Tour de gu­er­re

Frank­reich ge­denkt des En­des des Ers­ten Welt­kriegs – mit ei­nem bom­bas­ti­schen Pro­gramm und ei­nem Prä­si­den­ten, der schon jetzt sei­nen Platz in der Ge­schich­te ein­for­dert.

Tages Anzeiger - - Hintergrund - Na­dia Pan­tel

Emi­le, Au­gus­te, Os­car. Die Na­men auf den Kreu­zen in Ver­dun klin­gen vertraut. Es sind ge­nau die Na­men, die heu­te auf den Spiel­plät­zen in Pa­ris ge­ru­fen wer­den, wenn die El­tern ih­re Kin­der in der Sand­kis­te su­chen. Die El­tern in Ber­lin ru­fen das­sel­be: Emil, Au­gust, Os­car. An Schau­keln und Wip­pen herrscht heu­te deutsch-fran­zö­si­sche Ei­nig­keit, dass das Ver­gan­ge­ne schön ist. Als aber vor hun­dert Jah­ren die jun­gen Os­cars bei­der Län­der alt ge­nug wa­ren, ein Ge­wehr zu hal­ten, schos­sen sie auf­ein­an­der. Vor dem Bein­haus von Ver­dun ha­ben 16 000 der Ge­tö­te­ten ein ei­ge­nes Kreuz be­kom­men, sie ru­hen in Reih und Glied.

Jen­seits der Sand­kis­ten ist die Wie­der­kehr der Zeit der Gross- und Ur­gross­vä­ter schmerz­haft. «Wir er­le­ben ei­nen Mo­ment, der der Zeit zwi­schen den Krie­gen äh­nelt.» Die Ana­ly­se, die Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron sei­ner Rei­se auf den Spu­ren des Ers­ten Welt­kriegs vor­aus­schick­te, tei­len vie­le, die mor­gens ei­ne Zei­tung le­sen und abends bei ei­ner his­to­ri­schen Do­ku hän­gen blei­ben. Po­li­ti­ker, die ih­re Län­der als Op­fer frem­der Ag­gres­sio­nen in­sze­nie­ren. Bür­ger, die auf der Su­che nach ein­fa­chen Ant­wor­ten ge­nau die­se Po­li­ti­ker wäh­len. Ei­ne wirt­schaft­li­che Un­si­cher­heit, die den Jun­gen die Hoff­nung raubt und den Al­ten die Ge­wiss­heit. Es braucht nicht viel Fan­ta­sie, um in der Ge­gen­wart die 20er­und 30er-jah­re wie­der­zu­er­ken­nen. Um aber in sich selbst den Hoff­nungs­trä­ger die­ser Ge­gen­wart zu se­hen, braucht es die selbst­be­wuss­te­re Schwes­ter der Fan­ta­sie, es braucht die Vi­si­on.

Der Ver­gan­gen­heit wi­der­ste­hen

«Man muss die Ver­gan­gen­heit im Kopf ha­ben, um zu wis­sen, wie man ihr wi­der­steht.» In ei­nem In­ter­view mit ei­ner Grup­pe Lo­kal­zei­tun­gen hat Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron An­fang der Wo­che so den Sinn sei­ner Ge­denk­tour­nee zu­sam­men­ge­fasst. Schaut man ihm ein paar Ta­ge lang da­bei zu, wie er mit auf­rech­tem Rü­cken und erns­tem Blick Frank­reichs frü­he­re Schlacht­fel­der ab­schrei­tet, dann sieht man nicht nur ei­nen, der die al­ten Hel­den ehrt. Dann lernt man ei­nen ken­nen, der sei­nen Platz als Held in der Ge­schich­te ein­for­dert.

