Waids­pi­tal hat Angst vor ei­ner Über­nah­me

Der neue Di­rek­tor der bei­den Zürcher Stadt­spi­tä­ler, An­dré Zemp, tritt Be­fürch­tun­gen ent­ge­gen, das Waid wer­de ge­schwächt.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - (an)

Die Be­leg­schaft des Waids­pi­tals ist ver­un­si­chert. Seit der neue Zürcher Ge­sund­heits­vor­ste­her Andre­as Hau­ri vor sie­ben Wo­chen den Triem­liDi­rek­tor zum Chef über bei­de Stadt­spi­tä­ler ge­macht hat, be­fürch­tet man im Waid ei­ne schlei­chen­de Über­nah­me. Auch die Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te von Zü­rich-nord sor­gen sich um ihr Part­ner­spi­tal, das sie we­gen sei­ner Kom­pe­tenz und Men­sch­lich­keit schät­zen. Nun be­ru­higt der neue Su­per-di­rek­tor: Er wol­le das Waid nicht schwä­chen und auch nicht zum Al­ters­spi­tal ma­chen, sagt An­dré Zemp.

Es war ein Pau­ken­schlag, und er kam über­ra­schend: Am 20. Sep­tem­ber ver­kün­de­te der neue Zürcher Ge­sund­heits­vor­ste­her Andre­as Hau­ri (GLP) vor den Me­di­en, dass Triem­li­di­rek­tor An­dré Zemp ab so­fort bei­de Stadt­spi­tä­ler lei­te und Wai­dDi­rek­tor Lu­kas Fur­ler früh­zei­tig in Pen­si­on ge­he. Von der zu­sam­men­ge­leg­ten Lei­tung ver­spricht sich Hau­ri ein «schnel­les und kon­se­quen­tes Han­deln», wie er sag­te. Die­ses sei nö­tig, um die bei­den Spi­tä­ler aus den ro­ten Zah­len zu füh­ren.

Beim Triem­li hat sich die fi­nan­zi­el­le Schief­la­ge nach der In­be­trieb­nah­me des über­di­men­sio­nier­ten neu­en Bet­ten­hau­ses ak­zen­tu­iert, dem Waids­pi­tal mach­te in jüngs­ter Zeit ein mar­kan­ter Fall­rück­gang zu schaf­fen. Laut dem neus­ten Tri­mes­ter­be­richt des Stadt­rats ha­ben sich im Waid in den ers­ten acht Mo­na­ten des lau­fen­den Jah­res 6,5 Pro­zent we­ni­ger Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten sta­tio­när be­han­deln las­sen als in der glei­chen Vor­jah­res­pe­ri­ode; 2017 war die Zahl der Fäl­le auch schon um 4 Pro­zent ge­sun­ken.

Nach­richt lös­te beim Per­so­nal gros­se Un­ru­he aus

Für Hau­ri ist An­dré Zemp der rich­ti­ge Mann, um das Ru­der her­um­zu­reis­sen, hat doch der frü­he­re Un­ter­neh­mens­be­ra­ter seit sei­nem Amts­an­tritt vor ei­nem Jahr im Triem­li die Ef­fi­zi­enz be­reits er­höht. Im Waids­pi­tal schlug die Er­nen­nung des neu­en Su­per­di­rek­tors wie ei­ne Bom­be ein. Sie lös­te in der Be­leg­schaft Un­ru­he und Un­si­cher­heit aus. Man be­fürch­tet, das gros­se Triem­li wer­de das klei­ne Waid über­neh­men. Und man sorgt sich, dass die be­son­de­re Be­triebskul­tur des Waids­pi­tals ver­lo­ren ge­hen könn­te.

Die­se Sor­ge ha­ben auch die Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te von Zü­rich­nord, die ei­ne gu­te Zu­sam­men­ar­beit mit dem Waids­pi­tal pfle­gen. Seit über 20 Jah­ren tref­fen sie sich mit den Ka­der­ärz­ten des Spi­tals re­gel­mäs­sig zum Aus­tausch, es gibt ei­ne in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Kon­takt­grup­pe. Das Spi­tal or­ga­ni­siert Fort­bil­dun­gen nach den Be­dürf­nis­sen der Haus­ärz­te, es hat als ers­tes im Kan­ton ei­ne haus­ärzt­li­che Spi­tal­not­fall­pra­xis er­öff­net und ei­nen elek­tro­ni­schen Da­ten­aus­tausch mit den Pra­xis­ärz­ten eta­bliert.

