Wie die Ös­ter­rei­cher die Kern­ener­gie ver­senk­ten

Tages Anzeiger - - Debatte - Bern­hard Odehnal Re­por­ter

Am Abend des 5. No­vem­ber 1978 stand die klei­ne Welt der ös­ter­rei­chi­schen Po­li­tik kopf. Jah­re­lang hat­ten Re­gie­rung, In­dus­trie und Ge­werk­schaf­ten für den Ein­stieg der Al­pen­re­pu­blik in die zi­vi­le Nut­zung der Kern­ener­gie ge­wor­ben. Das ers­te Kraft­werk, na­he der klei­nen Ge­mein­de Zwen­ten­dorf an der Do­nau, war fer­tig­ge­stellt und be­triebs­be­reit. Wei­te­re vier bis fünf Kern­kraft­wer­ke soll­ten fol­gen. Doch an die­sem Sonn­tag sag­te das Stimm­volk mit der denk­bar knapps­ten Mehr­heit von 50,47 Pro­zent Nein zur Atom­kraft.

Hun­der­te Mil­lio­nen wa­ren be­reits in­ves­tiert. 200 hoch qua­li­fi­zier­te Nu­kle­ar­tech­ni­ker ver­lo­ren ih­ren Ar­beits­platz. Das fix­fer­ti­ge Atom­kraft­werk aber wur­de in ei­nen Dorn­rös­chen­schlaf ver­setzt, und so steht es heu­te noch: als Mahn­mal an ei­ne Zeit vor Tscher­no­byl und Fu­kus­hi­ma, als die Kern­spal­tung als Lö­sung al­ler Ener­gie­pro­ble­me galt und End­la­ge­rung kein The­ma war.

Heu­te ge­hört die An­la­ge dem nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Ener­gie­kon­zern EVN, und des­sen Spre­cher Ste­fan Zach führt In­ter­es­sier­te gern durch das bi­zar­re In­ne­re, in dem die Zeit ste­hen blieb. Kipp­schal­ter, Bild­schir­me, Fir­men­lo­gos – al­les ist noch im Ori­gi­nal­zu­stand er­hal­ten. Nir­gends sonst auf der Welt kann man bis ins In­ne­re ei­nes Re­ak­tors vor­drin­gen. Das macht das AKW Zwen­ten­dorf ein­zig­ar­tig. Der Bau des ers­ten AKW war En­de der 60er-jah­re von ei­ner kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rung be­schlos­sen wor­den und in den 70er-jah­ren von der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Al­lein­re­gie­rung un­ter dem le­gen­dä­ren Bun­des­kanz­ler Bru­no Kreis­ky fort­ge­setzt wor­den.

In der Ge­sell­schaft aber wuchs der Wi­der­stand. Das west­lichs­te Bun­des­land Vor­arl­berg war be­son­ders skep­tisch, dort hat­te man Er­fah­rung mit dem Pro­test ge­gen das Schwei­zer Kern­kraft­werk Rü­thi SG, das letzt­end­lich nie ge­baut wur­de. Aber auch im Os­ten Ös­ter­reichs mach­ten Um­welt­schutz­grup­pen mo­bil und wur­den vom gröss­ten Bou­le­vard­me­di­um, der «Kro­nen Zei­tung», un­ter­stützt. Der Streit um die Atom­kraft ent­zwei­te das Land bis hin­ein in die Fa­mi­li­en, er­in­nert sich Ste­fan Zach, der da­mals 13 Jah­re alt war: «Da ent­stan­den see­li­sche Wun­den, die nie mehr ver­heil­ten.»

Kanz­ler Kreis­ky ver­glich die Atom­kraft­geg­ner zwar mit Ter­ro­ris­ten, woll­te den Be­trieb des Kraft­werks aber de­mo­kra­tisch ab­si­chern und ent­schied sich für die Ab­hal­tung der ers­ten Volks­ab­stim­mung in Ös­ter­reich. Dass Kreis­ky bei ei­nem Nein sei­nen Rück­tritt an­kün­dig­te, hat­te fol­gen­schwe­re Kon­se­quen­zen: Auf ein­mal ging es nicht mehr nur um Kern­kraft, son­dern es ging auch um sei­ne Per­son und um die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik. Das dreh­te al­les: Kon­ser­va­ti­ve, die ei­gent­lich für Kern­kraft wa­ren, stimm­ten mit Nein, weil sie ge­gen Kreis­ky wa­ren. Lin­ke Atom­kraft­geg­ner stimm­ten hin­ge­gen mit Ja, weil sie den Kanz­ler hal­ten woll­ten.

Und dann ge­schah im No­vem­ber 1978 das, wo­mit nie­mand wirk­lich ge­rech­net hat­te: Die Atom­kraft wur­de ab­ge­lehnt. Kanz­ler Kreis­ky blieb al­ler­dings trotz­dem im Amt und be­zeich­ne­te spä­ter die Ab­leh­nung der Atom­kraft als bes­ten Ent­scheid sei­ner Amts­zeit. Das ös­ter­rei­chi­sche Par­la­ment be­schloss noch 1978 ein Atom­sperr­ge­setz. Heu­te bie­tet die EVN hier Trai­nings­kur­se für die Zer­le­gung al­ter Atom­kraft­wer­ke an. «Wir glau­ben, dass das Zu­kunft hat», sagt Ste­fan Zach, denn et­wa 30 ty­penglei­che AKW sind in Eu­ro­pa noch in Be­trieb. Sie müs­sen in den kom­men­den Jah­ren oder Jahr­zehn­ten ab­ge­baut wer­den.

Kei­ne Zu­kunft hat­te hin­ge­gen die di­rek­te De­mo­kra­tie in Ös­ter­reich. Nach dem Schock vom No­vem­ber 1978 wur­de das Volk nur mehr ein ein­zi­ges Mal be­fragt – ob Ös­ter­reich der EU bei­tre­ten sol­le. 1994 stimm­te es mit Ja. Volks­be­geh­ren und Volks­be­fra­gun­gen gab es noch ei­ni­ge. Aber im Ge­gen­satz zur Volks­ab­stim­mung sind ih­re Er­geb­nis­se nicht bin­dend und wur­den von der Po­li­tik weit­ge­hend igno­riert.

Fo­to: Bern­hard Odehnal

Ei­ne Volks­ab­stim­mung ver­hin­der­te vor 40 Jah­ren die In­be­trieb­nah­me des Kern­kraft­werks Zwen­ten­dorf.

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