Raiff­ei­sen-chef Gi­sel tritt per so­fort zu­rück

Bis ein Nach­fol­ger ge­fun­den ist, über­nimmt sein Stell­ver­tre­ter Micha­el Au­er die Lei­tung. Da­nach ver­lässt er die Bank.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - Ar­thur Ru­tis­hau­ser

Pa­trik Gi­sel muss nach 19 Jah­ren bei der Raiff­ei­sen per so­fort zu­rück­tre­ten. Kein schö­ner Ab­gang für ei­nen Mann, der nach 16 Jah­ren, die er im Schat­ten von Pie­rin Vin­cenz stand, die dritt­gröss­te Bank der Schweiz führ­te. Sein Nach­fol­ger wird bis auf wei­te­res Micha­el Au­er. Zum Ver­häng­nis wur­de Gi­sel sei­ne Af­fä­re mit Lau­rence de la Ser­na. Die­se war bis zum 16. Ju­ni Ver­wal­tungs­rä­tin bei Raiff­ei­sen – und da­mit ein Mit­glied des Gre­mi­ums, das Gi­sel kon­trol­lie­ren muss­te und auch über des­sen Ver­bleib an der Spit­ze der Bank ent­schei­den konn­te.

Nun ist es al­so de­fi­ni­tiv. Pa­trik Gi­sel muss nach 19 Jah­ren bei Raiff­ei­sen als CEO per so­fort zu­rück­tre­ten. Dies, um die öf­fent­li­che De­bat­te um sei­ne Per­son ab­zu­schlies­sen und der Raiff­ei­sen-grup­pe zu er­mög­li­chen, sich auf die zu­künf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen zu kon­zen­trie­ren, heisst es in ei­ner Stel­lung­nah­me von Raiff­ei­sen Schweiz.

Kein schö­ner Ab­gang für ei­nen Mann, der nach 16 Jah­ren, die er im Schat­ten von Pie­rin Vin­cenz stand, die dritt­gröss­te Bank der Schweiz führ­te. Zum Ver­häng­nis wur­de ihm zum Schluss sei­ne Af­fä­re mit der ehe­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rä­tin Lau­rence de la Ser­na. De la Ser­na stammt aus Genf und lei­tet seit zehn Jah­ren die Avia­tik­fir­ma Je­an Gal­lay, die in Fa­mi­li­en­be­sitz ist. Da­ne­ben war sie bis zum 16. Ju­ni Ver­wal­tungs­rä­tin bei Raiff­ei­sen. So­mit war sie Mit­glied des Gre­mi­ums, das Gi­sel kon­trol­lie­ren muss­te und auch über sei­nen Ver­bleib an der Spit­ze der Bank ent­schei­den konn­te. Ge­hen muss­te Gi­sel nicht, weil er sich ver­liebt, son­dern weil er die Be­zie­hung vor den üb­ri­gen Ver­wal­tungs­rä­ten ver­heim­licht hat­te, bis er nach Me­di­en­an­fra­gen letz­ten Frei­tag al­les beich­ten muss­te. Das brach­te das Fass zum Über­lau­fen.

Es ist ei­ne Schwä­che Gi­sels, dass er im­mer nur das zu­gibt, was sich nicht mehr ver­heim­li­chen lässt. So ge­riet er in den Stru­del um die Af­fä­re sei­nes Vor­gän­gers, ge­gen den ei­ne Straf­un­ter­su­chung we­gen un­ge­treu­er Ge­schäfts­be­sor­gung läuft. Vin­cenz soll sich bei Fir­men­käu­fen be­rei­chert ha­ben. Vin­cenz und ei­ner sei­ner Ge­schäfts­part­ner sas­sen des­we­gen drei Mo­na­te in U-haft. Gi­sel selbst zählt nicht zu den Be­schul­dig­ten.

Aber er schaff­te es nicht, sich von sei­nem Vor­gän­ger und Men­tor zu lö­sen. Als er vor ei­nem Jahr von der «Sonn­tags­zei­tung» mit der Fra­ge kon­fron­tiert wur­de, ob es ei­ne Un­ter­su­chung der Fi­nanz­markt­auf­sicht Fin­ma zur Ära Vin­cenz ge­be, leug­ne­te er das glatt – nur um es ei­ne Wo­che spä­ter un­ter Druck zu­zu­ge­ben. In ei­nem In­ter­view vom 14. Fe­bru­ar die­ses Jah­res sag­te er zur Un­ter­su­chung: «Die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen sind aus un­se­rer Sicht nicht dra­ma­tisch.» Zu die­sem Zeit­punkt kann­te er be­reits ei­ne pro­vi­so­ri­sche Ver­si­on des Un­ter­su­chungs­be­richts. Als es im Fe­bru­ar dann zu Haus­durch­su­chun­gen und zur Ver­haf­tung Vin­cenzs kam, reich­te Gi­sel in letz­ter Mi­nu­te ei­ne Straf­an­zei­ge ein. Am 18. Ju­ni gab die Fin­ma dann be­kannt, dass es bei Raiff­ei­sen zu «schwer­wie­gen­den Män­geln in der Un­ter­neh­mens­füh­rung» ge­kom­men sei. In der Mel­dung war auch die Re­de von zwei Kom­pe­tenz­über­schrei­tun­gen der Ge­schäfts­lei­tung bei der Kre­dit­ver­ga­be, de­ren stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der Gi­sel war. Im ers­ten Fall ging es um ei­ne Kre­dit­li­nie von 400 Mil­lio­nen Fran­ken, im zwei­ten um ei­nen Kre­dit von 1,5 Mil­lio­nen Fran­ken an Pie- rin Vin­cenz per­sön­lich. In bei­den Fäl­len hät­te der Ver­wal­tungs­rat bei­ge­zo­gen wer­den müs­sen, was aber nicht ge­schah.

Nach dem Ab­gang Gi­sels wird Micha­el Au­er, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Ge­schäfts­lei­tung, die ope­ra­ti­ve Füh­rung bis auf wei­te­res über­neh­men. Wenn ein neu­er CEO ge­fun­den ist, wird er Raiff­ei­sen auf ei­ge­nen Wunsch ver­las­sen. Au­er: «Da­mit möch­te ich im Rah­men der ak­tu­el­len Dis­kus­sio­nen den Weg frei ma­chen für ei­nen kon­struk­ti­ven und zu­kunfts­ge­rich­te­ten Dia­log zwi­schen den Raiff­ei­sen-ban­ken und Raiff­ei­sen Schweiz.»

Fo­to: Keysto­ne

Kein schö­ner Ab­gang für Pa­trik Gi­sel.

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