Mor­han­ge in Loth­rin­gen. Der Ne­bel ist an die­sem No­vem­ber­mor­gen so dicht, dass die Strom­mas­ten nur ih­re Füs­se zei­gen. Im Au­gust 1914 tö­te­te das Feu­er der deut­schen Ar­til­le­rie hier 40 000 fran­zö­si­sche Sol­da­ten. Al­lein am 22. Au­gust, es war ein Sams­tag, star­ben 27 000 jun­ge Män­ner. «Glor­reich ge­fal­len» steht auf dem Mahn­mal am Rand des Dor­fes, das an ei­ne der ers­ten Schlach­ten die­ses kaum glor­rei­chen Krie­ges er­in­nert. Die Bäu­me leuch­ten gelb, die Uni­for­men des Mi­li­tärs sind gol­den be­stickt, und die ge­la­de­nen Gäs­te stel­len das Flüs­tern ein, als der Re­nault des Prä­si­den­ten vor­fährt.

Ma­cron steigt aus und läuft schwei­gend die Rei­hen der sa­lu­tie­ren­den Sol­da­ten ab. Seit St­un­den liegt ein Blu­men­kranz be­reit, blau ein­ge­färb­te Dahli­en, weis­se Ro­sen, ro­te Ger­be­ra. Als Ma­cron ihn vor das Mahn­mal legt, wird ein gros­ses Stück Stoff zur Sei­te ge­zo­gen und gibt den Blick auf die neue In­schrift frei: «5. No­vem­ber 2018. Mon­sieur Em­ma­nu­el Ma­cron, Prä­si­dent der Re­pu­blik, hat hier die fran­zö­si­schen Sol­da­ten ge­ehrt, die in den blu­ti­gen Kämp­fen des Au­gust 1914 ge­tö­tet wur­den. Hun­dert Jah­re spä­ter ver­pflich­tet ihr Op­fer uns da­zu, den Frie­den zu ver­tei­di­gen.» Die To­ten von Mor­han­ge blei­ben na­men­los, der neue Frie­dens­held ist ein Mann von 40 Jah­ren, der den Krieg nur aus Er­zäh­lun­gen kennt. An sei­nen dunk­len Woll­man­tel hat er ei­ne Korn­blu­me aus Stoff ge­hef­tet, seit mehr als hun­dert Jah­ren Frank­reichs Gruss an sei­ne Ve­te­ra­nen.

Sie­ben Ta­ge lang reist der Prä­si­dent den frü­he­ren Front­ver­lauf des Ers­ten Welt­kriegs ent­lang. Die Tour ist der Hö­he­punkt ei­nes bom­bas­ti­schen Ge­denk­pro­gramms, das 2014 un­ter Ma­crons Vor­gän­ger François Hol­lan­de sei­nen An­fang nahm. «La Gran­de Gu­er­re» nen­nen sie den Ers­ten Welt­krieg, den gros­sen Krieg. Fast je­de fran­zö­si­sche Fa­mi­lie hat vor hun­dert Jah­ren ei­nen Va­ter ver­lo­ren, ei­nen Sohn, ei­nen On­kel, doch der Sieg über die Deut­schen gab ih­rem Mar­ty­ri­um ei­nen Sinn. Seit Jahr­hun­der- ten sind die Fran­zo­sen dar­an ge­wöhnt, die Ge­schich­te ih­res Lan­des als ei­ne Se­rie von Er­fol­gen zu le­sen, die von Mut und Frei­heits­lie­be er­zählt. Im Zwei­ten Welt­krieg ge­rät die­se Er­zäh­lung ins Sto­cken, vier Jah­re lang kon­trol­liert Hit­ler mit fran­zö­si­scher Un­ter­stüt­zung das Land. Um­so wich­ti­ger ist es, dass die Er­in­ne­rung an La Gran­de Gu­er­re oh­ne Ma­kel bleibt.

Na­tio­na­le oder Pro­gres­sis­ten

Das 100-Jahr-ju­bi­lä­um des kur­zen Frie­dens von 1918 soll für Ma­cron die Büh­ne wer­den, auf der er den Fran­zo­sen be­wei­sen will, dass er nicht nur Vi­sio­nen hat, son­dern auch Ge­füh­le. Noch sechs Mo­na­te sind es bis zur Eu­ro­pa­wahl. Frank­reichs Op­po­si­ti­on hat sie zur Grund­satz­ab­stim­mung über die In­nen­po­li­tik er­klärt, und Ma­cron hat sich dar­auf ein­ge­las­sen. Es gibt nun nur noch Gut oder Bö­se be­zie­hungs­wei­se Na­tio­na­le oder Pro­gres­sis­ten, wie er es nennt. Be­haup­te­te Ma­cron als Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat noch, ideo­lo­gi­sche La­ger über­win­den zu wol­len, hat er sich nun ein­fach neue Ka­te­go­ri­en aus­ge­dacht.

