Mo­lo­tow-cock­tails ge­gen Im­ple­nia-bau­stel­le

Im­ple­nia hat als ers­te gros­se aus­län­di­sche Bau­fir­ma im bis­her ab­ge­schot­te­ten fran­zö­si­schen Markt ei­nen Gross­auf­trag er­hal­ten. Auf der gröss­ten Ver­kehrs­bau­stel­le in Pa­ris hat der Schwei­zer Bau­kon­zern nun aber un­er­war­te­te Pro­ble­me.

Tages Anzeiger - - Wirtschaft - Ri­ta Flub­acher, Pa­ris

We­ni­ge Me­ter nur tren­nen das zwan­zigstö­cki­ge Hoch­haus von dem kreis­run­den Mons­ter­loch in der Er­de. Dort, in ei­ner Tie­fe von fast 30 Me­tern, fah­ren Baumaschinen her­um, Ar­bei­ter ver­schwin­den in den zwei Stol­len, die recht­wink­lig da­zu in den Berg füh­ren. Bald wird ei­ne rie­si­ge Bohr­ma­schi­ne, wie sie beim Gott­hard-ba­sis­tun­nel ein­ge­setzt wor­den ist, ei­nen Tun­nel aus­frä­sen. Im­ple­nia hat in Pa­ris zwei Tun­nel­bohr­ma­schi­nen im Ein­satz, je­de ist 120 Me­ter lang und wiegt 3000 Ton­nen.

Die Fas­zi­na­ti­on, wel­che die Be­su­cher beim An­blick der Bau­stel­le er­greift, wird im Hoch­haus ne­ben­an gar nicht ge­teilt. Im Ge­gen­teil: Die Be­woh­ner zei­gen seit Bau­be­ginn ih­ren Är­ger, in­dem sie Ab­fäl­le in die Tie­fe wer­fen. Im ver­gan­ge­nen Hit­ze­som­mer flo­gen gar Mo­lo­tow-cock­tails aus den Fens­tern. Nun schüt­zen im­pro­vi­sier­te Dä­cher die Bau­ar­bei­ter auf dem Weg von den Bau­lei­tungs­con­tai­nern zum Lift, der sie in die Tie­fe bringt.

Die U-bahn-sta­ti­on ver­treibt Quar­tier­be­woh­ner

Im Bau­kra­ter wird der­einst die Me­tro­sta­ti­on La Dhuys ste­hen, durch wel­che die Li­nie 11 von der öst­li­chen Pa­ri­ser Stadt­gren­ze in die Ban­lieue füh­ren wird. Zum Bau­lärm fast rund um die Uhr, dem die Be­woh­ner des Hoch­hau­ses aus­ge­setzt sind, kom­men Ängs­te da­zu. Die Be­woh­ner wer­den mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit aus­zie­hen und ei­ne neue Bil­lig­blei­be noch wei­ter weg von Pa­ris su­chen müs­sen. «Die Bau­stel­le be­fin­det sich in ei­nem der ärms­ten Quar­tie­re der Ban­lieue», er­klärt Oli­vier Böck­li, Chef von Im­ple­nia Fran­ce. Die Häu­ser im Um­kreis von 250 Me­tern zur UBahn-sta­ti­on wür­den ab­ge­ris­sen oder um­ge­baut.