Laut Be­da Bas­ler, Mit­glied der Kon­takt­grup­pe und lang­jäh­ri­ger Haus­arzt in See­bach, zeich­net sich das Waids­pi­tal durch zwei Be­son­der­hei­ten aus: «Es hat ei­ne breit auf­ge­stell­te In­ne­re Me­di­zin, wel­che die oft mehr­fach Kran­ken sehr kom­pe­tent und ge­samt­heit­lich be­han­delt, wenn nö­tig un­ter Bei­zug der Spe­zia­lis­ten. Und der Um­gang mit­ein­an­der ist sehr mensch­lich.»

Nach Be­kannt­wer­den des neu­en Re­gimes schrieb Bas­ler zu­sam­men mit Kol­le­gin­nen ei­nen of­fe­nen Brief an Hau­ri, Zemp so­wie den Zürcher Ge­sund­heits­di­ rek­tor Tho­mas Hei­ni­ger (FDP). «Es steht zu be­fürch­ten, dass mit den von der Po­li­tik for­mu­lier­ten For­de­run­gen und Ziel­set­zun­gen das Waids­pi­tal schritt­wei­se aus­ge­blu­tet und tot­ge­schrumpft wer­den könn­te», schreibt die Ärz­te­grup­pe. Das sei «ein Hor­ror­sze­na­rio für uns und wohl auch für gros­se Tei­le der Be­völ­ke­rung des Ein­zugs­ge­biets». Es feh­le der Weit­blick, zu­mal der Stadt­rat in sei­nen neus­ten Be­völ­ke­rungs­pro­gno­sen für Zü­richNord und Zü­rich­west ein Wachs­tum um rund 100 000 Per­so­nen vor­aus­sa­ge.

Im Waid wird sorg­fäl­tig ge­prüft, ob ei­ne OP nö­tig ist

Die Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te kri­ti­sie­ren die wi­der­sprüch­li­che Ge­sund­heits­po­li­tik: «Gut soll al­so der Chir­urg sein, der mög­lichst viel ope­riert. Der ge­ne­riert dem Spi­tal viel Er­trag und senkt die Ge­ste­hungs­kos­ten. An­de­rer­seits kom­men dann mit schö­ner Re­gel­mäs­sig­keit die Kla­gen, es wür­den zu vie­le Ein­grif­fe durch­ge­führt.» Aus Sicht der Haus­ärz­te ist ein an­de­rer Chir­urg gut. Ei­ner, der nicht nur das Hand­ werk be­herrscht, «son­dern die In­di­ka­ti­on rich­tig und zum rich­ti­gen Zeit­punkt stellt, gut in­for­miert, die Be­treu­ung vor und nach der Ope­ra­ti­on ge­währ­leis­tet und in­ter­dis­zi­pli­när gut ver­netzt ist».

Im Waids­pi­tal sei Ver­net­zung nicht nur ein Schlag­wort, son­dern wer­de ge­lebt, schreibt die Grup­pe. Ob ei­ne Ope­ra­ti­on nö­tig sei oder nicht, wer­de sehr sorg­fäl­tig ge­prüft und mit den Pa­ti­en­ten be­spro­chen. Die Al­ter­sund Pal­lia­tiv­me­di­zin sei eben­falls «her­vor­ra­gend», aber lei­der ta­rif­lich schlecht ge­stellt. Und, was den All­ge­mein­me­di­zi­nern auch wich­tig ist: Im Waid dür­fe man auch ster­ben, wenn die Zeit ge­kom­men sei. «Die­ses Stadt­spi­tal ist heu­te so gut wie noch nie», schrei­ben die Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te. Sie war­nen die Ver­ant­wort­li­chen ein­dring­lich vor ei­nem «Kahl­schlag».