Der Prä­si­dent hat sich auf die Ge­denk­fei­ern ge­stürzt wie auf ein lang er­sehn­tes Ge­schenk. Al­lein die Ter­mi­ne vom 4. bis zum 11. No­vem­ber fül­len ein klei­nes Buch. Dau­er­haft von Ka­me­ras be­glei­tet, zeigt sich Ma­cron als Wel­ten­len­ker, Bür­ger­freund, Wirt­schafts­fach­mann, Li­te­ra­tur­ken­ner und Frie­dens­fürst. Er traf am ver­gan­ge­nen Sonn­tag den deut­schen Bun­des­prä­si­den­ten, am Di­ens­tag den Prä­si­den­ten von Ma­li, am Frei­tag die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin, heu­te die deut­sche Kanz­le­rin, und am Sonn­tag ver­sam­melt er am Tri­umph­bo­gen Staats- und Re­gie­rungs­chefs aus mehr als sieb­zig Län­dern, dar­un­ter Do­nald Trump, Wla­di­mir Pu­tin, Re­cep Tay­yip Er­do­gan. Zwi­schen­drin be­sucht er vier­zehn Ge­mein­den, trifft Lo­kal­po­li­ti­ker, Bür­ger­meis­ter, geht mit Schü­lern in die Kan­ti­ne es­sen. Kei­ner soll ihm vor­wer­fen kön­nen, er ste­he nicht in Kon­takt mit der Be­völ­ke­rung.

Doch am En­de fehlt auf die­ser Rei­se das Ent­schei­den­de: Mo­men­te, in de­nen Ma­cron auf Be­geis­te­rung stösst. Es sei denn, man zählt sei­ne Be­geg­nung mit drei 16-jäh­ri­gen Schü­le­rin­nen da­zu, die sich mit ihm fo­to­gra­fie­ren las­sen und da­nach kurz in Ek­s­ta­se ge­ra­ten: «Er riecht so gut!»

Wäh­rend sich die Spei­cher­kar­ten der Fran­zo­sen mit Ma­cron-sel­fies fül­len, mel­det das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Ela­be am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag ein neu­es Be­liebt­heits­tief des Prä­si­den­ten. Nur 27 Pro­zent der Fran­zo­sen glau­ben, dass ihr Prä­si­dent «den Pro­ble­men des Lan­des ef­fi­zi­ent ent­ge­gen­tre­ten» kann. Die Grün­de für den Un­mut hört man auch auf die­ser Rei­se. Die Fran­zo­sen schrei­en sie über die Ab­sper­run­gen hin­weg. Zum Bei­spiel vor dem Rat­haus in Pont-à-mous­son an der Mo­sel, als Ma­cron win­kend auf dem aus­ge­stor­be­nen Markt­platz steht. «Buuuh», schreit Eli­se Le Gl­u­her. Sie sei ex­tra ge­kom­men, «um zu me­ckern», sagt die So­zi­al­ar­bei­te­rin. «Die­je­ni­gen, die sich an­stren­gen sol­len, sind im­mer die Mit­tel­schicht und die Ar­men. Ich se­he um mich her­um, wie Men­schen ar­bei­ten und trotz­dem im­mer pre­kä­rer le­ben», sagt sie. Die Kauf­kraft sinkt, die Ab­nei­gung ge­gen Ma­cron steigt.