Die Re­gio­nal­po­li­ti­ker vor den To­ren von Pa­ris hof­fen, dass die als tris­te Schlaf­städ­te mit enor­men so­zia­len Pro­ble­men ver­schrie­nen Ban­lieues mit neu­en at­trak­ti­ven Wohn-, Bü­ro-und Ge­wer­be­im­mo­bi­li­en rund um die Me­tro­sta­tio­nen ihr schlech­tes Image ver­lie­ren. Die Vor­ga­ben aus der Po­li­tik sind auf dem Pa­pier klar: Es sol­len ge­misch­te Quar­tie­re ge­baut wer­den, in de­nen es so­wohl So­zi­al­woh­nun­gen als auch Ob­jek­te zu Markt­prei­sen gibt. Nicht nur die Be­woh­ner des Hoch­hau­ses bei La Dhuys, die samt und son­ders in So­zi­al­woh­nun­gen le­ben, müs­sen wei­chen. In den Pa­ri­ser Me­di­en be­kla­gen sich mitt­ler­wei­le auch Mit­tel­stands­fa­mi­li­en, dass das Woh­nen in den Vo­r­or­ten zu teu­er wer­de. Schon jetzt, Jah­re vor der Fer­tig­stel­lung der neu­en U-bahn-li­nie, schies­sen die Im­mo­bi­li­en­prei­se in die Hö­he. Und La Dhuys ist nur ei­ne von 300 Bau­stel­len in den Pa­ri­ser Vo­r­or­ten. Wenn die Baumaschinen der­einst ab­zie­hen, wird ei­ne Ring-u-bahn mit 63 neu­en Sta­tio­nen in Be­trieb ge­hen. Ziel des Pro­jekts «Grand Pa­ris Ex­press», das sich rühmt, Eu­ro­pas gröss­tes In­fra- struk­tur­pro­jekt zu sein, ist die Er­schlies­sung und An­bin­dung der Ban­lieue und der Flug­hä­fen an die Stadt Pa­ris. Draus­sen woh­nen mehr als zehn Mil­lio­nen Ein­woh­ner, drin­nen, al­so auf Pa­ri­ser Stadt­ge­biet, sind es nur rund zwei Mil­lio­nen Men­schen.

Dass das gröss­te Schwei­zer Bau­un­ter­neh­men Im­ple­nia im Un­ter­grund der Sei­ne-me­tro­po­le mit­wühlt, wird von Oli­vier Bö- ck­li als nicht selbst­ver­ständ­lich be­zeich­net. Der na­tio­na­le fran­zö­si­sche Bau­markt wird im We­sent­li­chen von den drei Rie­sen Vin­ci, Bouy­gues und Eif­fa­ges do­mi­niert. Die aus­län­di­sche Kon­kur­renz spricht von ei­nem ab­ge­schot­te­ten, ge­schütz­ten Markt. Und so wä­re es wohl auch beim Grand Pa­ris Ex­press ab­ge­lau­fen. Doch es kam zu Ver­zö­ge­run­gen, die so­gar den na­tio­na­len Rech­nungs­hof, die obers­te fran­zö­si­sche Fi­nanz­kon­trol­le, auf den Plan rie­fen. Im­mer­hin sol­len bis zur Fer­tig­stel­lung zwi­schen 2024 (Olym­pi­sche Som­mer­spie­le) und 2030 ge­gen 40 Mil­li­ar­den Eu­ro in das gi­gan­ti­sche Pro­jekt flies­sen. Des­halb ent­schloss sich die Bau­herr­schaft, die So­cié­té du Grand Pa­ris, zu ei­ner Öff­nung des Mark­tes und da­mit zu mehr Wett­be­werb.

2016 ge­lang es Im­ple­nia, den Auf­trag für ein Teil­stück der Li­nie 11 zu er­gat­tern. Ge­samt­vo­lu­men des Auf­trags: 253 Mil­lio­nen Eu­ro. An dem Kon­sor­ti­um sind ne­ben den Schwei­zern zwei fran­zö­si­sche Un­ter­neh­men so­wie der ita­lie­ni­sche Bau­kon­zern Piz­za­rot­ti zu je 25 Pro­zent be­tei­ligt. Ge­baut wer­den un­ter an­de­rem vier Me­tro­sta­tio­nen, dar­un­ter La Dhuys, so­wie ein drei Ki­lo­me­ter lan­ger Tun­nel.

