Freun­din des Pu­bli­kums

Einst punk­te­te sie als Zwei­te. Bald ist sie Ubi-prä­si­den­tin und da­mit ers­te An­wäl­tin des Ra­dio- und Tv-pu­bli­kums.

Tages Anzeiger - - Debatte - Clau­dia Blu­mer

Es ist ein Mo­ment gröss­ter Freu­de und gröss­ter Ent­täu­schung. Wenn ei­ne Miss Schweiz ge­kürt wird, dann wird ei­ne an­de­re Zwei­te. Die­se ver­sucht in der Re­gel, Hal­tung zu be­wah­ren, und lä­chelt da­bei ge­quält oder schaut be­lei­digt. Bei Ma­scha Sant­schi war das an­ders. Sie wein­te hem­mungs­los, als im Herbst 2000 das Krön­chen an die Aar­gaue­rin Ma­ha­ra Mck­ay ging. Man sah es auch an den ge­rö­te­ten Au­gen auf dem Sie­ger­bild, bei dem die Vi­zeMiss je­weils die Ge­win­ne­rin flan­kie­ren darf. Das Wei­nen wirk­te ehr­lich, die 19-jäh­ri­ge Ber­ne­rin hat­te die Sym­pa­thie des Pu­bli­kums so­fort auf ih­rer Sei­te. Jo­b­an­ge­bo­te und Wer­be­auf­trä­ge flo­gen ihr zu, ei­ne Zeit­schrift be­zeich­ne­te sie als heim­li­che Miss Schweiz.

Das Pu­bli­kum ist noch im­mer ei­ne star­ke Be­zugs­grös­se für die mitt­ler- wei­le 38-jäh­ri­ge An­wäl­tin und pro­mo­vier­te Ju­ris­tin. Doch ih­re Funk­ti­on hat sich ge­än­dert. Ma­scha Sant­schi ist seit zwei Jah­ren Mit­glied der Un­ab­hän­gi­gen Be­schwer­de­instanz für Ra­dio und Fern­se­hen (UBI), ein neun­köp­fi­ger Spruch­kör­per, der dar­über wacht, dass pu­bli­zis­ti­sche Re­geln ein­ge­hal­ten wer­den. Ab Ja­nu­ar 2019 wird sie Prä­si­den­tin des Gre­mi­ums, wie der Bun­des­rat die­se Wo­che mit­ge­teilt hat. Er wählt die Mit­glie­der der Be­hör­de, die auf Be­schwer­de hin ak­tiv wird. Wer un­sach­ge­mäs­se Be­richt­er­stat­tung be­an­stan­den will, kann sich an die Om­buds­stel­le wen­den und dann – im Fal­le ei­ner Ab­leh­nung – an die UBI.

Me­di­en und Jus­tiz, dar­auf fo­kus­sier­te Ma­scha Sant­schi von An­fang an. Gleich nach der trä­nen­rei­chen Mis­sWahl ging es los mit Re­dak­ti­ons­jobs bei Te­le­zü­ri, Ra­dio BEO (Ber­ner Ober­land) und beim «Blick». Zwi­schen- durch ar­bei­te­te sie in der Kanz­lei ei­nes Me­di­en­an­walts und spä­ter als Ge­richts­schrei­be­rin so­wie als In­for­ma­ti­ons­be­auf­trag­te am Lu­zer­ner Ober­ge­richt. Me­di­en und Jus­tiz, fand sie spä­ter, das müss­te man ver­ei­nen, das sei ei­ne Markt­lü­cke. Vor drei Jah­ren grün­de­te sie mit dem frü­he­ren NZZBun­des­ge­richts­kor­re­spon­den­ten Mar­kus Fel­ber die Fir­ma Sant­schi & Fel­ber Jus­tiz­kom­mu­ni­ka­ti­on. Kun­den sind Jus­tiz­be­hör­den, An­wäl­te oder Fir­men, die sich im Be­reich des Rechts be­we­gen und Hil­fe bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on brau­chen. Es lau­fe gut, sa­gen Fel­ber und Sant­schi.

Und nun al­so das Ubi-prä­si­di­um, ein 25-Pro­zent-job, der sich auf fünf ganz­tä­gi­ge Sit­zun­gen pro Jahr ver­teilt, plus Ak­ten­stu­di­um. Ma­scha Sant­schi ar­bei­tet fast Voll­zeit und be­treut da­ne­ben zu­sam­men mit ih­rem Mann ih­re bei­den klei­nen Mäd­chen. Es kom­me ihr zu­gu­te, dass sie im­mer viel ge­ar­bei­tet ha­be, auch wäh­rend des Stu­di­ums, sagt sie. Sie sei das ho­he Pen­sum ge­wohnt. Ih­re Dis­ser­ta­ti­on zum The­ma «Ex­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on der Ge­rich­te» hat sie so­eben ab­ge­schlos­sen, da­mit gibt es Platz für die künf­ti­ge Auf­ga­be.

Sie hat sich nicht ums Ubi-prä­si­di­um be­wor­ben. Aber ge­freut hat sie sich schon, als Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard sie in die­sem Herbst zum Ge­spräch bat. Da­nach schlug Leuthard dem Bun­des­rat Ma­scha Sant­schi zur Wahl vor. Si­cher auch in der Hoff­nung, dass nun im Gre­mi­um Ru­he ein­keh­ren wer­de. Der heu­ti­ge Prä­si­dent ver­ab­schie­det sich nach nur drei Jah­ren, der Rä­to­ro­ma­ne Vin­cent Au­gus­tin wur­de ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit kaum be­kannt. Viel be­kann­ter war sein Vor­gän­ger, Me­di­en­pro­fes­sor Ro­ger Blum. In sei­ne Fuss­stap­fen tritt nun Ma­scha Sant­schi, Freun­din des Pu­bli­kums.

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