Ma­crons feh­len­des Ge­spür

Gut mög­lich, dass Ma­cron die Wahr­heit sagt, wenn er be­tont, wie egal ihm die Um­fra­gen sind. Weil er dar­an glaubt, dass sei­ne Po­li­tik rich­tig ist. Manch­mal macht ihn die­se Stur­heit stark. Zum Bei­spiel, als er die Bahn­re­form trotz Streik durch­setzt, weil er sei­nem Wahl­pro­gramm treu blei­ben will. In an­de­ren Mo­men­ten wirkt es, als feh­le ihm je­des Ge­spür. Am Mitt­woch er­klärt er vor lau­fen­den Ka­me­ras, dass es «le­gi­tim» sei, Phil­ip­pe Pé­tain im Rah­men ei­ner mi­li­tä­ri­schen Ze­re­mo­nie im In­va­li­den­dom zu eh­ren. Pé­tain, der als Ober­be­fehls­ha­ber der Ar­mee in Ver­dun als Held des Ers­ten Welt­kriegs gilt, aber 1940 zum fran­zö­si­schen Un­ter­stüt­zer Na­zi­deutsch­lands wur­de. Heu­te be­strei­tet nie­mand mehr, dass er den Tod von mehr als 70 000 fran­zö­si­schen Ju­den mit­ver­ant­wor­tet. Doch vie­len Fran­zo­sen ge­lingt es, sich Pé­tain als zwei­ge­teil­ten Men­schen vor­zu­stel­len. Der frü­he, gu­te Pé­tain und der spä­te, schlech­te. Sol­che Gleich­zei­tig­kei­ten ge­fal­len Ma­cron. «Das po­li­ti­sche Le­ben, so wie die Na­tur des Men­schen, ist manch­mal kom­ple­xer, als man glau­ben möch­te», führt er sei­ne Über­le­gun­gen zu Pé­tain aus. Es klingt, als wür­de je­der, der sich ge­gen ei­ne mi­li­tä­ri­sche Eh­rung Pé­ta­ins aus­spricht, un­ter­kom­plex den­ken.

Als sich dann ei­ne Em­pö­rungs­wel­le auf­baut und die jü­di­sche Ge­mein­de von ei­nem «Schock» spricht, re­agiert der Ely­sée-pa­last be­lei­digt. Ma­cron wer­de ver­kürzt wie­der­ge­ge­ben. Erst am Abend kommt die Klar­stel­lung, dass für Pé­tain kein Kranz nie­der­ge­legt wird.

Es wä­re gros­ser Quatsch, Ma­cron ei­nen Re­van­chis­ten zu nen­nen. An­ders als sei­ne Vor­gän­ger wür­digt er Leis­tun­gen und Leid der Force Noi­re, der Sol­da­ten aus den Ko­lo­ni­en. Noch nie hat Frank­reich mit so we­nig mi­li­tä­ri­schem Pomp des Kriegs­en­des ge­dacht. Un­be­irrt vom Ge­ze­ter der Kon­ser­va­ti­ven ver­zich­tet Ma­cron am 11. No­vem­ber auf die tra­di­tio­nel­le Pa­ra­de auf den Champ­sE­ly­sées. Statt­des­sen lädt er Mer­kel, Trump und al­le an­de­ren Staats- und Re­gie­rungs­chefs, die am Wo­che­n­en­de in Pa­ris er­war­tet wer­den, zu ei­ner Frie­dens­kon­fe­renz ein. Wenn sein un­an­ge­mes­se­nes Sin­nie­ren über Pé­tain für et­was steht, dann da­für, dass Ma­cron ein Kind des eu­ro­päi­schen Frie­dens ist. Ihn bin­den kei­ne Ta­bus mehr, sein Geist ist frei. Krieg ist in We­st­eu­ro­pa nur noch ei­ne Er­in­ne­rung der Gros­s­el­tern, der Kon­sens, wie mit die­sem Ge­den­ken um­zu­ge­hen ist, löst sich auf.

Ma­cron hat sich auf die Ge­denk­fei­ern ge­stürzt wie auf ein lang er­sehn­tes Ge­schenk.

Fo­to: Phil­ip­pe Hu­guen (AFP)

Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron bei ei­ner Ge­denk­fei­er auf dem Na­tio­nal­fried­hof von Not­re-da­me de Lo­ret­te, der als gröss­ter Mi­li­tär­fried­hof der Welt gilt.

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