Ad­mi­nis­tra­ti­ve Hür­den schre­cken Aus­län­der ab

Nur zwei Mo­na­te spä­ter hol­te sich Im­ple­nia mit den glei­chen Kon­sor­ti­al­part­nern ei­nen wei­te­ren Auf­trag auf der Li­nie 15. Sie bau­en für 363 Mil­lio­nen Eu­ro zwei Tun­nel­ab­schnit­te von ins­ge­samt sie­ben Ki­lo­me­ter Län­ge. Laut Oli­vier Böck­li sind der­zeit mit Im­ple­nia, Piz­za­rot­ti und der eben­falls ita­lie­ni­schen Sa­li­niIm­p­re­gi­lo erst drei aus­län­di­sche Bau­un­ter­neh­men beim Grand Pa­ris Ex­press tä­tig. Zu den gros­sen Ab­we­sen­den in der Bran­che zäh­len deut­sche und ös­ter­rei­chi­sche Bau­kon­zer­ne. Böck­li ver­mu­tet, dass der fran­zö­si­sche Markt für die­se Un­ter­neh­men we­gen der kul­tu­rel­len und ad­mi­nis­tra­ti­ven Hür­den «zu kom­plex und zu we­nig er­folg­ver­spre­chend» sei. Und: «Die fran­zö­si­sche Spra­che ist eben­falls nicht weit ver­brei­tet.»

Zu den Ei­gen­hei­ten des fran­zö­si­schen Ar­beits­mark­tes ge- hört, dass Un­ter­neh­men ver­pflich­tet sind, 50 000 Ar­beits­stun­den durch Lang­zeit­ar­beits­lo­se zu be­strei­ten. Die zu­meist un­qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­kräf­te wer­den von Tem­po­r­är­bü­ros ver­mit­telt. Die «re­la­tiv ho­he Fluk­tua­ti­ons­ra­te», so Böck­li, deu­te dar­auf hin, dass die In­te­gra­ti­on der Ar­beits­lo­sen in die Be­rufs­welt we­nig er­folg­reich sein dürf­te. Sicht­lich mehr Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet dem Im­ple­nia-fran­ceChef der Um­stand, dass nur we­ni­ge An­ge­stell­te aus der Schweiz Lust be­kun­den, für ei­ni­gen Jah­re in Frank­reich zu ar­bei­ten. Ei­ne der Er­klä­run­gen da­für dürf­te das gros­se Lohn­ge­fäl­le zwi­schen der Schweiz und Frank­reich sein. Auf den bei­den Im­ple­nia-bau­stel­len in Pa­ris ar­bei­ten vor al­lem Fran­zo­sen und Por­tu­gie­sen.

Für Im­ple­nia ist mit den bei­den Bau­lo­sen in Pa­ris der Ein­stieg in den fran­zö­si­schen Markt ge­lun­gen. Die 2014 ge­grün­de­te Im­ple­nia Fran­ce macht der­zeit rund 60 Mil­lio­nen Fran­ken Um­satz pro Jahr und be­schäf­tigt 100 Festan­ge­stell­te. Zu den wei­te­ren Auf­trä­gen ge­hört un­ter an­de­rem der Bau ei­nes Tun­nel­ab­schnitts für die Me­tro in Lyon.

Von ei­ner ver­gleich­ba­ren Markt­öff­nung kön­nen aus­län­di­sche Bahn­her­stel­ler nur träu­men. Der Auf­trag für 1000 UBahn-wa­gen, die auf den neu­en U-bahn-li­ni­en fah­ren wer­den, ging über­ra­schungs­frei an den na­tio­na­len Platz­hirsch Al­st­om. Die Pres­se­spre­che­rin der So­cié­té du Grand Pa­ris be­teu­ert, es ha­be sehr wohl ei­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­schrei­bung ge­ge­ben. Aber Al­st­om ha­be eben die bes­te Of­fer­te ab­ge­ge­ben.

Auf den bei­den Bau­stel­len von Im­ple­nia in Pa­ris ar­bei­ten vor al­lem Fran­zo­sen und Por­tu­gie­sen.

Die Be­sich­ti­gung der Bau­stel­le wur­de un­ter an­de­rem von Im­ple­nia, Al­st­om und So­cié­té du Grand Pa­ris er­mög­licht.

Fo­to: Hans­jörg Eg­ger

Im­ple­nia-ar­bei­ter im Stol­len der neu­en Pa­ri­ser U-bahn-li­nie.

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