Was ist das für ein La­chen?

Tages Anzeiger - - Debatte - Clau­dia Blu­mer In­land­re­dak­to­rin

Der Film ist ein Pu­bli­kums­hit, so wie vor sechs Jah­ren das Buch. «Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Ar­me ei­ner Schick­se» han­delt von ei­nem jun­gen Mann in ei­ner or­tho­do­xen jü­di­schen Ge­mein­de, von de­ren Re­geln er sich im Lau­fe der Ge­schich­te be­freit. Das ist manch­mal schmerz­haft und trau­rig, aber auch span­nend, fas­zi­nie­rend und lus­tig. Ei­gen­hei­ten der streng­gläu­bi­gen Ju­den wer­den auf über­trie­be­ne Art dar­ge­stellt. Es gibt Leu­te, die fin­den das nicht lus­tig. Ihm sei­en Ju­den, die Witze über Ju­den ma­chen, ver­lei­det, schreibt ein Re­dak­tor der «NZZ am Sonn­tag». Er sei nicht si­cher, ob man aus der Be­liebt­heit des Films für die ge­sell­schaft­li­che Stel­lung der Ju­den po­si­ti­ve Schlüs­se zie­hen kön­ne, und dass der Film To­le­ranz und Ver­ständ­nis ge­gen­über den Or­tho­do­xen för­de­re, be­zweif­le er. Al­ler­dings: Buch­au­tor und Fil­me­ma­cher hat­ten wohl nicht die Mis­si­on, die To­le­ranz zu för­dern. Son­dern eher den An­spruch, zu un­ter­hal­ten und künst­le­ri­schen Kri­te­ri­en zu ge­nü­gen. Doch die Fra­ge ist er­laubt: Darf man Witze ma­chen über Ju­den? Über­haupt: Darf die Mehr­heit über Min­der­hei­ten la­chen? Ich frag­te ei­nen in Zü­rich le­ben­den Ju­den, gläu­big, aber nicht or­tho­dox, wie Buch und Film auf ihn wirk­ten. Er fin­det bei­des un­ter­halt­sam, auch wenn er meint, dass man­che Po­in­ten auf sehr ab­ge­stan­de­nen Kli­schees be­ruh­ten. Was er aber sag­te: Das Ki­no­pu­bli­kum ha­be nach sei­nem Emp­fin­den zu laut ge­lacht, man­che hät­ten sich bei­na­he ge­ku­gelt vor La­chen. Er konn­te das nicht rich­tig deu­ten.

Was war das für ein La­chen? Ein wohl­ge­sinn­tes, lie­be­vol­les? Ei­nes, in dem die Er­leich­te­rung des Ta­bu­bruchs mit­schwingt? End­lich darf man über Ju­den la­chen – und erst noch öf­fent­lich? Wä­re das Pu­bli­kum aus­schliess­lich jü­disch ge­we­sen, hät­te sich die­se Fra­ge nicht ge­stellt. Der Mann hät­te das La­chen ein­ord­nen kön­nen – oder auch das Schwei­gen. Wie in ei­ner Fa­mi­lie, in der man sich ge­gen­sei­tig auf die Schip­pe neh­men darf, in der man sich iro­nisch äus­sern kann über die Ge­mein­schaft oder Ein­zel­ne ih­rer Mit­glie­der. Weil man sich sel­ber im­mer ein Stück weit mit­meint. Beim Wit­ze­er­zäh­len sei ent­schei­dend, wer den Witz er­zählt und aus wel­chem Grund, sag­te Sig­mund Freud. Wür­den Ju­den­wit­ze von Nicht-ju­den er­zählt, sei der Ju­de stets der ko­mi­sche Frem­de und sor­ge al­lein kraft die­ser Rol­le für Be­lus­ti­gung. Das­sel­be sei zwar auch der Fall, wenn Ju­den sel­ber Ju­den­wit­ze er­zähl­ten, so Freud – «doch sie ken­nen ih­re wirk­li­chen Feh­ler, wie de­ren Zu­sam­men­hang, und ih­re Vor­zü­ge. Und der An­teil der ei­ge­nen Per­son am zu Ta­deln­den schafft die sonst schwie­rig her­zu­stel­len­de sub­jek­ti­ve Be­din­gung der Witz­ar­beit.»

Min­der­hei­ten zu par­odie­ren, ist al­so vor al­lem den An­ge­hö­ri­gen der be­tref­fen­den Min­der­heit er­laubt. Bei «Wol­ken­bruch» ist das teil­wei­se ge­ge­ben: Au­tor Tho­mas Mey­er ist jü­disch, aber nicht or­tho­dox. Fil­me­ma­cher Micha­el St­ei­ner ist nichts von bei­dem. Er hat­te aber ei­ne gu­te Ant­wort pa­rat, als er kürz­lich in «Glanz & Glo­ria» auf das heik­le Ter­rain an­ge­spro­chen wur­de, auf dem sich der Film be­wegt. Re­spekt sei zen­tral, sag­te St­ei­ner. Und kei­ne Be­rüh­rungs­angst zu ha­ben. Be­rüh­rungs­angst sei das Schlimms­te, mit ihr stei­ge die Ge­fahr von Feh­lern. Man müs­se sich auf die Din­ge ein­las­sen, das sei sein An­satz, auch im Le­ben. Der Film ist her­vor­ra­gend ge­lun­gen, die Bild­spra­che ist stark, die Ku­lis­se all­täg­lich und vertraut. Der Zu­schau­er be­gibt sich mit Mot­ti Wol­ken­bruch auf die wun­der­li­che Rei­se und fie­bert bis zum Schluss mit ihm mit. Freud wür­de vi­el­leicht sa­gen, die «sub­jek­ti­ve Be­din­gung» sei er­füllt.

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