Noch 2000 Ki­lo­me­ter

Die ers­te Flücht­lings­ka­ra­wa­ne aus Hon­du­ras ist in Me­xi­ko-stadt an­ge­kom­men. Dort blei­ben wol­len die we­nigs­ten. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind ihr Ziel.

Tages Anzeiger - - International - Se­bas­ti­an Scho­epp

Mehr als 5000 Mit­tel­ame­ri­ka­ner ha­ben es bis Me­xi­ko-stadt ge­schafft in je­ner Ka­ra­wa­ne, die sich Mit­te Ok­to­ber in Hon­du­ras for­mier­te mit der fes­ten Ab­sicht, ge­mein­sam bis in die USA zu zie­hen. Die Mi­gran­ten ha­ben den Rio Su­ch­ia­te durch­schwom­men, sind He­li­ko­ptern der Grenz­trup­pen ent­kom­men, sie ha­ben die be­rüch­tig­te To­des­rou­te von Ver­a­cruz über­lebt, wo je­des Jahr Hun­der­te Mi­gran­ten ver­schwin­den, er­mor­det, ver­schleppt, in Bor­del­le ver­kauft oder als Dro­gen­ku­rie­re der Kar­tel­le an­ge­wor­ben wer­den. Jetzt cam­pie­ren die An­kömm­lin­ge in ei­ner Sport­an­la­ge im Zen­trum der me­xi­ka­ni­schen Haupt­stadt, wo sie von der Stadt­ver­wal­tung und Men­schen­rechts­grup­pen ver­sorgt wer­den.

Am Frei­tag de­mons­trier­ten Ver­tre­ter der Ka­ra­wa­ne vor dem Bü­ro des Uno-ver­tre­ters und ba­ten dar­um, man mö­ge ih­nen Bus­se zur Ver­fü­gung stel­len. Bis zur Us-gren­ze sind es noch gut 2000 Ki­lo­me­ter, vie­le da­von durch die Wüs­te und das Ter­ri­to­ri­um der Dro­gen­kar­tel­le. Am Abend woll­ten die Mi­gran­ten ent­schei­den, wann sie wei­ter­zie­hen – mit oder oh­ne Bus. Man­che ha­ben ge­nug und wol­len in Me­xi­ko blei­ben, das ih­nen – wohl auf Druck der USA – das Blei­be­recht an­ge­bo­ten hat.

Vie­le Fa­mi­li­en

Tau­sen­de Mit­tel­ame­ri­ka­ner sind noch in wei­te­ren Ka­ra­wa­nen auf dem Weg, na­tür­lich jun­ge Män­ner, aber auch sehr vie­le Fa­mi­li­en, Paa­re mit Kin­der­wa­gen, so­gar Roll­stuhl­fah­rer und Min­der­jäh­ri­ge. Et­wa 2000 Kin­der wol­len die Be­hör­den in Gua­te­ma­la auf­ge­grif­fen ha­ben.

Doch ei­gent­lich sind sie nur ein klei­ner Teil der Men­schen­mas­sen, die sich jähr­lich auf den Weg ma­chen, um Ar­mut und Ge­walt in Mit­tel­ame­ri­ka zu ent­kom­men. Mar­ta Sán­chez So­ler von der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Mov­imi­en­to Mi­gran­te Me­soame­ri­ca­no spricht von ei­nem Exo­dus. 2017 ha­ben laut der UNO 294 000 Men­schen aus Gua­te­ma­la, Hon- du­ras und El Sal­va­dor ei­ne An­er­ken­nung als Flücht­lin­ge be­an­tragt – 16-mal so vie­le wie 2011. Je­ne aber, die in kei­ner Sta­tis­tik auf­tau­chen, weil sie in der Il­le­ga­li­tät ver­har­ren, dürf­ten klar in der Mehr­zahl sein.

