ab.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.