Stadt­rat Hau­ri und Spi­tal­di­rek­tor Zemp ha­ben auf den Brief re­agiert und die Haus­ärz­te­grup­pe auf An­fang De­zem­ber zum Aus­tausch ein­ge­la­den. In­zwi­schen hat Zemp die zu­wei­sen­den Ärz­tin­nen und Ärz­te schon ein­mal be­ru­higt und über den Stand der Din­ge in­for­miert. Es sei­en spi­tal­über­grei­fen­de Pro­jekt­grup­pen ge­bil­det wor­den, die nun an ei­ner ge­mein­sa­men An­ge­bots­stra­te­gie ar­bei­ten wür­den. «Das Ärz­te­ka­der von Waid und Triem­li ist glei­cher­mas­sen in die zu­künf­ti­ge Aus­rich­tung in­vol­viert», schrieb Zemp. Die Ko­ope­ra­ti­on der zwei Spi­tä­ler sol­le für al­le ein Ge­winn sein.

Der Be­fürch­tung, dass die Zu­kunft des Stadt­spi­tals Waid ge­ fähr­det sein könn­te, tritt Zemp ent­schie­den ent­ge­gen: «Das ist nicht der Fall. Im Ge­gen­teil: Der Waid­not­fall bei­spiels­wei­se soll ge­stärkt, Spe­zi­al­dis­zi­pli­nen wie die Al­ters­me­di­zin aus­ge­baut und neue Sprech­stun­den lan­ciert wer­den.»

Kei­ne Re­duk­ti­on auf ein Al­ters­spi­tal

Ge­gen­über dem TA be­kräf­tigt An­dré Zemp die­se Aus­sa­gen: «Wir wol­len das Waid nicht auf­ge­ben, und wir wol­len es auch nicht auf ein Al­ters­spi­tal re­du­zie­ren.» Ei­ne sol­che Aus­rich­tung, die schon ver­schie­dent­lich in die po­li­ti­sche Dis­kus­si­on ge­bracht wur­de, wä­re laut Zemp we­der öko­no­misch noch me­di­zi­nisch sinn­voll: «Nur rund 1000 von 9000 sta­tio­nä­ren Pa­ti­en­ten des Waid sind akut­geria­tri­sche Fäl­le. Zu­dem funk­tio­niert die Ger­ia­trie nicht oh­ne In­ne­re Me­di­zin und Chir­ur­gie.» Die Stra­te­gie sei, bei­de Spi­tä­ler mit je ei­ge­nen Spe­zia­li­sie­run­gen zu stär­ken. Wie die­se aus­se­hen wer­den, sei in Er­ar­bei­tung. Ers­te Ent­schei­de stellt Zemp für Ja­nu­ar in Aus­sicht.

So lan­ge bleibt die Un­si­cher­heit für das Per­so­nal be­ste­hen. Wo ar­bei­te ich nächs­tes Jahr? Braucht es mich dann über­haupt noch? Das fra­gen sich im Waids­pi­tal vie­le. Vom ärzt­li­chen Ka­der hat in den ver­gan­ge­nen Wo­chen zwar nie­mand ge­kün­digt, doch in der Ad­mi­nis­tra­ti­on sind drei Ka­der­frau­en ge­gan­gen: die Lei­te­rin­nen Fi­nan­zen, Di­rek­ti­ons­stab und Me­di­zin­con­trol­ling. Die Fi­nanz­che­fin wech­selt zur Schul­thes­sK­li­nik. Ser­vice­ab­tei­lun­gen wie Con­trol­ling, Per­so­nal­we­sen, IT oder Ein­kauf sol­len zu­sam­men­ge­führt wer­den, so wie es auch nur noch ei­ne Spi­tal­lei­tung für Triem­li und Waid gibt. Wer da­rin ne­ben An­dré Zemp Platz nimmt, ist noch nicht ent­schie­den.

Haus­arzt Be­da Bas­ler ist heu­te im­mer­hin et­was zu­ver­sicht­li­cher als noch vor ei­nem Mo­nat. «Un­se­re Sor­gen sind an­ge­kom­men, und wir ha­ben die Ab­sichts­er­klä­rung ge­hört, dass das Waid ein Akut­spi­tal bleibt.»

«Die Stra­te­gie ist, bei­de Spi­tä­ler mit je ei­ge­nen Spe­zia­li­sie­run­gen zu stär­ken.»

An­dré Zemp, Su­per-di­rek­tor

Fo­to: Ni­co­la Pi­ta­ro

Auch die ge­mein­sa­me Not­fall­pra­xis des Waids­pi­tals und der Haus­ärz­te von Zü­rich-nord (im Bild) steht auf dem Spiel.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.