Mar­ta Sán­chez ar­bei­tet zu­sam­men mit der deut­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Me­di­co In­ter­na­tio­nal, de­ren Ver­tre­ter Mo­ritz Kra­win­kel die Ka­ra­wa­ne be­glei­tet hat. Der So­zio­lo­ge war in Ju­chitán und Sayu­la, wich­ti­ge Zwi­schen­sta­tio­nen in Süd­me­xi­ko. Er be­rich­tet, al­le wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen der Ka­ra­wa­ne wür­den auf «abend­li­chen ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Ver­samm­lun­gen ge­trof­fen». Die Mi­gran­ten kön­nen auf die Un­ter­stüt­zung der lo­ka­len Be­völ­ke­rung zäh­len. Dorf­be­woh­ner ge­ben ih­nen zu es­sen, me­xi­ka­ni­sche Ge­mein­den stel­len Zel­te und Was­ser, mal nimmt sie ein Prit­schen­wa­gen mit, mal ein Bus, aber das meis­te müs­sen sie zu Fuss lau­fen. Ärz­te be­rich­ten, die meis­ten Kin­der in der Ka­ra­wa­ne sei­en krank.

Mit Gott­ver­trau­en un­ter­wegs

Es gibt die un­ter­schied­lichs­ten Ge­rüch­te und Theo­ri­en, wer die Men­schen in Marsch ge­setzt hat. Fragt man aber die Mi­gran­ten selbst, sa­gen sie meist, sie wüss­ten nicht, wer den Auf­ruf ab­ge­setzt ha­be. Es ist ei­ne Ei­gen­dy­na­mik über so­zia­le Netz­wer­ke und Fern­seh­nach­rich­ten ent­stan­den. «Wenn ich al­lei­ne mit mei­ner Toch­ter un­ter­wegs ge­we­sen wä­re, hät­te ich es wahr­schein­lich gar nicht ge­schafft, weil es so ge­fähr­lich ist», sag­te die 26-jäh­ri­ge Hon­du­ra­ne­rin Jo­ha­na Hernán­dez der Nach­rich­ten­agen­tur AP. «Egal, wer sie in­stru­men­ta­li­siert: Die Auf­merk­sam­keit nutzt den Men­schen», sagt Mo­ritz Kra­win­kel, «die Grös­se der Ka­ra­wa­ne schützt sie, und ih­re Flucht­grün­de sind re­al.»

Kra­win­kel gibt der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft ei­ne Mit­schuld: Kaum je­mand ha­be sich um die La­ge in Hon­du­ras ge­küm­mert. Dort re­giert seit 2017 der rechts­na­tio­na­le Prä­si­dent Juan Or­lan­do Hernán­dez, ein Ver­tre­ter der Ober­schicht, des­sen knap­pen Wahl­sieg die Op­po­si­ti­on nie an­er­kannt hat. Hernán­dez herrscht mit­hil­fe von Mi­li­tär und Po­li­zei, die ge­gen al­les Mög­li­che ra­bi­at vor­ge­hen – aus­ser ge­gen die bru­ta­len Ma­ra-ban­den, die gan­ze Land­stri­che ter­ro­ri­sie­ren und den Dro­gen­han­del ab­wi­ckeln. Die Ma­ras re­kru­tie­ren ag­gres­siv Nach­wuchs. Wer sich wei­gert, ris­kiert sein Le­ben. Hon­du­ras und El Sal­va­dor ha­ben mit die höchs­ten Mor­d­ra­ten der Welt.

Vie­le Mi­gran­ten hät­ten ei­nen fast stu­ren Op­ti­mis­mus, sagt Mo­ritz Kra­win­kel. Gott­ver­trau­en und Not trei­ben sie an. Wenn die Ka­ra­wa­ne wei­ter­zieht, muss sie als Nächs­tes das Hoch­land von Zen­tralm­e­xi­ko über­win­den. Schaf­fen sie es bis No­ga­les oder Ti­jua­na, war­tet dort auf der an­de­ren Sei­te des Zauns aber ein wei­te­res Hin­der­nis: die Trup­pen, die Do­nald Trump an die Gren­ze be­or­dert hat.

Fo­to: Spen­cer Platt (Get­ty Images)

Es scheint, als las­se sich die Flücht­lings­ka­ra­wa­ne auf ih­rem Weg in die USA durch nichts auf­hal­ten.

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